Interview mit dem Typographen Erik Spiekermann : "Ich will nicht länger warten"

Erik Spiekermann will eine Handwerksmanufaktur in Berlin ansiedeln: Buchbinder, Drucker, Kaffeeröster. Damit könnte er Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig aussterbende Berufe erhalten. Der Senat findet es super - im Interview erzählt Spiekermann, warum er trotzdem kaum Unterstützung bekommt.

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Erik Spiekermann
Erik SpiekermannFoto: promo

Er ist viel unterwegs: Ein paar Tage vor dem Interviewtermin weilte Erik Spiekermann noch im schönen San Francisco, einen Tag später machte er sich zum nächsten Termin auf Richtung London. Dazwischen findet er Zeit für ein Treffen in seiner Buchdruckwerkstatt P98a in der Potsdamer Straße. Dort stehen sechs Andruckpressen und ein nostalgisch anmutender "Heidelberger Tiegel". In alten Schränken mit großen Schubladen liegt eine Vielzahl von Buchstaben aus Holz und Blei. Ein Paradies für Typografen.

Herr Spiekermann, wir sitzen gerade in Ihrer Galerie P98a. Was passiert in der "Hobbywerkstatt", wie Sie sie nennen?
Wir geben hier Kurse, weil es einen Bedarf gibt, besonders in der digitalen Welt. Kürzlich waren zum Beispiel die Leute von der Agentur razorfish da. Für die ist das ein Wunderland, sie erfahren, dass Schrift nicht nur etwas Virtuelles ist, sondern früher etwas zum Anfassen war. Eine sinnliche und nützliche Erfahrung. Und es ist nostalgisch schön, etwas selber zu machen, sich die Finger schmutzig zu machen. Das macht allen Spaß. Es ist wie Keksebacken mit Kindern.

Altes Handwerk kommt wieder in Mode…
Ja, das kommt uns entgegen. Man will wieder wissen, wo etwas herkommt, auch Druckerzeugnisse, die sind nicht irgendwo in der Cloud, sondern werden konkret hergestellt.

Sie sind auf der Suche nach einer Immobilie, um dort Manufakturen anzusiedeln. Wie kam es zu der Idee?
Es begann damit, dass ich mich mit Leuten zusammengeschlossen habe, die in Adlershof eine alte Druckerei übernommen haben, die pleite war und raus musste. Dort stehen noch alte Maschinen aus den 1920er Jahren. Die darf man nicht wegschmeißen. Druckerei und Setzerei sind ja Kultur. Dann kam noch ein Buchbinder dazu, der auch neue Räume suchte. Wir wussten, dass wir das Handwerk erhalten wollen. Im grafischen Gewerbe gibt es Berufe, die aussterben. Handbuchbinder, Handsetzer, Buchdruck von Hand – wird nicht mehr gelehrt. Dann stehen Buchdruckmaschinen im Museum mit einer roten Kordel drum, auf der steht: "Bitte nicht berühren", und kein Mensch kann sie mehr bedienen. Das ist ja nicht Sinn der Sache. Der Erhalt des Handwerks ist gewissermaßen unser selbst gestellter Kulturauftrag.

Wie kamen denn die anderen Gewerke dazu?
Ich kenne viele Leute, darunter Bäcker, Schuhmacher, Rahmenbauer, Kaffeeröster. Alle haben das gleiche Problem: Sie brauchen mehr Platz und suchen Räume, weil in ihren alten Werkstätten Luxuswohnungen entstehen, die kein Mensch braucht. Das sind alles Leute, die nicht an den Stadtrand wollen, auch weil ihre Kunden ja da sind. Die drei Macher von der Markthalle Neun sind im Übrigen auch dabei.

Sie spielen auf das an, was man als "Berliner Mischung" bezeichnet.
Ja, früher hatte der Bäcker die Backstube im Seitenflügel und vorne seinen Laden, das gibt es jetzt wieder. Früher waren die typischen Berliner Gewerke wie Tischler oder Schlosser im zweiten, dritten Hinterhof, die dreckigen und krachmachenden waren ganz hinten, die sauberen etwas weiter vorne. Dort wurde gewohnt und gearbeitet.

Was ist daran vorteilhaft?
Niemand muss quer durch die Stadt fahren, man bleibt, wo man ist, geht um die Ecke zur Arbeit. Im Prinzip keine doofe Sache. In den USA fährt man morgens in die Stadt rein zum Arbeiten und abends wieder raus. Auch zwischen Potsdam und Berlin gibt es das. Es verursacht Dreck, Lärm, Ärger und nimmt unglaublich viel Zeit weg. Zusammengerechnet macht das jede ­Woche einen Tag. Es ist unfassbar!

Haben wir diese Berliner Mischung verloren?
Ja, aber wir wollen sie wieder zurückhaben: Diese Bewegung, lokal zu arbeiten, ist keine ganz neue Sache, die gibt es seit einigen Jahren, zum Teil ist das Hipster-Kultur, zum Teil hat es aber auch seinen Grund. Es ist schöner, mit Freunden zu arbeiten oder zu Fuß zum Bäcker zu gehen, das ist ja nicht nur nostalgisch, sondern hat durchaus auch einen ökonomischen Sinn.

