Herz : Retterin auf dem Bahnhof

Franziska Döring tat zur richtigen Zeit das richtige. Als Hans-Joachim La Grange mit einem HERZANFALL auf dem Bahnsteig zusammenbricht, hilft sie sofort. Jetzt trafen sich beide wieder.

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"Mir fehlt die Erinnerung an die Viertelstunde vor dem Herzanfall und 15 Tage danach" - Hans-Joachim La Grange und Franziska Döring.
"Mir fehlt die Erinnerung an die Viertelstunde vor dem Herzanfall und 15 Tage danach" - Hans-Joachim La Grange und Franziska...Foto: Thilo Rückeis

An die Gummibärchen und die Bockwurst kann sich Hans-Joachim La Grange beim besten Willen nicht erinnern. Ebenso wenig daran, wie er auf dem S-Bahnhof Lichtenberg das Bewusstsein verlor und beinahe an einem Herzinfarkt starb. Auch das Gesicht seiner Lebensretterin sah er erst viel später zum ersten Mal. »Mir fehlen die letzte Viertelstunde vorher und 15 Tage hinterher«, sagt der 69-Jährige ehemalige Kameramann. Gerade hatte er noch irgendwo in Lichtenberg auf der Straße gestanden und seiner Lebensgefährtin am Telefon erzählt, dass er so einen Druck in der Brust spüre, der bis in den Arm ausstrahle. Und dass ihm das Laufen so schwer falle. »Mir war klar, dass da irgendwas mit dem Herzen war. Ich sagte ihr, dass ich mir gleich am nächsten Tag einen Eiltermin bei meinem Kardiologen besorgen würde.« Er lief nach dem Telefonat noch zum Bahnhof, kaufte sich dort etwas zu essen und wartete auf den nächsten Zug, der ihn zur Geburtstagsfeier seiner Lebensgefährtin in Steglitz bringen sollte.

Der nächste Moment, an den La Grange sich erinnert, ist sein Erwachen aus dem künstlichen Koma in einem Krankenhausbett im Sana Klinikum Lichtenberg. Dort erzählte man ihm, dass seit dem Telefonat mehr als zwei Wochen vergangen waren und er dem Tod gerade ebenso von der Schippe gesprungen war. Oder viel mehr, dass es die 28-jährige Luftverkehrskauffrau Franziska Döring war, die ihn nach einem Herzinfarkt mit einer Herzdruckmassage gerettet hatte. Kurz darauf stellte Olaf Göing, leitender Kardiologe am Klinikum Lichtenberg, der ihn dort behandelt hatte, La Grange seine Lebensretterin vor.

In den fast vier Jahren, die seit dem vergangen sind, blieben Retterin und Geretteter in Kontakt, trafen sich immer mal wieder auf einen Kaffee, telefonieren, mailen. »Wir verstehen uns ganz vernünftig, soweit es der große Generationenunterschied zulässt«, sagt La Grange. Franziska Döring nickt. Die beiden blicken sich voll Zuneigung an.

Dass La Grange und seine Retterin zusammensitzen und gemeinsam die Geschichte erzählen können, das sei etwas ganz Besonderes, sagt Chefarzt Göing. »Es ist selten, dass jemand so gut reagiert, wenn in der Nähe einer umfällt. Und wer ist schon in der Lage, tatsächlich adäquat zu helfen.« Die meisten Menschen, die etwas Ähnliches erlebten wie La Grange, würden es entweder nicht überleben - oder hätten so schwere Folgeschäden, »dass sie nicht mehr davon erzählen können. Ein so guter Ausgang nach einer so langen Zeit im künstlichen Koma auf der Intensivstation kommt nicht oft vor«.

Franziska Döring, eine Frau mit ebenmäßigen Gesichtszügen, die sehr ernsthaft und entschlossen wirkt, erzählt, was damals geschah, als La Granges Erinnerung aussetzte. Die heute 32-Jährige war an jenem Dezemberabend im Jahr 2010 auf dem Weg nachhause, von ihrer Arbeit für eine Fluggesellschaft in Schönefeld. »Ich stand gerade auf dem Bahnsteig in Lichtenberg und fror, da hörte ich komische wimmernde Geräusche hinter dem Kiosk. Ich dachte zuerst, dass jemand ausgeraubt würde. Zwei junge Männer beugten sich über einen älteren Mann am Boden. Aber dann sah ich, dass sie ihm halfen.« Sie fragte, was los sei, fühlte den Puls des Bewusstlosen an der Halsschlagader - »Da war nichts zu spüren.« Und sie sah das Erbrochene in seinem Mund, an dem er zu ersticken schien: Bockwurst und Gummibärchen. »Er lief auch blau an. Ich hab' gedacht, er hat sich verschluckt.« Kurz vorher hatte sie einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, der obligatorisch ist, wenn man an einem Schalter am Flughafen arbeitet, und gelernt, dass man bei Pulslosigkeit mit einer Herzdruckmassage reanimieren muss.

Ein anderer Passant hatte inzwischen den Notarzt gerufen. Franziska Döring ließ sich das Telefon geben: »Sagen Sie mir die Abstände.« Die Anweisung: »Zwei Mal beatmen, dann 30 Mal drücken.« Mit einem Feuchttuch wischte sie ihm schnell noch das Erbrochene weg. Dann beatmete und massierte sie. Immer wieder. Wie lange, das weiß sie nicht mehr. »Ich hab' das immer weiter gemacht, bis der Notarzt kam.« Es dauert meist eine Weile, bis Rettungswagen und Notarzt vor Ort sind. La Grange blieb trotz der Reanimation bewusstlos. »Ich hatte aber ein paar Mal das Gefühl, er reagiert. Die Augen haben ein bisschen geflackert.« »Welcher Laie macht das schon - und wer kann es«, sagt der Kardiologe Göring anerkennend.

