Industrie in Berlin : Millionenschwer und unsichtbar

Durch die deutsche Teilung und die Wende blutete Berlins einst blühende Industrie aus. Nur langsam erholt sie sich davon. Besonders in den letzten Jahren hat das Tempo Fahrt aufgenommen - doch nicht alle Entwicklungen sind rosig.

Sabine Hölper
Auch Bahlsen produziert in Berlin.
Auch Bahlsen produziert in Berlin.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die 15 Animationsfilmchen von jeweils 30 Sekunden Länge zeigen Menschen auf Motorrädern, Patienten, die eine Spritze in den Arm bekommen, oder Roboter, die um eine Discokugel herumtanzen. Unterlegt sind die kurzen Streifen mit fetziger Musik der Band Bollmer, in den Texten ertönt häufig das Wort Berlin. Einmal heißt es "Berlin, da wollt‘ ich immer hin, jetzt bin ich mittendrin", ein anderes Mal "Berlin, dein Atem schmeckt nach Benzin." Oder auch: "Berlin, Du bist mein Adrenalin."

Entstanden sind die rockigen Filme mit 15 Berliner Industrieunternehmen als Hauptdarsteller im Rahmen der Kampagne "be Berlin", mit der die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner seit 2008 zeigen will, was die Hauptstadt so anziehend macht. Und dazu gehört eben auch die Industrie. "Berlindustrie rocks" mache das große Potenzial der Industriemetropole Berlin sichtbar, erklärt Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, das im Februar vorgestellte­ Projekt. "Es stärkt das Image der Berliner Industrie."

Berlins Industrie ist seltsam unsichtbar

Die Berliner Industrie hat ein Imageproblem? Nun ja, nicht in dem Sinn, wie Schweizer Banken ein Imageproblem haben. Man unterstellt der Branche nichts Böses. Man tut eher so, als gäbe es sie nicht. Man sollte das Wort Image deshalb auch besser durch den Begriff Bekanntheit ersetzen. Berlin ist in der öffentlichen Wahrnehmung die Hauptstadt der Start-ups, die Kreativmetropole, der Tourismus-Hotspot. Aber doch nicht die Stadt der Industrie. Bei einer Umfrage auf der Straße würde sicher kaum ein Passant zehn Namen von hiesigen Industrieunternehmen aufzählen können.

Mit 106.000 Beschäftigten und einem Beitrag von rund zehn Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt ist es um die Berliner Industrie nicht ganz so schlecht bestellt, wie es mancher glaubt. Dieser Eindruck entsteht allenfalls durch den Vergleich mit der viel dominanteren Dienstleistungsbranche. Oder auch deshalb, weil die Industrie in der Stadt kleinteilig strukturiert und deshalb weniger sichtbar ist. Geprägt wird die Industrielandschaft der Hauptstadt durch kleine und mittelständische Unternehmen. Die große Mehrheit der Firmen beschäftigt weniger als 20 Mitarbeiter.

Wie viel Umsatz sie machen, ist nicht bekannt, weil diese Betriebe von der amtlichen Statistik nicht erfasst werden. Fest steht aber, dass in diesen Unternehmen rund 12.500 Mitarbeiter beschäftigt sind. Darüber hinaus gibt es mehr als 700 Industriebetriebe mit 20 bis 499 Mitarbeitern, darunter etwa Laserline oder die PUK-Werke. Zusammen beschäftigen die Mittelständler knapp 50.000 Mitarbeiter und erwirtschaften 10,6 Prozent der gut 23 Milliarden Euro Umsatz.

In Berlin ist der weltweit größte Fertigungsstandort von Siemens

Nur gut 42.000 Beschäftigte, dafür aber der Großteil des Umsatzes gehen auf das Konto der 30 großen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten, darunter der Aufzugbauer Schindler, der Medizintechnikhersteller Biotronik oder Berliner Glas. Bekannter als diese Namen sind aber andere. Es sind die der Konzerne, die ihren Hauptsitz zwar nicht in Berlin haben, hier aber produzieren. Die Daimler AG zum Beispiel fertigt mit mehr als 2500 Mitarbeitern gut 126.000 Motoren in ihrem Berliner Werk, im BMW-Werk in Spandau sind 2000 Mitarbeiter beschäftigt, täglich laufen bis zu 630 Motorräder vom Band.

