Trainingslager : Hertha: Modern und trotzdem nicht gefragt

Der schwedische Innenverteidiger Rasmus Bengtsson ist bei Hertha BSC ein Opfer der schwierigen Verhältnisse.

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Abgedrängt. Rasmus Bengtsson (links, im Zweikampf mit Lewan Kobiaschwili) ist bei Funkel nicht besonders gefragt. -Foto: City-Press

Da ist die Sache mit diesem Testspiel, man darf sie wohl eine Demütigung nennen. Es war am vergangenen Mittwoch, dem dritten Tag des Trainingslagers auf der den Deutschen liebsten Urlaubsinsel. Hertha BSC testete gegen die Reservemannschaft von Real Mallorca. Die Beine waren schwer, es lief nicht besonders gut, und zur zweiten Hälfte brachte Trainer Friedhelm Funkel elf neue Spieler. Nur Rasmus Bengtsson erwehrte sich als überzählige Nummer 23 des Berliner Kaders mit Stretching der mallorquinischen Kälte. „Es können nun mal nicht alle spielen“, sagte Funkel, und dass er in der so knapp bemessenen Vorbereitung auf die Rückrunde vor allem die Spieler ausprobieren wolle, die es auch im Ernstfall Bundesliga richten müssten. Rasmus Bengtsson, 23 Jahre jung, schwedischer Nationalspieler und bis 2012 bei Hertha unter Vertrag, gehört offenbar nicht dazu.

Der Fall Bengtsson steht symbolisch für den Paradigmenwechsel, der sich bei Hertha BSC in den vergangenen Monaten vollzogen hat. Weg vom Schweizer Laborversuch unter der Anleitung von Lucien Favre, der mit verhältnismäßig geringem finanziellen Aufwand eine Mannschaft aufbauen wollte, „die um Titel mitspielt“ (Favre). Hin zur bodenständigen Arbeit unter Funkel, zur Rückbesinnung auf Bewährtes – auf dass noch gelinge, was derzeit schwer vorstellbar ist, nämlich die Verhinderung des Abstiegs.

Rasmus Bengtsson bringt alles mit, was ein moderner Innenverteidiger braucht. Er kann das Spiel mit dem intelligenten Vertikalpass eröffnen, sein Tackling ist sauber, bei einer Körperlänge von 185 Zentimetern ist er auch nicht zu klein für Erfolg versprechendes Kopfballspiel. Sein Problem ist, dass er sich zur falschen Zeit in Berlin verdingt. Friedhelm Funkels Mission ist nicht langfristig angelegt, sondern auf das Saisonende in vier Monaten zugeschnitten. Funkel braucht Leute, die entweder die Bundesliga kennen oder zuletzt auf hohem Niveau gespielt haben. Leute wie Theofanis Gekas (Leverkusen), Lewan Kobiaschwili (Schalke) oder den tschechischen Nationalspieler Roman Hubnik (Sparta Prag).

In der Rückrunde ist jedes Spiel ein Endspiel, und Endspiele sind nicht geeignet zur Entwicklung von Perspektivspielern. Noch dazu, wenn er gerade zwei Monate lang verletzt war. „Ich habe keine Ahnung, welche Perspektive der Trainer für mich sieht“, sagt Bengtsson. Hat es in jüngster Vergangenheit ein klärendes Gespräch mit Funkel gegeben? „Nein.“

Geplant war alles ganz anders. Als Bengtsson im August einen Vertrag in Berlin unterschrieb, galt Hertha noch als eines der spannendsten Projekte der Bundesliga. Er kam mit der Referenz eines dritten Platzes bei der U-21-Europameisterschaft, ein paar Monate zuvor hatte er in der Nationalmannschaft debütiert. Bengtsson war begehrt bei Klubs aus halb Europa. Lazio Rom, AZ Alkmaar und angeblich auch der Hamburger SV zählten zu den Interessenten. Dass er sich für Berlin entschied, „lag vor allem an Lucien Favre“ und dessen Faible für junge Spieler. „Lazio hat mich nicht wirklich interessiert.“

Favre ist schon lange nicht mehr da. Bei seinem letzten Spiel, einem desaströsen 1:5 in Hoffenheim, verantwortete Rasmus Bengtsson die Innenverteidigung an der Seite von Arne Friedrich. Der rang damals um seine Form und konnte dem jungen Nebenmann nicht die Unterstützung geben, wie sie etwa Friedrich in der vergangenen Saison beim inzwischen abgewanderten Josip Simunic gefunden hatte. Es harmonierte nicht zwischen dem Deutschen und dem Schweden, nach 40 Sekunden waren sie sich zum ersten Mal uneinig, wer denn zum Ball gehen solle – und schon lag Hoffenheim 1:0 vorn.

„Das war ein schlimmes Spiel, aber nicht das schlimmste“, sagt Bengtsson, und dass er manchmal von seinem Debüt im Berliner Trikot träume, es dürfte sich dabei nicht um schöne Träume handeln. Am fünften Spieltag stand er in Mainz erstmals in der Startelf. Hertha führte 1:0, „wir haben 80 Minuten alles richtig gemacht“, aber dann schlug ausgerechnet Bengtsson jenes Luftloch, das zum Mainzer Ausgleich führte, „und danach herrschte bei uns das völlige Chaos, so etwas habe ich noch nie erlebt“. Hertha verlor 1:2, „das war der Beginn des Absturzes“. Für Hertha und Rasmus Bengtsson.

Nach Funkels Amtsantritt durfte er noch einmal zehn Minuten helfen, ein 0:0 gegen den VfL Wolfsburg über die Zeit zu bringen. Danach verletzte Bengtsson sich am Fuß, der Heilungsprozess zog sich zwei Monate hin, erst im neuen Jahr schloss er sich wieder der Berliner Trainingsgruppe an. Am Samstag startet Hertha bei Hannover 96 in die Rückrunde, und wenig spricht dafür, dass Bengtsson zum Kader gehören wird. Körperlich fühlt er sich fit, „aber natürlich fehlt mir die Spielpraxis“, und die wird er allenfalls in der zweiten Mannschaft bekommen. Immerhin durfte er am Samstag im zweiten Testspiel beim 1:1 gegen den FSV Frankfurt eine halbe Stunde mitspielen. Wieder in der Innenverteidigung, wieder an der Seite von Arne Friedrich, und dieses Mal ließen die beiden kein Gegentor mehr zu.

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