Schwindel Ursachen : Auf schwankendem Boden

Jeder vierte Erwachsene gerät mindestens einmal im Jahr aus dem Gleichgewicht und erlebt eine Schwindelattacke. Weil Schwindel sehr viele Ursachen haben kann und dabei auch Fächergrenzen überschreitet, ist die Behandlung oft nicht optimal.

von
Schwindel entsteht, wenn man sich in der Welt nicht mehr sicher verankert fühlt.
Schwindel entsteht, wenn man sich in der Welt nicht mehr sicher verankert fühlt.Foto: dpa

Wer aus einem Kirmeskarussell aussteigt, kennt das Gefühl: Kein Halt mehr, die Füße wacklig, die Umwelt rauscht verschwommen vorbei. Das Karussell dreht sich einfach weiter. Viele Menschen erleben Schwindel- und Gleichgewichtsprobleme auch ohne Kirmesbesuch. Etwa jeder zehnte Patient in deutschen Arztpraxen klagt darüber, jeder vierte Erwachsene erlebt mindestens einmal im Jahr eine Schwindelattacke, schätzen Fachleute. Damit zählt Schwindel zu den häufigsten Beschwerden überhaupt.

Schwindel Ursachen: Innenohrerkrankungen und Gleichgewichtsstörungen

Schwindel entsteht, wenn man sich in der Welt nicht mehr sicher verankert fühlt. „Es fehlt eine der Grundfunktionen, die uns meist nicht bewusst ist: dass wir Stabilität erleben“, sagt Thomas Lempert, Leiter der Spezialambulanz für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen an der Schlosspark-Klinik. Normalerweise weiß man, dass die Umwelt nicht einfach vorbeizischt, sondern dass man dies etwa durch eine Bewegung des Kopfes herbeigeführt hat. „Wenn ich Schwindel habe, ist dieses Koordinatensystem in Gefahr geraten“, so Lempert. Das kann körperliche oder psychische Ursachen haben.

„Informationstechnisch betrachtet“, erklärt Professor Dag Moskopp, Direktor der Klinik für Neurochirurgie des Vivantes-Klinikums im Friedrichshain, „resultiert Schwindel daraus, dass divergierende Sinneswahrnehmungen das Hirn erreichen.“ Dort werden permanent Meldungen aus unserem Gleichgewichtsorgan im Innenohr, Seheindrücke sowie Informationen über den Spannungszustand von Muskeln und Sehnen und die Stellung von Gelenken und Kopf miteinander kombiniert und abgeglichen. Schwindel ist ein Alarmsignal des Gehirns, das buchstäblich etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. „Auf einem Schiff können zum Beispiel der Seh- und der Tiefensensibilitätseindruck nicht mehr übereinstimmen“, so Moskopp. Ergebnis: die typische Seekrankheit.

Schwindel kann sehr viele Ursachen haben. Zu den häufigsten zählt Lempert Erkrankungen des Innenohrs und Störungen des Gleichgewichtszentrums. Hinzu kommen altersbedingte Abnutzungserscheinungen, Migräne, Überdosierung von Medikamenten, Gefäßprobleme, Herz-Kreislauf-Störungen und psychosomatische Leiden. Meist kann man dies ohne großen technischen Aufwand diagnostizieren. Denn Schwindelgefühle unterscheiden sich nach Dauer und Begleiterscheinungen. „Wenn jemand Ohrgeräusche hat, schaue ich genauer hin. Wenn jemand eine begleitende Bewegungs- oder Sehstörung hat, kommt sie wahrscheinlich aus dem Gehirn“, so Lempert. Die Auslöser lassen sich durch ein Gespräch mit dem Patienten häufig klären. Tritt der Schwindel etwa nach dem Aufstehen auf, deutet dies auf eine Kreislaufschwäche hin. „Schwindel ist überhaupt nicht kompliziert. Er ist aber bei vielen Ärzten unbeliebt, weil er über die Fächergrenzen hinweg geht und man dafür Zeit für ein Gespräch mit dem Patienten braucht – und das passt nicht gut in den Takt der ambulanten Medizin“, sagt Lempert. Würde man sich ernsthaft mit dem Patienten beschäftigen, könne man die Ursachen aber in 95 Prozent der Fälle klären. Einen Arzt aufsuchen sollten Patienten in jedem Fall bei länger andauerndem und wiederkehrendem Schwindel. Kommen Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungen hinzu, könne dies sogar ein Anzeichen für einen Schlaganfall sein.