Deshalb suchen Sie jetzt ein ganzes Gebäude?
Wenn wir schon so viele Leute sind, könnte es ja einfacher sein, statt 1000 Quadratmeter für unsere Druckerei lieber gleich ein ganzes Gebäude zu suchen, wo dann alle rein könnten. Ich hatte vor Jahren schon mal mit Hans Georg Näder von Ottobock verhandelt, damals war ich noch nicht so weit, und dann hatte er schon seine Planung für die Bötzowbrauerei, sonst wären wir da eingestiegen.

War nicht auch die Alte Münze im Gespräch?
Ja, aber die ist nicht zu verkaufen, die versifft jetzt und muss wahrscheinlich für teures Geld saniert werden. Ich war beim Berlin Immobilien Management (BIM), da gibt es nicht einmal ein Kataster. Das heißt, man weiß dort nicht genau, was dem Land gehört. Die Leute vom BIM wissen, dass sie die Alte Münze haben und dass sie nicht verkauft werden darf, aber keiner weiß, warum.

Brauchen Sie Subventionen?
Das hat uns das BIM auch gefragt. Nein, wir wollen kein Geld, wir zahlen Miete, wir wollen kaufen oder mieten, aber wir wollen längerfristige Sicherheit, 15 bis 20 Jahre.

Was genau suchen Sie denn?
Wir brauchen mitten in der Stadt innerhalb des S-Bahn-Rings ein möglichst altes Gebäude, es kann auch ruhig ein bisschen vergammelt sein, so etwas wie die Kulturbrauerei oder Bötzow wäre gut gewesen. Es gibt noch ein Gebäude, das interessant ist: das alte Straßenbahndepot in der Belziger Straße in Schöneberg. Derzeit stellt die Polizei dort abgeschleppte Fahrzeuge unter. Das ist keine besonders tolle Nutzung. Ich werde demnächst mit der BIM Kontakt aufnehmen. Zwei Architekten haben ein Konzept entwickelt für eine Mischung aus Kunst und Handwerk. Da passt unser Manufakturenkonzept wunderbar hinein. Und Kunst muss irgendwie immer sein.

Wobei Sie ja eine klassische Gewerbeansiedlung planen mit Handwerk statt Kunst...
Wir machen das Gegenteil von Kunst, in Ateliers wird kein Mehrwert geschaffen, und dort entstehen auch keine Arbeitsplätze. Aber wir haben Gewerke, die kunstaffin sind. Wir arbeiten ja auch für Künstler. Darüber hinaus gibt es auch Leute, die Brot backen, Käse machen oder Kaffee rösten wollen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Nichts gegen Kunst, es muss halt eine Mischung sein. Und das Straßenbahndepot wäre gut für uns.

Warum wollen Sie denn eigentlich ein Landesgrundstück?
Nicht weil es billiger ist, sondern weil das Projekt auch für Berlin interessant ist. Und wir wollen keine große Rendite machen, sondern wir wollen davon leben. Theoretisch findet der Senat das alles wunderbar, tolles Konzept, klasse Idee, Arbeitsplätze schaffen, Handwerk ansiedeln, toll. Aber keiner tut was. Ich habe die Briefe vom Finanzsenator, vom Wirtschaftssenator und vom Regierenden Bürgermeister in der Schublade. In Berlin entscheidet aber keiner etwas. Da kommt auch kein Vorschlag für eine passende Immobilie, nichts kommt.

Wie lange suchen Sie schon?
Seit einem Jahr, jetzt ist meine Geduld am Ende. Plan B ist, jetzt an Makler zu gehen und im Privatsektor zu suchen. Der kleinste Plan ist nur meine grafische Gruppe, Buchbinder, Drucker, Setzer – ohne Lebensmittel und wahrscheinlich auch ohne Bäckerei.

Warum finden Sie Berlin als Standort so attraktiv? Sie könnten doch auch woanders hingehen, wenn die Leute hier alle so verschnarcht sind.
Berlin ist so lebhaft trotz der Regierung und nicht wegen der Regierung. Die Abwesenheit einer aktiven Verwaltung hat durchaus auch Freiräume geschaffen. Man hat Sachen in der Stadt einfach gemacht, dann hat es die Regierung vielleicht bemerkt und entsprechend sanktioniert. Gut, dann machen wir halt im Tresor eine Kneipe auf, bis es uns jemand verbietet. Man muss nicht fragen, sondern einfach machen. Dann kriegt man irgendwann eine Strafe, also ich rede jetzt nicht von illegalem Bauen, das finde ich nicht gut.

Ist das jetzt Ihre neue Strategie: einfach machen, statt zu fragen?
Ja natürlich, da kommt meine alte Sponti-Haltung durch. Ich mache ja nichts Schlimmes, ich mache etwas, was allen Leuten nützt. Und wenn ich dafür keinen Orden bekomme, dann zahle ich halt eine Strafe, ich will nur nicht länger warten.

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