»Die Atemwege eines Fremden vom Erbrochenen befreien und dann auch noch adäquat beatmen bis die Sanitäter da sind.«

La Grange hatte nicht nur Glück mit der Retterin, sondern auch mit dem Wetter. Zum Glück war es ein kühler Abend. Der Notarzt kühlte seine Körpertemperatur mit einer Kühldecke noch weiter herunter. »Durch die Kühle wird der Stoffwechsel reduziert, dadurch wird das Gehirn vor Folgeschäden durch die mangelnde Durchblutung geschützt.«

Per Krankenwagen wurde der Bewusstlose ins Herzkatheterlabor im Klinikum gebracht. Auf einem Monitor können Göing und die anderen Kardiologen dort per Röntgendurchleuchtung das Herz sehen: Die Herzkranzarterie, die das Herz durchblutet, wäre bei gesunden Menschen als pulsierende, breite dunkle, geschlängelte Linie zu sehen. Nach einem Infarkt sieht das anders aus: Die Linie bricht dann an irgendeiner Stelle abrupt ab - weil dort kein Blut mehr durch das Gefäß zum Herzmuskel fließt. Denn bei einem Infarkt verstopft die Arterie. Nämlich dann, wenn Ablagerungen aus Kalk und Cholesterin an der Innenwand der Arterie plötzlich reißen, meist an einer Stelle, an der die Ablagerungen die Arterie zuvor über längere Zeit verengt haben. Da der Herzmuskel jetzt nicht mehr durchblutet wird, stirbt er langsam ab.

Bei vielen Herzinfarktpatienten, zum Beispiel bei Hans-Joachim La Grange, kommt es zum so genannten Kammerflimmern: Das Herz schlägt so schnell, dass es das Blut nicht mehr durch den Körper transportieren kann. Jeder Herzschlag entsteht durch einen Stromstoß, den das Herz selbst produziert. Dafür sind bestimmte Zellen verantwortlich. Bei einem Kammerflimmern geben nun aber auch alle anderen Zellen Stromstöße ab, unkontrolliert und unregelmäßig. Der Kreislauf bricht zusammen, das Gehirn wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Der Mensch verdreht die Augen und wird bewusstlos.

Je länger es dauert, bis der Patient in so einer Situation adäquat behandelt wird, desto größer sind die Schäden - sowohl am Herzmuskelgewebe als auch im Gehirn. »In der Zwischenzeit hängt alles von der Reanimation vor Ort ab«, sagt Göring. Franziska Döring sorgte mit ihrer Herzdruckmassage dafür, dass La Granges Herz und Hirn durchblutet wurden, bis der Notarzt das Flimmern mit einem Stromstoß aus einem Defibrillator stoppte und das Herz sozusagen wieder neu startete. Damit stabilisierte er ihn für einen Transport ins Krankenhaus.

Im Herzkatheterlabor wurden La Grange so genannte Stents eingesetzt: Edelstahlgefäßstützen, die an der Stelle der Kranzarterie, die verstopft war, wieder für einen freien Blutdurchfluss sorgen.

Für den etwas übergewichtigen Diabetiker La Grange war es nicht die erste und die letzte Operation am Herzen: Er hatte vorher schon Stents bekommen. Seit dem Herzinfarkt hat man ihm zwei Bypässe gelegt.

Viel Bewegung und eine gesunde Ernährung können Herzerkrankungen vorbeugen - oder dafür Sorgen, dass sie zumindest nicht schlimmer werden. Seit einem halben Jahr, sagt La Grange, habe er »die Ernährung endlich im Griff. Veränderungen im Lebensstil sind nicht so einfach«. Bewegung habe er sich eigentlich immer genug verschafft, sagt er. Als er den Infarkt hatte, kam er gerade vom Tanzen. Auf jeden Fall habe ihn der Herzinfarkt zum Nachdenken gebracht: »Der da oben hat gesagt, du bleibst noch ein bisschen.« Gerade hat er auf der Spree einen Ausflugsdampfer namens Franziska entdeckt - auf den will er seine Retterin gleichen Namens demnächst einladen. »Ja gern, sagt sie. Das machen wir.«

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Weitere Themen der Ausgabe: Sport. Welches Training tut ihrem Herz gut?; Stress kann krank machen - und trifft oft die Armen der Gesellschaft; Cholesterin. Über die guten und schlechten Seiten des Blutfetts; Navigator. Routenplaner zum gesunden Herzen; Bypass-OP. Eine Reportage aus dem Operationssaal; Herztransplantation. Das lange Warten auf den Spender; Herzklappen, die man per Katheter durch die Adern schiebt; Herzkatheter. Ein Stent wird eingesetzt; Metabolisches Syndrom. Jugendliche lernen in der Adipositas-Ambulanz, nein zu sagen; Herzreha. Lernziel: Lebensstil radikal ändern; Telemedizin. Wenn der Arzt virtuell zum Hausbesuch kommt; Beininfarkt. Gefäßverschlüsse können gefährlich sein; Krampfadern. Erfolgreich therapieren; Thrombose. Ursachen und Behandlung; und außerdem in übersichtlichen Tabellen: Kliniken und Ärzte im Vergleich

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