Herz und Kreislauf : Herzstolpern: Vollgas im dritten Gang

Wenn das Herz rast und stolpert, macht das Angst. Doch nicht immer steckt dahinter eine Krankheit. Wie man HERZRHYTHMUSSTÖRUNGEN therapiert, erklärt Kardiologe Thomas Meinertz im Interview.

Gwendolin Gurr

Sie kennen das Gefühl, wenn man seinem Herzen plötzlich nicht mehr ganz vertrauen kann. Wie fühlt sich das an?
Zuerst ist man geneigt, das Gefühl überhaupt zu ignorieren. Man denkt: Ja, das wird schon vorüber gehen, nach einer Zeit ist es weg. Aber es kommt wieder, noch schlimmer. Man bemerkt das Herz, es ist unruhig, stolpert, steigt bis zum Hals. Dann kommt die zweite Reaktion: Man sollte wohl im EKG einmal schauen lassen, was für eine Störung vorliegt. Man verdrängt es aber weiter. Die nächste Reaktion ist, dass man denkt: Das kann ja auch etwas Schlimmes sein, etwas Lebensbedrohliches. Schließlich geht man mit großer Überwindung zum Doktor, der die Störung untersucht.

Wie ist denn der normale Herzrhythmus und ab wann werden Herzstolperer gefährlich?
Normalerweise schlägt das Herz gleich schnell und in gleichen Abständen. Der normale Herzrhythmus liegt zwischen 60 bis 100 Schlägen pro Minute. Bei einer Herzrhythmusstörung schlägt es unregelmäßig, wie eine Fehlzündung bei einem Motor. Das passiert ja ganz gelegentlich an den besten Motoren und Menschen haben das eben auch. Kein Gebilde läuft immer regelmäßig. Eine kleine Störung ist nur eine harmlose Variante der Norm. Einzelne Stolperer sind überhaupt nicht gefährlich. Wenn man aufgeregt ist und das Herz schneller schlägt, ist auch das völlig unproblematisch. Anders ist das, wenn das Herz anfallsartig völlig unregelmäßig schlägt. Dann ist das Vorhofflimmern und das ist krankhaft. Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. Dann rast das Herz mit einem Puls von bis zu 160 Schlägen pro Minute. Es ist die Kunst des Doktors zu unterscheiden, ob die Störung harmlos oder gefährlich ist. Und dann gibt es noch die bösartigste Variante, wenn die Herzrhythmusstörung der Vorläufer des plötzlichen Herztodes ist. Wenn das Herz von Schlag zu Schlag unregelmäßig ist, plötzlich ganz schnell schlägt, wie wenn ein Motor im dritten Gang plötzlich Vollgas gibt, ist die Sache eindeutig: Man muss in die Notaufnahme.

Was sind mögliche Ursachen für die Krankheit?
Zunächst gibt es die harmlosen Herzrhythmusstörungen, die als Fehlzündungen eines normalen Herzens angesehen werden können. Die Störung ist die einzige Krankheit. Sonst ist das Herz völlig normal in allen Punkten. So eine Fehlfunktion kann angeboren sein. Herzrhythmusstörungen können aber auch Folge anderer Erkrankungen sein. Denn letztendlich können alle Leiden des Herzens zu Rhythmusstörungen führen. Bei der dritten Gruppe ist die Herzrhythmusstörung die Folge einer anderen Krankheit an anderen Organen wie zum Beispiel einer Schilddrüsenüberfunktion, Übergewicht oder Diabetes.

Wann müssen Rhythmusstörungen behandelt werden?
Wenn die Gefahr eines plötzlichen Herztodes besteht oder die Störung zu einem Schlaganfall führen kann. Auch wird eine Therapie empfohlen, wenn sich der Patient durch die Störung seelisch sehr stark belastet fühlt. In der Regel wird der Arzt dann zunächst mit Medikamenten versuchen, die Störung in den Griff zu bekommen, zum Beispiel mit Betablockern.

Oft kommen auch Geräte zum Einsatz, die in den Brustkorb eingepflanzt werden. Das sind Herzschrittmacher und Defibrillatoren. Was ist der Unterschied?
Herzschrittmacher haben bei der häufigsten Herzrhythmusstörung, dem Vorhofflimmern, in der Regel nichts zu suchen. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn das Herz selbst nicht genug elektrische Impulse bildet, wenn es zu langsam schlägt. Dann ersetzt der Schrittmacher die fehlenden Impulse. Er ist quasi ein Ersatzaggregat, eine Batterie, die elektrische Impulse bildet und diese auf das Herz überträgt. Ein Defibrillator ist auch ein Aggregat mit elektrischer Energie, aber mit einem gänzlich anderen Einsatzbereich. Er stoppt bösartige Störungen der Pumpbewegungen des Herzens, das sogenannte Kammerflimmern. Das tritt auf, wenn Herzzellen unkontrolliert elektrische Impulse abgeben, die die rhythmische Kontraktion des Herzmuskels ins Chaos sinken lässt. Der Defibrillator kann mit einem Sensor das Kammerflimmern registrieren. Er gibt dann automatisch einen elektrischen Schock ab, der das Impulschaos beendet. Das Herz ist wieder im Takt.

Können die kleinen Helferlein Probleme bei Sicherheitskontrollen am Flughafen verursachen?
Ja, das Metallgehäuse löst einen Alarm aus. Wenn ein Patient beim Security-Check ist und einen Herzschrittmacher hat, muss er vorher sagen: Ich hab das und das eingebaut. Das ist ja auch so bei künstlichen Gelenken. Wenn der Patient dann einen Herzschrittmacherausweis hat und die Narbe an der typischen Stelle ist, kommt er durch die Kontrolle. Der Patient muss aber keine Angst haben, dass der Schrittmacher bei der Kontrolle kaputt geht. Er löst nur das aus, was sonst ein Metallstück im Schuh oder ein Geldstück in der Hosentasche auslöst.

Was raten Sie als Arzt, wenn das Herz stolpert?
Mein Rat ist: Nur keine Panik. Das ist das Aller- erste. Und dann sollte man seinen Herzrhythmus von einem Spezialisten prüfen lassen, um zu wissen, um welche Störung es sich handelt, ob sie harmlos oder gefährlich ist. Wenn man das einmal gemacht hat, ist die Sache abgehakt. In 90 Prozent der Fälle ist die Unregelmäßigkeit im Herzschlag harmlos. Dann ist man beruhigt und muss nicht immer daran denken.

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Weitere Themen der Ausgabe: Sport. Welches Training tut ihrem Herz gut?; Stress kann krank machen - und trifft oft die Armen der Gesellschaft; Cholesterin. Über die guten und schlechten Seiten des Blutfetts; Navigator. Routenplaner zum gesunden Herzen; Bypass-OP. Eine Reportage aus dem Operationssaal; Herztransplantation. Das lange Warten auf den Spender; Lebensrettung. Wie ein Patient einen Herzanfall überlebte; Herzklappen, die man per Katheter durch die Adern schiebt; Herzkatheter. Ein Stent wird eingesetzt; Metabolisches Syndrom. Jugendliche lernen in der Adipositas-Ambulanz, nein zu sagen; Herzreha. Lernziel: Lebensstil radikal ändern; Telemedizin. Wenn der Arzt virtuell zum Hausbesuch kommt; Beininfarkt. Gefäßverschlüsse können gefährlich sein; Krampfadern. Erfolgreich therapieren; Thrombose. Ursachen und Behandlung; und außerdem in übersichtlichen Tabellen: Kliniken und Ärzte im Vergleich

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