Tumor als Ursache für Schwindel

Pinrat Thiemicke wusste lange nicht, warum sie immer wieder unter Schwindelattacken litt. ihre Vermutung: Stress im Beruf. Anfang des Jahres verschlimmerten sich ihre Beschwerden plötzlich auf dem Rückflug aus dem Thailand-Urlaub. Sie verlor das Bewusstsein und stürzte zu Boden. Zu Hause wurde ihr schwarz vor Augen, wenn sie aufstand, den Kopf bewegte oder die Haare wusch. Als zum Schwindel auch noch heftiges Erbrechen hinzukam, hielt es ihr Lebensgefährte nicht mehr aus und fuhr sie ins Vivantes-Klinikum im Friedrichshain. Dort entdeckten die Ärzte unter dem MRT sofort einen champignongroßen Tumor, der auf aufs Kleinhirn drückte, das alle Informationen des Gleichgewichtssystems verarbeitet. Bei Pinrat Thiemicke war das nicht mehr möglich. „Der Tumor hat sozusagen die Rechenleistung minimiert“, erklärt Dag Moskopp. Er ließ die Patientin auf die Intensivstation verlegen und operierte den Tumor heraus. Geblieben ist lediglich eine Narbe hinter dem Ohr. Die Beschwerden sind fort.

Schwindelattacken haben oft eine viel weniger bedrohliche Ursache: winzige Ohrsteinchen, auch Otolithen genannt. Diese bei allen Wirbeltieren auf kleinen Haarzellen im Innenohr liegenden Kalziumkristalle sind unser Orientierungsmelder. Blicken wir nach oben oder neigen wir den Kopf zur Seite, leiten die als träge Masse reagierenden Kristalle dies sofort ans Gehirn weiter. Erst dadurch registrieren wir unsere Stellung im Raum. Die Otolithen können sich allerdings auch in die Bogengänge des Innenohrs verirren. Patienten leiden dann unter sogenanntem Lagerungsschwindel. Vor allem beim Hinlegen und beim Umdrehen im Bett erleben sie kurze Schwindelattacken, die zwar heftig sein können, jedoch selten länger als 30 Sekunden dauern.

Therapie gegen Lagerungsschwindel

Bis vor kurzem galten Schädelverletzungen und Erkrankungen im Innenohr als Ursache für diese Kristallverirrung. Forscher am Dresdener Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe haben aber herausgefunden, dass sich die Otolithen mit zunehmendem Alter zersetzen und aus ihrer Verankerung lösen. „Die Therapie gegen diesen Lagerungsschwindel ist ebenso einfach wie wirksam“, erklärt Dag Moskopp. Durch physiotherapeutische Übungen und Bewegungen des Kopfes fließen die Kristalle an eine Stelle im Gleichgewichtsorgan, wo sie keine Falschmeldungen mehr auslösen können. Ein bisschen wie beim Flippern, wo man eine Kugel hin und her bewegen muss, um sie an die richtige Stelle zu bekommen. Auch bei anderen Schwindelursachen sei die Physiotherapie am vielversprechendsten, meint Thomas Lempert. Etwa wenn durch eine Vireninfektion eines der Gleichgewichtsorgane verloren ging. Medikamente kommen dagegen bei Schwindel eher selten zum Einsatz.

Reine Kopfsache sind angstbedingte Schwindelattacken wie Höhenangst. Jede Wahrnehmung projiziert dann aktiv die Erwartungen auf das Erlebnis. Beim Blick in die Tiefe ist dies die Furcht vor dem Sturz. „In der menschlichen Entwicklung war es auch sinnvoll, Schwindel zu erleben“, sagt Dag Moskopp, „er bewahrt uns davor, sich in lebensbedrohliche Situation zu begeben.“ Schwindel kann also auch unser Freund sein.

Klick ins Heft

0 Kommentare

Neuester Kommentar