Proteste aus aller Welt : Unser Knut

Er ist ein Wahrzeichen Berlins, aber der Zoodirektor tut wenig, um den Eisbären in der Stadt zu halten. Jetzt werden Rücktrittsforderungen laut. Unterdessen gibt es Informationen, nach denen erneut Eisbärnachwuchs unterwegs ist.

Annette Kögel
Eisbaer Knut hat bald Geburtstag
Aus aller Welt kommen Menschen, um ihn zu sehen. Eisbär Knut im Berliner Zoo.Foto: ddp

"Die Menschen sind schockiert, ich bekomme besorgte Mails aus aller Welt. Sie können das nicht fassen, dass Knut womöglich Berlin verlassen soll.“ Doris Webb ist Berlinerin, einer der größten Fans des handaufgezogenen Eisbären im Zoo – und Begründerin der Initiative „Knut forever in Berlin“. Zum zweiten Geburtstag des tierischen Berliner Superstars am Freitag haben sich bei ihr Gäste angekündigt, die sogar aus Kanada, USA, den Niederlanden und Schweden zu Knut in den Zoo reisen. Den nächsten Geburtstag könnte das berühmteste Zootier der Welt womöglich nicht mehr in seiner Geburtsstadt begehen. Denn der Zoo Neumünster hält sich als Eigentümer von Knut offen, den Bären aus Berlin abzuziehen, wenn andere Zoos attraktivere Angebote offerieren: „Ich muss alle Möglichkeiten zum Wohle des Tieres abwägen. Aus Berlin höre ich einfach nichts konkretes, es werden keine langfristigen Pläne vorgelegt, wie man sich die Zukunft des Bären in einem entsprechenden Gehege vorstellt“, sagt Neumünsters Tierparkchef Peter Drüwa.

Die Diskussionen über die ungewisse Zukunft des Bären, dessen Ziehvater Thomas Dörflein jüngst verstarb, bewegen die Menschen überall auf der Welt. „Ich komme aus Guatemala, und ich bin mit meinem Sohn extra hierher gekommen, um Knut zu sehen“, sagt Marissa Maselli, 45. Sie steht vor Knuts Gehege und schüttelt den Kopf: „Der Bär ist doch weltberühmt und ein Baby Berlins, dass ihn sich die Stadt wegnehmen lassen will, kann ich nicht verstehen.“ Dabei könnte der Zoo „heilfroh darüber sein, dass ihm ein Tier so viele Eintrittsgelder und eine so große Popularität verschafft“, sagt Knut-Stammbesucherin Hanna Ranke – sie kommt immer aus Hamburg. Der Zoo wolle freiwillig auf ein Zugpferd verzichten? Das können auch Liane Lachnit aus Leipzig und Astrid Zimmermann aus dem Erzgebirge nicht verstehen. Sie feuern Knut begeistert mit lauten Rufen beim Spielen an.

Berlins Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz äußerte sich verständnislos darüber, was das Interesse der Presse an dem Zootier angehe. „Die Medien müssen wohl ein ,Winterloch’ füllen. Es gibt zu der Frage nichts Neues, das ist alles aufgeputscht.“ Sein Neumünsteraner Kollegen Drüwa habe ihn angeschrieben und gefragt, ob er Knut behalten wolle. „Und ich habe ihn angerufen und ,Ja’ gesagt.“ Da könne man jetzt viel „philosophieren“. Blaszkiewitz betonte erneut, er wolle keine weitere Eisbärenanlage bauen – aber man könne überlegen, Anlagen „umzustrukturieren“. Die Äußerung wird Knut-Fans aufhorchen lassen, denn das klingt so, als könne man jetzt tatsächlich das Knut-Gehege vergrößern oder Anlagen im Tierpark baulich verändern. Der Neubau einer Anlage würde nach Expertenschätzungen sechs bis neun Millionen Euro kosten. Geld, das der Zoo nicht hat, aber möglicherweise hätte haben können.

Schon im April 2007 zur Knut-Manie-Hochzeit hatte Joachim Schäfer, damals Betriebsleiter für „New Business“ der Vetriebskette DUG des Mobilfunkungternehmens  Debitel Deutschland, dem Zoochef angeboten, ein Knut-Gehege über einen Benefiz-Telefonkostenanteil der Kunden zu finanzieren. In seiner ablehnenden Antwortmail schrieb der Zoochef, es sei nicht geplant, „in absehbarer Zeit ein zweites Eisbärengehege zu bauen“. Das Angebot sei zu unkonkret gewesen, und es sei noch nicht entschieden, ob Knut in Berlin bleibe. Jetzt ist wieder viel Zeit vergangen, ohne das etwas Konkretes geschah, obwohl Knut schon etwa in einem Jahr mit einem Weibchen zusammengelegt werden könnte. „Und die Entscheidungen sind in einer Einrichtung mit Landesbeteiligung sehr langwierig“, gibt Peter Drüwa zu bedenken. Eine Frist gebe es aber nicht. Berlins Bärenkurator Heiner Klös wünscht sich aber „Klarheit in dieser Sache bis Weihnachten“. Zumindest die Initiative „Knut forever in Berlin“ macht Nägel mit Köpfen – und startet eine Spendenaktion für ein Knut-Gehege.

Die Knut-Debatte ruft erneut Kritiker des Zoochefs, dessen Vertrag gerade verlängert wurde, auf den Plan. „Berlin darf Knut nicht hergeben, das wäre so, wie wenn ein Freund die Familie verlässt“, sagt Berlins oberster Tourismuswerber Hanns Peter Nerger. Für ihn sei Blaszkiewitz „untragbar als jemand, der für die Außenwirkung von Zoo und Tierpark steht. Der Mann hat teils auch unter Kollegen einen markanten Ruf im negativen Sinne“. Berlins Grünen-Tierexpertin Claudia Hämmerling forderte erneut Blaszkiewitz’ Rücktritt. SPD-Finanzexperte Stefan Zackenfels regte den Zoo zum Nachdenken an, „ob er seine Finanzlücke wohl mit oder ohne Knut besser füllen kann“.

Derweil guckt die Eisbär-Konkurrenz wohl belustigt auf das Affentheater zwischen Neumünster und Berlin. Die Stadt Nürnberg wirbt öffentlichkeitswirksam damit, dass Eisbärin Flocke gerade zwei kleine Geschwister bekommen hat. Auch in Berlin sind die drei Eisbärinnen von Knuts Vater Lars gedeckt worden – und haben sich in ihre Wurfhöhlen zurückgezogen. Ob es auch in Berlin Nachwuchs geben wird, weiß noch keiner. Beobachtungskameras wie in Nürnberg gibt es in der Hauptstadt nicht.

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