Eisbär-Attacke : Zoo hält Eisbärengehege für sicher

Am Karfreitag wurde eine geistig verwirrte Frau von einem Eisbären angegriffen und schwer verletzt. Nach dem dramatischen Vorfall kritisieren Tierschützer nun die Höhe der Zäune.

Annette Kögel

„Hier ist die reingehüpft!“, sagt die Frau und schüttelt den Kopf. Am Eisbärengehege war der Vorfall vom Freitag, bei dem eine 32-jährige, geistig verwirrte Frau aus Köpenick zu den Bären sprang und schwer verletzt gerettet werden konnte, gestern das Gesprächsthema. Aber jetzt den Zaun oder eine Plexiglasscheibe hochziehen? „Bloß nicht, ich bin froh, die Tiere so schön zu sehen“, sagt Margarete Leuschner, 75, aus Potsdam. Man solle nicht für Zehntausende die Begegnung mit den Tieren einschränken nur wegen Einzelfällen von offenbar psychisch Kranken, meint Frauke Kröger, die aus Eckernförde zu Knut reiste.

Als Einziger erhebt der  Tierschutzverein jetzt Vorwürfe gegen den Zoo. „Er trägt eine gewisse Mitschuld, weil er durch die Präsentation von Knut als niedlichem Kuschelbären das Bild der Raubtiere verfälschte“, kritisiert Geschäftsführer Marcel Gäding – zuletzt hatten Tierschützer dem Zoo indes vorgeworfen, er habe Knut nicht genug vermarktet.

Gäding meint, der Zoo müsse nun etwa durch hohe Plexiglasscheiben die Sicherheit der Besucher und der Tiere erhöhen. „Denn es ist zu befürchten, dass es Nachahmer gibt.“ Der Zoo, die beiden Fördervereine für Zoo und Tierpark, mehrere tierschutzpolitische Sprecher der Abgeordnetenhausfraktionen sowie die Zoochefs aus Neumünster und Nürnberg lehnen jedoch solche Maßnahmen als „übertrieben“ und „hysterisch“ ab. SPD-Tierschutzexperte Daniel Buchholz fordert zumindest „Servicekräfte“, die Gästen auch als Infolotsen dienen könnten. Besucher wünschten sich gestern Parkwächter.

„Ein Zoo darf kein Hochsicherheitstrakt werden, wir würden nichts schaffen als Pseudosicherheit: Wer reinwill, der findet einen Weg“, sagt Bärenkurator Heiner Klös. Bei Menschen mit mentalen Problemen – wie auch bei dem Besucher, der sich im Winter zum vermeintlich einsamen Knut setzte – könne man so nichts ausrichten. Klös war gestern erschüttert von der Tat der Frau und „der Gefahr, in der meine Mitarbeiter, meine Tiere schwebten“. Die Tierpfleger hatten die vier Eisbären mit Spielzeug und Stangen abgelenkt. Die Bären bissen die Frau – „zunächst aus Neugier, zur Erkundung, zum Spiel“. Ein Rettungsring am Seil, mit dem Pfleger die Frau die drei Meter hohe Wassergrabenwand hochziehen wollten, brach infolge der Last. Schließlich konnte sie sich trotz Wunden an Arm, Bein und Hüfte am Seil festhalten, mehrere Tierpfleger reichten ihr die Hände, gerieten selbst gefährlich weit über die Brüstung. Nach Auskunft von Heiner Klös besitzen die Zoo-Tierärzte einen Waffenschein für das Betäubungsgewehr – und auch für eine tödliche Waffe, für den Fall, dass Menschenleben in Gefahr sind. Dann kooperiere man auch mit der Polizei.

Bärenkurator Klös wie auch Dauerbesucher des Eisbären-Stars Knut ermahnen mitunter Eltern, die ihre Kinder fürs Foto bei Knut über den Zaun vor dem Wassergraben klettern lassen. „Eltern setzen Kinder auch auf den Brückenrand bei den Krokodilen“, kritisiert Klös.

Dag Encke, Chef des Tiergartens Nürnberg mit Eisbärin Flocke, wollte gestern gar nicht glauben, dass die Frau überlebte. „Die Gesellschaft will nun die absolute Sicherheit, aber die gibt es nicht.“ Zuletzt habe es auch in Nürnberg und Köln, in Dänemark und den USA Fälle gegeben, bei denen sich psychisch kranke Menschen oder Selbstmörder zu Tigern, zu Bären, zu Elefanten gestürzt hätten. Der Besitzer der Eisbären Lars und Knut, der Zoo Neumünster, sieht keine Versäumnisse auf Seiten des Zoos Berlin. FDP-Tierschutzexperte Mirco Dragowski appellierte an Zoogäste, bei solchen Fällen noch beherzter einzugreifen und Menschen an der Tat zu hindern. Annette Kögel

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