Die Berliner Unternehmerin Dilek Dönmaz : Die Königin des Ayran

Vor 28 Jahren brachte Mehmet Özcan das türkische Joghurtgetränk Ayran nach Deutschland. Inzwischen führt seine Tochter Dilek Dönmez das Unternehmen

Sabine Hölper
Dilek Dönmez in ihrem Behelfsbüro. Im April, so hofft sie, kann die neue Firmenzentrale bezogen werden. Foto: Mike Wolff
Dilek Dönmez in ihrem Behelfsbüro. Im April, so hofft sie, kann die neue Firmenzentrale bezogen werden.Foto: Mike Wolff

Am frühen Morgen war Dilek Dönmez schon beim Sport, jetzt sitzt sie im Restaurant und isst ein leichtes Gericht. Die Kohlehydrate in Form von Kartoffelplätzchen rührt sie nicht an. Gleichzeitig schwärmt Dönmez von Joghurt mit zehn Prozent Fett. Den Einwand, dass der doch recht kalorienreich sei, lässt sie nicht gelten. "Er ist sooo lecker."

Man glaubt Dönmez, dass sie die Wahrheit sagt. Ein bisschen Werbung ist es aber auch. Die 33-Jährige ist schließlich die Geschäftsführerin der Özcan Getränke GmbH, dem führenden Produzenten von Ayran in Deutschland. In Berlin hat die Marke 7gün einen Marktanteil von 70 Prozent. Neben Ayran vertreibt Özcan unter der Eigenmarke Getränke, Joghurt, Tomatenketchup, Salatcreme und Mayonnaise. Daneben hat das Unternehmen Artikel im Programm, die, so Dönmez, "am Markt stark gefragt sind", also etwa Pommes Frites, Geflügelfrikadellen oder Hähnchenschnitzel.

Dönmez hat das Unternehmen vom Vater übernommen. Als er es 1989 gegründet hat, war sie erst sechs Jahre alt. Was sie damals noch nicht wissen konnte: Dass Mehmet Özcan derjenige war, der den Ayran nach Deutschland brachte, dass er der erste Hersteller und Vertreiber von Ayran in Deutschland war. Woran sie sich hingegen sehr gut erinnert: "Dass Papa öfters Proben mit nach Hause gebracht hat. Dann wurde reichlich Ayran getrunken. So lange, bis die richtige Rezeptur gefunden war."

Anfangs gab es den Ayran nur in Glasflaschen

Obwohl die jetzige Chefin nicht alles aus eigener Erfahrung weiß, kann sie die Unternehmensgeschichte ihrer Familie aus dem Effeff erzählen: Die richtige Rezeptur war also bald gefunden, der Ayran wurde produziert und in 0,2-Liter-Glasflaschen abgefüllt. Wer nur die heute verwendeten Plastikbecher kennt, wundert sich. Aber anfangs gab es 7gün, was auf Deutsch im Übrigen sieben Tage heißt, auch nur in Teestuben und Imbissbuden. Eine größere Verbreitung wäre in den ersten Jahren schon deshalb nicht möglich gewesen, weil der Ayran ein Mindesthaltbarkeitsdatum von gerade einmal einer Woche hatte und in Mehrwegflaschen verkauft wurde. Mehmet Özcan höchstpersönlich hat die vollen Flaschen zu den Kunden gebracht und die leeren danach wieder abgeholt. Es muss eine ziemliche Fahrerei gewesen sein.

Sieben Jahre lang ging das so, doch dann, erzählt Dönmez, stieg die Zahl der Kunden rasant, es musste sich etwas ändern. Özcan, damals mit der Firma noch in Wedding ansässig, suchte also nach einer Lösung – und fand sie in Spandau. Dort hatte er nicht nur ein großes Lager entdeckt. In den Räumlichkeiten stand zufälligerweise eine Maschine. Zuvor wurde sie zur Herstellung und Verpackung von Schokolade genutzt. Özcan nutzte sie fortan, um Ayran herzustellen. "Es begann wieder die Zeit des Herumprobierens", sagt Dilek Dönmez. Bis die gewünschte Qualität, bis Geschmack und Konsistenz so waren, wie Özcan es sich vorstellte, ging ein halbes Jahr ins Land – "und viel Milch verloren".

Hätte der Unternehmer die Produktion der Glasflaschen nicht nebenher laufen lassen – es wäre sein Ruin gewesen. Noch ein paar Jahre lang produzierte Özcan den Ayran auch in der gewohnten Form. Einige Kunden wollten es so. Erst 2000 stellte er komplett auf Becher um, die den Flaschen schon deshalb überlegen sind, weil so das Mindesthaltbarkeitsdatum vier Wochen beträgt. Gleichzeitig fing er an zu expandieren – nach Hamburg, Hannover und München. Was nach Aufbruch klingt, wäre allerdings fast zum Fiasko geworden. Die Vertriebspartner waren nicht zuverlässig. "Mein Vater hat hohe Verluste eingefahren", sagt Dönmez. "Es war ein Rückschlag von vielen."

Aktuell macht Özcan Getränke sieben Millionen Euro Umsatz

Dönmez sitzt im Restaurant, sie sieht umwerfend aus und ist gut gelaunt. Das ist auch kein Wunder. Sie ist frisch verheiratet, denkt über die Familienplanung nach. Aber nicht nur privat läuft alles wie am Schnürchen. Auch die Firma, in die sie 2009 eingestiegen ist und die sie seit 2011 leitet, prosperiert. Dönmez beweist das mit einem einzigen Satz, mit der Antwort auf die Frage, welchen Umsatz sie für dieses Jahr anpeilt: "Wir werden wie immer um eine Million Euro wachsen", sagt sie so lässig, dass man lieber noch einmal nachfragt. "Doch", wiederholt sie. Aktuell mache Özcan Getränke sieben Millionen Euro Umsatz. Ende dieses Jahres würden es wohl acht Millionen sein. Einmal bei den Zahlen angekommen, wirft die Frau mit den mittellangen Haaren munter weiter mit Zahlen um sich: Rund 15 Millionen Becher Ayran verkauft der Mittelständler aktuell pro Jahr. Dabei macht Ayran nur rund 60 Prozent des Umsatzes aus. Der Rest geht auf die hauseigenen Produkte Joghurt, Tomatenketchup, Salatcreme und Mayonnaise sowie auf die zugekauften Artikel. Da das Hauptaugenmerk der Firma auf Berlin liegt, kommt es, dass sie in der Stadt stolze 1600 Kunden zählt, sie werden täglich von zwölf eigenen Fahrzeugen beliefert. Dazu gehören Imbissbuden, Restaurants oder Feinkostläden, ebenso wie die Lebensmitteleinzelhändler EDEKA, real, Kaiser‘s und Kaufland. »Ich will in Berlin sein, was Coca-Cola weltweit ist", sagt Dönmez. "Ich will das Produkt überall sehen."

Weiter geht es im Heft, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen


0 Kommentare

Neuester Kommentar