Im Knorr-Bremse-Werk in Marzahn-Hellersdorf stellen 700 Mitarbeiter Bremsscheiben und Bremssteuerungen für Schienenfahrzeuge her, Bahlsen produziert in Tempelhof mit 360 Mitarbeitern pro Jahr 30.000 Tonnen Gebäck, Klosterfrau bringt mit mehr als 200 Mitarbeitern Halstabletten und den Melissengeist auf den Markt, das Hamburger Unternehmen Beiersdorf stellt am Salzufer mit 250 Mitarbeitern jedes Jahr rund 290.000 Flaschen Shampoo und Duschbad her, im Marienfelder Werk des Weltkonzerns Procter & Gamble produzieren 800 Mitarbeiter Rasierklingen für Sie und Ihn. Das prominenteste Beispiel aber ist Siemens. Mit sieben Werken ist die Hauptstadt der weltweit größte Fertigungsstandort des Konzerns. Das Umsatzvolumen beträgt 500 Millionen Euro, mit 11.800 Mitarbeitern ist Siemens, dessen Hauptsitz auf Berlin und München verteilt ist, der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt.

Viele dieser Konzerne produzieren seit Jahrzehnten in Berlin, einige seit mehr als einem Jahrhundert. Das Berliner Mercedes-Benz-Werk wurde 1902 errichtet, das von Knorr-Bremse 1905. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war hier das größte Industriezentrum Deutschlands, begründet vor allem durch Firmen wie Borsig (Maschinenbau), Siemens & Halske oder AEG (Elektroindustrie). Aber auch in den Sektoren Bauwirtschaft, Nahrungsmittel und Bekleidung erlangte Berlin eine große Bedeutung. Diese hielt bis vor dem Zweiten Weltkrieg an. 1936 zählte die Stadt 574.000 Beschäftige im produzierenden Gewerbe.

Nach der Wende gingen drei Viertel der Industrie-Arbeitsplätze verloren

Von da an ging es bergab, nach dem Krieg verlagerten rund 320 Firmen ihren Standort nach Westdeutschland, darunter Siemens, AEG, Telefunken, Osram oder auch Knorr-Bremse. Die Folge: Bis zum Jahr 1950 schrumpfte die Zahl der Industriearbeitsplätze auf 150.000. In den nächsten Jahren ging es mit der Berliner Industrie mal auf-, mal abwärts. 1989 zählte der Sektor immerhin 378.000 Beschäftigte, 173.000 im West- und gut 205.000 im Ostteil.

Doch der nach der Wiedervereinigung einsetzende Strukturwandel raffte mehr als 75 Prozent der Arbeitsplätze dahin. Der Tiefstand wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts erreicht, als nur noch 100.000 Menschen im produzierenden Gewerbe beschäftigt waren. Damals fand die Politik den Zustand allerdings nicht besorgniserregend. Im Gegenteil vertrat man die Meinung, Berlin bräuchte keine rauchenden Schlote.

Es sollte einige Jahre dauern, bis der Senat seine Meinung änderte. Dann aber änderte er sie gründlich: Gemeinsam mit dem Netzwerk Industriepolitik konzipierte er ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit: den "Masterplan Industriestadt Berlin 2010 – 2020", der Akteure aus der Wirtschaft, Gewerkschaften, Politik und Verwaltung an einen Tisch brachte. Der Masterplan soll "Wachstumshemmnisse" beseitigen, damit sich die Industrie in der Stadt optimal weiterentwickeln kann. Ziel sei es, bis 2020 ein überdurchschnittliches Umsatz- und Beschäftigungswachstum zu erreichen. Industriepolitik müsse als Querschnittsaufgabe umgesetzt und Unternehmensnetzwerke am Standort Berlin gefördert werden. Bestandteil des Masterplans ist auch die sogenannte Transfer-Allianz, die durch eine engere Zusammenarbeit von Firmen und Wissenschaftseinrichtungen "die Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft sichern und weiterentwickeln will". Die beteiligten Akteure möchten die Innovationsbereitschaft von Unternehmen erhöhen und engagieren sich für eine Steigerung von "Produkt- und Prozessinnovationen im Industrie- und Dienstleistungsbereich", heißt es in der Präambel.

