Hotel Michelberger : „Wir sehen uns als modernen Familienbetrieb“

Es ist eine ganz besondere Unterkunft, das Hotel Michelberger an der Warschauer Straße. Geführt wird es von Tom Michelberger und Nadine May. Sie wollen nicht nur nach Profit streben und es soll so viel mehr sein als einfach nur ein Hotel. Und wer die Lobby betritt, den erwartet eine Überraschung.

Lukas Wohner
Tom Michelberger und Nadine May
Tom Michelberger und Nadine MayFoto: Tsp/ Mike Wolff

Es macht den Eindruck, als hätte sie dieser Satz geprägt: „Ich brauche das Abenteuer, das Unerwartete, das Spontane, das überraschende Erlebnis.“ Monaco Franze sagt das in der ersten Folge der gleichlautenden 1980er-Jahre-TV-Serie. Nadine May und Tom Michelberger haben ihr Unternehmen „Monaco & Freunde“ genannt – es war ihre Lieblingsserie damals.

Dieses Unerwartete, das Abenteuer hat sich mit dem Michelberger an der Warschauer Straße in einem Hotel manifestiert: Eine Lobby im Flohmarkt-Chic mit Lampenschirmen aus alten Büchern, darüber Räume, die aussehen, als hätte man einen dieser eklektischen Berliner Clubs zu einer riesigen Herberge mit 110 verschiedenen Zimmern umfunktioniert. Überall gibt es Details zu entdecken, die zusammengewürfelt wirken und doch zu gut zusammenpassen. Apropos: Haben die da ihre eigenen Etiketten auf den Wasserflaschen? Und wo bekommt man solche Tapeten her?

Ein Ort, der sich ständig weiterentwickelt

„Dass wir uns immer die Möglichkeiten der Entwicklung offenhalten, ist die Basis für unseren Erfolg“, sagt Tom Michelberger heute. Rund fünf Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zur Eröffnung im Jahr 2009. Vom Gefühl, das die Leute im Hotel empfinden sollten, habe man eine Idealvorstellung gehabt – und sich dann auf eine Reise ohne Ziel begeben. Erfahrung mit Hotellerie hatten Michelberger und May nicht, dafür das Selbstvertrauen, dass es so schwer nicht sein könne. Mit einem Kollektiv aus Freunden und Familie, Designern und Architekten schufen die beiden Zugezogenen – er kommt vom Bodensee, sie aus dem Münsterland – einen Ort, der sich ständig weiterentwickelt, der Hotel ist, Bar, Restaurant und zugleich Atelier, Bühne und Ideenschmiede.

Mittlerweile 100 Mitarbeiter

Den Erfolg messen Michelberger und May, die auch privat ein Paar sind, nur bedingt in der Auslastung der Zimmer. „Profitmaximierung ist nie unsere Motivation gewesen“, sagt May. Die diplomierte Sozialpädagogin hat nach ihrem Umzug ins Berlin der Jahrtausendwende erst einmal auf eigene Faust Veranstaltungen organisiert. Ein „ganz großer Luxus“ sei hingegen, dass man mittlerweile 100 Menschen beschäftigen könne. Das hängt damit zusammen, dass das Hotel längst als Basis für andere Projekte dient, die dem kreativen Michelberger-Kosmos entspringen.

So hat das Hotel seit 2012 seinen eigenen Jungbrunnen: „Michelberger’s Fountain of Youth“ steht auf der weißen Blechdose mit dem kräftigen roten Affen, gestaltet vom hauseigenen Design-Studio. Bei dem Kokoswasser handelt es sich nicht um ein eingekauftes Produkt, sondern um so ein Ding, das die Michelbergers „einfach machen mussten“. Dafür reisten sie um die halbe Welt, besuchten Plantagen in Thailand und lernten die Menschen vor Ort und ihre Arbeitsbedingungen kennen. „In Beziehung zu treten bedeutet für uns Lebensqualität“, sagt Michelberger. „Wir glauben einfach dran, dass die Zahl der Leute steigt, die sich einen Bezug zu den Dingen wünschen – ob das mit der Kleidung ist, mit dem Essen oder dem Übernachten.“

„Fremdfinanzierung ist für viele tolle Ideen der Anfang vom Ende“

Vielleicht hängt diese Einstellung damit zusammen, dass Michelberger nach seinem BWL-Studium in San Francisco mitbekam, wie die Dotcom-Blase platzte. Seither hat er den Wunsch, solide zu wirtschaften – die Mentalität vieler Start-ups und Investoren ist ihm fremd. Und so entschied man sich eben für ein kleines Unternehmen in Thailand, wo die Bauern laut Michelberger die Kokosnüsse noch mit der Machete ernten.

„Wir denken bei so etwas nicht in Finanzierungsrunden“, winkt Nadine May ab, „Fremdfinanzierung ist für viele tolle Ideen der Anfang vom Ende.“ Gute Ideen entstünden auch dann nicht, wenn man ein halbes Jahr an einem Businessplan schreibe. Michelberger und May stemmen aus eigener Kraft, woran sie selbst glauben, immer in der festen Überzeugung, dass sich Menschen mit einer Wertschätzung für ihr Produkt finden werden.

Sie schätzen flache Hierarchien

Ähnlich ist es im vergangenen Jahr mit ihrem „Michelberger Booze“ gelaufen, einem Kräuterschnaps, den sie gemeinsam mit Ulf Stahl und Gerald Schroff von der Preußischen Spirituosen Manufaktur im Wedding entwickelt haben.

Dabei sollten Schnaps und Kokoswasser von Anfang an mehr als nur Merchandising sein. Inzwischen haben sich daraus eigene kleine Firmen entwickelt – mit wieder neuen Mitarbeitern und eigenen Verantwortlichen. Die beiden Mittdreißiger May und Michelberger sind zwar in all diesen Firmen Hauptgesellschafter, schätzen ansonsten aber flache Hierarchien. Ihre Mitarbeiter genießen Freiheiten, sie sollen sich in den Produkten widerspiegeln. Das zeigt sich auch in den sehr aufwendigen und verspielten Webseiten für jedes einzelne Projekt – keine gleicht der anderen.

„Wir sehen uns als modernen Familienbetrieb“, sagt Michelberger, der wie May aus einer Unternehmerfamilie stammt, und meint damit keine Blutsverwandtschaft, „sondern dass man gewisse Einstellungen vertritt und diese mit Leuten teilt, die sich angezogen fühlen, hier mitzumachen.“ Dazu gehört, dass die Michelbergers sich nicht so recht abhängig machen wollen von Zahlen und externen Erwartungen. Sie nehmen sich die Freiheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Kürzlich waren Tom Michelberger und Nadine May in New York – für die beiden ein Sehnsuchtsort –, um für ihren Schnaps zu werben. Auch ein Hotel in Brooklyn schwebt den beiden schon seit Längerem vor. Doch es wäre nicht weiter verwunderlich, hätten sie auf dem Heimflug bereits ganz andere Ideen im Gepäck gehabt, etwas gänzlich Unerwartetes eben.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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