Bundesliga : Hertha spielt nicht wie der Tabellenletzte

Schmuddelkinder sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Hertha BSC bekommt das in diesen Tagen öfter zu hören: Spielen eigentlich gar nicht wie ein Tabellenletzter, diese Berliner.

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Schmuddelkinder sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Hertha BSC bekommt das in diesen Tagen öfter zu hören: Spielen eigentlich gar nicht wie ein Tabellenletzter, diese Berliner. Zum Beispiel am Freitag in Bremen. Hertha hielt gut mit gegen eine Mannschaft, die der vormalige Trainer Lucien Favre mal eine der besten in Europa nannte, wenn sie denn erst einmal in Ballbesitz sei. Spiele mit Bremer Beteiligung sind meist eine kurzweilige Angelegenheit. So war es auch am 21. Spieltag der Bundesliga, und der Gast von Platz 18 trug seinen Teil zum Gelingen des Abends bei. Immerhin diese positive Erkenntnis kann das führende Berliner Fußballunternehmen ableiten aus diesem 1:2 am Freitag beim SV Werder. „Die Mannschaft hat sich stabilisiert“, sagt Trainer Friedhelm Funkel. „Und sie hat die Moral, solche Niederlagen wegzustecken.“

Es war allerdings schon die 14. Niederlage im 21. Saisonspiel, was die Situation ein bisschen verkompliziert hat. Da hilft es wenig, dass Hertha BSC einen ganz anderen Fußball spielt als noch im unsäglichen Herbst des vergangenen Jahres. Diese Mannschaft hat Qualität, genau das hatte Werders Trainer Thomas Schaaf gemeint mit der vorbereitenden Warnung an seine zum Leichtsinn neigende Belegschaft, sie dürfe die Berliner auf keinen Fall unterschätzen und an deren Tabellenplatz messen. Man könnte auch sagen: Hertha spielt nicht wie ein Absteiger – aber auch nicht wie eine Mannschaft, die nicht absteigt.

Die Berliner könnten wie Hoffenheim, Wolfsburg oder Bremen unter den ersten zehn der Tabelle mitspielen, wenn sie die Saison so begonnen hätten wie das Kalenderjahr 2010. Fünf Punkte aus den ersten vier Spielen sind eine angemessene Bilanz und mehr, als Hoffenheim, Wolfsburg oder Bremen in der gleichen Zeitspanne erreicht haben. Aber Hoffenheim, Wolfsburg oder Bremen haben mehr als eine sechs Punkte leichte Erbschaft aus der Vorrunde im Depot und können sich deswegen knappe Niederlagen leisten. Hertha BSC kann es nicht. „In Bremen kann man verlieren“, sagt Friedhelm Funkel, „aber insgesamt haben wir in der Rückrunde zwei Punkte zu wenig geholt.“

Hat Hertha in Bremen zu wenig investiert? „Null Punkte sind immer zu wenig“, sagt Mannschaftskapitän Arne Friedrich, sein frankophoner Kollege Steve von Bergen bemüht die selten gehörte Sentenz, „dass wir heute einen Joker gefressen habe“, wobei Joker wohl für „große Chance“ steht. Es bietet sich nicht so oft die Gelegenheit zu einem Gastspiel in Bremen, wenn Werder gerade fünfmal hintereinander verloren hat und nervlich entsprechend angeschlagen ist. Unglücklicherweise ist dieser Zustand in Berlin permanent gegeben. Friedrich, von Bergen und ihre Kollegen gehen in jedes der 17 Rückrundenspiele mit der Vorgabe, dass eigentlich schon ein Unentschieden zu wenig ist. Man kann das positiv als ständig vorhandene Betriebsspannung bezeichnen. Oder negativ als nervliche Belastung, die jeden Schritt lähmen kann. In so einem Klima lässt sich das Potenzial einer Mannschaft schwerlich zu hundert Prozent ausschöpfen.

In Herthas Situation erhält jede Torchance existenzielle Bedeutung und jede vergebene sowieso. Hertha erarbeitete sich in Bremen nicht viele Gelegenheiten zum Erzielen eines Tores. Und erwirtschaftete mit geringem Offensivaufwand doch bemerkenswerten Ertrag. Theofanis Gekas machte wieder sein Tor, ein zweites fand keine Anerkennung, weil der Schiedsrichterassistent eine Abseitsstellung ausgemacht hatte, wo keine Abseitsstellung vorlag. Einen Tag später weilte Funkel zur Spielbeobachtung in Freiburg und erlebte wie so ziemlich alle 24 000 Zuschauer im Stadion die zweite Ungerechtigkeit aus Berliner Sicht: dass nämlich der SC Freiburg, einer von Herthas Konkurrenten im Kampf gegen eine Zukunft in Liga zwei, nur deshalb einen Punkt gegen Schalke 04 ergatterte, weil der Schiedsrichter ein völlig korrektes Schalker Tor nicht anerkannte.

Schicksal? Vielleicht. Oder Kompensation für in jüngerer Vergangenheit reichlich in Anspruch genommenes Glück. Friedhelm Funkel sagt, er könne sich noch gut erinnern an das Berliner Gastspiel im Oktober 2008 in Leverkusen. Bayer stürmte 89 Minuten lang, aber Torhüter Jaroslav Drobny hielt die schwersten Schüsse und Hertha gewann durch ein Last-Minute-Tor von Andrej Woronin 1:0. Lucien Favre verglich seinen Torhüter später mit Jesus Christus.

An diesem Samstag im Leverkusener Herbst begann ein im Rückblick schwer nachvollziehbarer Siegeszug, er hätte Hertha beinahe die Deutsche Meisterschaft beschert. Sah der winterliche Freitag in Bremen schon das Ende der von Favres Nachfolger Funkel heraufbeschworenen Aufholjagd? Wieder bot sich Jaroslav Drobny mit einer grandiosen Leistung für metaphysische Vergleiche an. Der Tscheche war der beste Mann auf dem Platz und vereitelte Torchancen, die eigentlich nicht zu vereiteln waren. Am Ende aber stand kein zweites Wunder, sondern die Erkenntnis, dass Hertha sogar verliert, wenn Jesus im Tor steht.

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