Der Aufschwung ist spürbar

Trotzdem gibt es jetzt, zur Halbzeit des Masterplans, in der Stadt nur wenig mehr Beschäftigte. Aber immerhin: Es tut sich was, der Aufschwung ist spürbar, es wird investiert. Ahlberg Metalltechnik etwa baut in Adlershof und führt hier Produktion und Verwaltung aller vier Unternehmen der Gruppe zusammen, Sanofi Pasteur, ein Joint Venture der Pharmafirmen Sanofi und Merck, verlegt noch in diesem Jahr sein Hauptquartier für Deutschland und Österreich aus dem baden-württembergischen Leimen nach Berlin.

Das Telekommunikationsunternehmen Cisco hat im vergangenen Jahr angekündigt, dass es eines von weltweit sechs Innovationszentren in der Hauptstadt eröffnen wird. General Electric verstärkt sein Engagement in der Stadt mit dem Bau eines neuen Trainingszentrums, der Prothesenhersteller Ottobock eröffnet sein Future Lab in der Bötzow Brauerei, der Frankiermaschinenhersteller Francotyp Postalia ist soeben mit der Fertigungs- und Entwicklungsabteilung nach Berlin zurückgekehrt. Außerdem siedeln sich jedes Jahr eine Vielzahl von Start-ups in technologieintensiven Branchen an. Allein im vergangenen Jahr waren es 1400.

Die Beispiele zeigen, wie sich die Industrie in Berlin erneut wandelt. Die Firmen investieren nicht in den Aufbau großer Produktionen. "Die klassische Auftragsfertigung sitzt nicht mehr in Berlin, sondern in China", sagt Silke Richter, Industrieexpertin bei der IHK Berlin. Das Geld fließe stattdessen in Innovationen, in die Forschung und Entwicklung, in die Zukunft namens Industrie 4.0. Und es fließe viel Geld. Pro Arbeitsplatz betrugen die Investitionen im vergangenen Jahr 250.000 Euro, hat Berlin Partner errechnet. "Das ist ein sehr hoher Wert", sagt Silke Richter. "Er zeigt, dass hier nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen werden."

Viele Betriebe dünnen die Belegschaft aus

Aber auch diese Zahlen sprechen für sich: Die Bruttowertschöpfung der Berliner Gewerbebetriebe ist zwischen 2005 und 2013 um ein Fünftel gestiegen – auf gut neun Milliarden Euro. Pro 100.000 Einwohner ergibt das einen Wert von knapp 76.000 Euro, damit liegt Berlin über dem bundesweiten Schnitt. Überdurchschnittlich hoch ist auch die Exportquote. Sie beträgt 56 Prozent.

Trotzdem: Es ist nicht alles rosig. Die großen Unternehmen bauen tendenziell eher Mitarbeiter ab, als neue einzustellen. Siemens zum Beispiel plant, deutschlandweit 3000 Arbeitsplätze zu streichen, einige davon auch in Berlin. Procter & Gamble dünnt seine Belegschaft ebenfalls aus. Bis 2017 wird die Zahl der Mitarbeiter in Marienfelde voraussichtlich auf 750 Beschäftigte sinken, bis 2020 dann auf 670. Und die Stadt kann über diesen kürzlich zwischen IG Metall und Betriebsrat ausgehandelten Kompromiss sogar noch froh sein. Denn der ursprüngliche Plan des Konzerns sah vor, einen Teil der Produktion nach Polen auszulagern. Der Standort ist deutlich billiger.

Das gilt auch für einen anderen Nachbarn: für Brandenburg. Kein Wunder, dass viele Firmen mit einem Umzug liebäugeln. In Brandenburg gibt es, anders als in Berlin, wo die Industrieflächen langsam ausgehen, noch genügend günstigen Raum für Werkshallen. Und nicht nur das: Auch der Gewerbesteuerhebesatz ist im benachbarten Bundesland bedeutend niedriger.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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