Herz : "Der Herzinfarkt wird weiblicher"

Die Geschlechterforscherin Vera Regitz-Zagrosek erklärt, warum Frauen bei Herzkrankheiten aufholen. Und sie beklagt, dass trotzdem die Präventions- und Aufklärungskampagnen noch immer zu sehr auf Männer ausgerichtet sind.

Anna Ilin

Männer kriegen häufiger einen Herzinfarkt als Frauen. Stimmt das?
Ja. Früher waren tatsächlich viel mehr Männer unter den Herzinfarkt-Patienten. Aktuelle Studien zeigen aber, dass mittlerweile in der Gesamtzahl der Herzinfarkte die Frauen aufholen - von den Betroffenen sind etwa 60 Prozent männlich und 40 Prozent weiblich. Was noch stimmt, ist, dass Herzinfarkte bei Männern im Durchschnitt etwa zehn Jahre früher auftreten als bei Frauen. Allerdings scheint sich auch das momentan zu ändern. In Frankreich gab es jetzt eine Studie, bei der herauskam, dass gerade bei den unter 60-jährigen Frauen die Herzinfarktrate stark zunimmt.

Vera Regitz-Zagrosek ist Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité und Gründerin des Graduiertenkollegs »Geschlechtsspezifische Mechanismen bei Myokardhypertrophie«. Seit mehr als 20 Jahren ist sie außerdem Oberärztin im Deutschen Herzzentrum Berlin.
Vera Regitz-Zagrosek ist Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité und Gründerin des...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Woher kommt es, dass sich die Zahlen immer mehr angleichen?
Das ist nicht vollständig erforscht. Aus biologischer Sicht scheint einiges darauf hinzudeuten, dass Frauen zumindest bis zur Menopause biologisch eigentlich besser gegen Herzinfarkte gewappnet sind. So verfügen sie beispielsweise über eine höhere Konzentration von herzschützenden Stickstoffmonoxid-Molekülen als Männer. Andererseits sind zum Beispiel Rauchen und Diabetes - beides Faktoren, die das Herzinfarktrisiko stark anheben - für Frauen noch schädlicher als für Männer. Da Rauchen unter Frauen und Diabetes als Massenproblem relativ neue Erscheinungen sind, könnte das dann wiederum den Anstieg von Herzinfarkten erklären. Aber auch der veränderte Alltag der Frauen spielt eine Rolle. Es ist in den meisten Fällen nach wie vor Frauensache, die Verantwortung für die Kinder und die Pflege der Eltern zu übernehmen. Nur, dass viele Frauen mittlerweile nun auch noch einen Beruf ausüben. Diese Doppelbelastung erhöht das Stresslevel natürlich enorm, was wiederum einen Infarkt wahrscheinlicher macht.

Man liest immer wieder vom so genannten Eva-Infarkt und, dass es bei Frauen oft nur sehr schwache Vorzeichen für einen Herzinfarkt gibt. Sind die Symptome bei Frauen tatsächlich so anders als bei Männern?
Die Unterschiede sind von den Medien in den vergangenen Jahren etwas übertrieben worden. Tatsächlich ist es so, dass die so genannten symptomarmen Herzinfarkte, die etwa ein Drittel der Gesamtzahl ausmachen, bei Frauen etwas häufiger vorkommen als bei Männern. Dabei sind die Symptome sehr unspezifisch, wie zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen oder Müdigkeit. Bei einem normalen Herzinfarkt ist aber sowohl bei Männern als auch bei Frauen das Hauptsymptom Schmerzen in der Brust, die aber von beiden Geschlechtern spontan oft unterschiedlich beschrieben werden. 

Trotzdem sterben mehr Frauen als Männer an einem Herzinfarkt, unter anderem weil er meist später erkannt wird. Warum ist das so?
Die Ärzte sind darauf geschult, dass, wenn Männer über Brustschmerzen klagen, die Diagnose Herzinfarkt unbedingt abgecheckt werden muss. Bei Frauen ist das nicht unbedingt die erste Vermutung. Außerdem beobachten Frauen sich selbst oft besser und können ihre Beschwerden deshalb differenzierter beschreiben - was ja normalerweise sehr gut ist. Nur um den Herzinfarkt zu diagnostizieren, ist das paradoxerweise nachteilig. Damit der Arzt auf das Problem Herzinfarkt kommt, wäre es wahrscheinlich besser, einfach nur die Schmerzen im Brustbereich zu benennen. Zudem lag der Schwerpunkt bei öffentlichen Kampagnen zur Herzinfarkt-Prävention in den letzten 20 Jahren fast ausschließlich auf den Männern. Auch wenn sich das langsam ändert, wird der Herzinfarkt bis heute in erster Linie als Männerproblem wahrgenommen. Das zeigt sich zum Beispiel auch in der Gesundheitsprävention. Es ist auffällig, dass Frauen in den Präventionsstatistiken eigentlich immer vorne liegen: Sie gehen häufiger zum Arzt, essen gesünder und vieles mehr. Nur bei der Herzinfarktprävention sind die Männer viel aktiver.

