Außenhandel : Die Drahtzieher

Vor 14 Jahren haben Murat Ekrek und Talat Deger die Firma Mutanox gegründet. Heute ist der Stahlhändler in mehr als 100 Ländern aktiv

Von Sabine Hölper
Murat Ekrek und Talat Deger, die Chefs des Neuköllner Unternehmens Mutanox
Murat Ekrek und Talat Deger, die Chefs des Neuköllner Unternehmens MutanoxFoto: Sven Darmer

Anfangs ist man ein bisschen enttäuscht, dass einem nichts zu trinken angeboten wird. Die beiden Herren im Chefbüro sind türkischer Abstammung, und ein türkisches Sprichwort besagt, dass ein gemeinsamer Kaffee die Menschen 40 Jahre lang verbindet. Doch manchmal braucht man eben ein bisschen Geduld. Die italienische Röstung wird später gereicht, garniert mit einer guten Portion Humor.

Murat Ekrek und Talat Deger sind die Gründer und Chefs der Mutanox GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Neukölln handelt mit Zäunen. Die beiden haben Doppelstabmatten, ­Gartenzäune, Natodraht, Stacheldraht und Wellengitter im Programm. Ferner Lochbleche, Zierbleche, Punktschweißgitter oder Alurampen. Dazu kommen Nebenprodukte wie etwa schnittfeste Handschuhe. Einen Natodraht installiert man schließlich nicht mit bloßen Händen.

Zäune, Bleche, Draht – das klingt wie Schrauben, Muttern, Dübel. Langweilig. Aber die Geschichte der beiden Männer ist alles andere als das: Aus einem Zwei-Mann-Betrieb in einer 18 Quadratmeter kleinen Schöneberger Dachgeschosswohnung wurde ein Unternehmen, das seine Produkte in mehr als 100 Länder verkauft. Der Umsatzanteil im Ausland beträgt an die 40 Prozent. Die Lieferanten sitzen ebenfalls in der ganzen Welt, in China ebenso wie in Singapur. Rund 5200 Quadratmeter umfasst das Reich von Mutanox, der Großteil davon ist Lagerfläche. Wenn ein Kunde heute meterweise Zaun ordert, kann er ihn morgen bekommen.

Zäune, Bleche, Natodraht. Das klingt auch ein bisschen beängstigend. Gerade in der heutigen Zeit, da in Bezug auf Flüchtlinge viel von Abgrenzung und Internierung die Rede ist. Die beiden Herren, immerhin die deutschlandweit größten Vertreiber des gefährlichen Natodrahts, brechen eine Lanze für ihr Geschäft. "Wir verkaufen den Draht für Menschen, nicht gegen sie", sagt Deger. "Ohne Natodraht vor Gefängnissen oder Irrenanstalten könnten unschuldige Menschen wie Sie und ich nicht frei herumlaufen." Außerdem gibt es da diese Story, die vor etwa anderthalb Jahren durch die internationale Presse ging: Damals kamen Anfragen aus Ungarn im Wert von fünf Millionen Euro herein, aus denen hervorging, dass der Natodraht für die Grenzsicherung zwischen Ungarn und Serbien benötigt wird. Für einen Betrieb mit drei Millionen Euro Jahresumsatz ist das eine immense Summe, und sie hätten aus den Beständen heraus liefern können. Aber Ekrek und Deger lehnten ab. "Wir wollten nicht, dass unser Produkt gegen Menschen eingesetzt wird", sagt Deger. "Wir hätten nicht mehr ruhig schlafen können."

Der Auftrag aus Ungarn war futsch – aber was kümmert das zwei Unternehmer, die sowieso weltweit gefragt sind? Jede Justizvollzugsanstalt in Österreich beliefern sie mit dem Natodraht, auch ausländische Geheimdienste zählen zu ihren Kunden. Für Filmsets werden sie tätig, etwa für die internationale Produktion "Der Vorleser". Sie haben große Bleche für einen Staudamm in Tibet geliefert, gepanzerte Bundeswehr-Fahrzeuge mit bruchfesten Spiegelblechen aus Edelstahl ausgestattet. Nach der Flut auf Hawaii haben sie Maschendraht geliefert und Bleche nach Israel. Auch "reiche Privatleute" zählen zu den Abnehmern der Neuköllner. Ein Kunde orderte Natodraht, "um seinen Garten vor dem dritten Weltkrieg zu schützen. Krank", kommentiert Ekrek. Das Gesetz hingegen besagt, dass jeder, der Natodraht anbringen will, das auch tun darf. Er muss ihn nur in mindestens zwei Meter Höhe und zudem sichtbar installieren. Schließlich sollen sich weder ein Fuchs oder Kaninchen tödlich verletzen, noch soll sich ein Passant eine der scharfen Spitzen ins Auge rammen.

Aber Spinner sind sowieso die Ausnahmen in der Kundenkartei. Die Berliner Firma beliefert das Auswärtige Amt, die Bundesregierung. "Über manche Aufträge müssen wir schweigen", sagt Deger. "Zu brisant." Anderes ist banal: Geschäftsleute sichern ihre Firmengelände mit den Produkten gegen Einbrecher, außerdem sieht man die Doppelstabmatten des Unternehmens fast an jedem ­Berliner Bolzplatz. Wieder andere Geschäftsideen sind bahnbrechend: Als sich vor einigen Jahren die Piratenangriffe auf Hochseeschiffe im Golf von Aden häuften, schlugen die Mutanox-Inhaber den Reedereien vor, die Container mit Natodraht zu umwickeln. Seitdem befahren die Frachter diese Route nicht mehr ohne den Schutz der Produkte aus Berlin, die Angriffe sind auf ein Minimum gesunken.

"World of Mutanox" prangt Weiß auf Blau auf der Firmenbroschüre: Das Internationale ist die DNA des Unternehmens. "Wir kommen viel rum", sagt Ekrek. Man versuche, sowohl die Lieferanten als auch die Kunden in der ganzen Welt zu besuchen. Gleichzeitig ist die Mannschaft in Neukölln vorbereitet für Verhandlungen mit Geschäftspartnern aus dem Ausland. Alle sprechen Englisch, zudem Türkisch, Ekrek hat extra einen Russisch-Kurs belegt und sich sogar in Chinesisch versucht.

Nach einer Anekdote aus dem Bereich der Fremdsprachen kommt der Kaffee. Dazu wird eine Geschichte serviert, die erklären soll, was Mutanox besser macht als die Konkurrenz: "Bei uns gibt es nicht nur Zäune, sondern auch Entertainment", sagt Deger, und er imitiert ein typisches Telefongespräch: Ein Kunde will einen Zaun kaufen, um sein Grundstück zu schützen. Der Kunde: "Hilft da vielleicht Natodraht?" – Deger antwortet so ernst wie er nur kann: – "Natodraht? Den können Sie gerne haben. Dann läuft die Wildsau vorne rein und hinten bekommen Sie Schnitzel."

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