Gibt es noch andere Herzerkrankungen, die vermehrt Frauen betreffen?
Ja, das Broken-Heart-Syndrom zum Beispiel betrifft vorrangig Frauen. Besonders kurz nach der Menopause sind sie gefährdet. Es ähnelt von den Anzeichen her einem Herzinfarkt, jedoch bleiben die Herzkrangefäße offen. Man weiß, dass Stress vermutlich der Hauptauslöser der Krankheit ist, aber eigentlich ist darüber noch sehr wenig bekannt - auch nicht, warum sie bei Frauen soviel häufiger vorkommt. Das Gleiche gilt für die Erkrankung der kleinen Herzkranzgefäße - der Mirkozirkulation. Betroffene Patientinnen klagen über Schmerzen im Brustbereich. Ärzte ordnen dann in der Regel eine Herzkatheteruntersuchung an. Doch dabei erkennt man nur die großen Herzkranzgefäße. Wenn der Arzt oder die Ärztin dann nicht weitere Untersuchungen vornimmt, werden die Patientinnen ohne Krankheitsbefund nach Hause geschickt. Dabei sind Erkrankungen der Mikrozirkulation fast genauso häufig wie die Erkrankung der großen Herzkranzgefäße und verursachen erhebliche Beschwerden. In beiden Fällen bekommt das Herz nicht genug Blut und damit Sauerstoff geliefert.

Wie sehr ist es mittlerweile verbreitet, gender-sensitiv, also geschlechtsspezifisch zu forschen und zu behandeln?
Die Fachwelt hat nur schwer akzeptieren können, dass Gender-Aspekte bei der medizinischen Forschung und Behandlung eine Rolle spielen sollten. Ich denke, das liegt teilweise daran, dass die meisten wichtigen Gremien-Positionen von Männern besetzt sind. Die gehen am liebsten davon aus, dass Frauen so etwas wie kleine Männer sind und deshalb einfach nur eine niedrigere Dosis von den gleichen Medikamenten brauchen, wenn überhaupt. Aber natürlich ist der weibliche Körper anders, allein schon wegen des Zyklus, der Geschlechtshormone und der Gene. In Europa gibt es seit 2011 eine offizielle Richtlinie, die besagt, dass bei Medikamentenstudien die Zusammensetzung der Probanden die der Erkrankten in der Bevölkerung widerspiegeln soll. Aber natürlich sind Richtlinien nur so gut, wie die Bemühungen, sie einzuhalten. Wenn die Hersteller sagen, es sei eben nicht machbar gewesen, genügend weibliche Probanden einzuschließen, wurde das häufig akzeptiert. Es gibt also noch viel zu tun.

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Weitere Themen der Ausgabe: Sport. Welches Training tut ihrem Herz gut?; Stress kann krank machen - und trifft oft die Armen der Gesellschaft; Cholesterin. Über die guten und schlechten Seiten des Blutfetts; Navigator. Routenplaner zum gesunden Herzen; Bypass-OP. Eine Reportage aus dem Operationssaal; Herztransplantation. Das lange Warten auf den Spender; Lebensrettung. Wie ein Patient einen Herzanfall überlebte; Herzklappen, die man per Katheter durch die Adern schiebt; Herzkatheter. Ein Stent wird eingesetzt; Metabolisches Syndrom. Jugendliche lernen in der Adipositas-Ambulanz, nein zu sagen; Herzreha. Lernziel: Lebensstil radikal ändern; Telemedizin. Wenn der Arzt virtuell zum Hausbesuch kommt; Beininfarkt. Gefäßverschlüsse können gefährlich sein; Krampfadern. Erfolgreich therapieren; Thrombose. Ursachen und Behandlung; und außerdem in übersichtlichen Tabellen: Kliniken und Ärzte im Vergleich

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