Interview : "Stetiges Wachstum ist obsolet"

Höher, Schneller, Weiter - so kann es nicht weitergehen, ist der Ökonom Holger Rogall überzeugt. Er hat deshalb eine Formel für Nachhaltiges Wirtschaften entwickelt. Im Interview erläutert er, wie eine andere Wirtschaft aussehen kann und warum es nicht mehr anders geht.

Sabine Hölper
Wirtschaft und Ethik müssen zusammenkommen, meint der Ökonom Holger Rogall. Nur dann kann die Wirtschaft nachhaltig sein.
Wirtschaft und Ethik müssen zusammenkommen, meint der Ökonom Holger Rogall. Nur dann kann die Wirtschaft nachhaltig sein.Foto: Georg Moritz

Herr Rogall, was ist in der Ökonomie State of the Art und was daran gefällt Ihnen nicht?
Die heutigen wirtschaftsliberalen Schulen beruhen auf Modellen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Diese Modelle besagen, dass der Mensch ein Homo oeconomicus ist, der immer nur an seinen eigenen Nutzen denkt und rational handelt. Aber so ist der Mensch bewiesenermaßen nicht. Der Mensch reagiert unterschiedlich. Er ist ein Homo heterogenus. Die Nachhaltige Ökonomie baut auf diesem Menschenbild auf und fordert ein nachhaltiges Wirtschaften.

Was bedeutet Nachhaltige Ökonomie?
Nachhaltige Ökonomie ist eine Wirtschaftslehre, die für alle Menschen, die jetzt leben und noch geboren werden, ausreichend hohe Standards in puncto Ökologie und Ökonomie sowie im Sozialkulturellen anstrebt. Wohlgemerkt nur in den Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit.

Ethische Grundwerte akzeptieren

Wo genau verlaufen diese Grenzen?
Vorweg: Natürliche Grenzen können nur festgelegt werden, wenn die Menschheit bereit ist, ethische Grundwerte zu akzeptieren. Der ethische Grundwert ist: Künftige Generationen sind genauso wertvoll wie die gegenwärtige. Damit haben Gegenwärtige nicht das Recht, etwas zu verbrauchen, was die Künftigen ebenso benötigen wie wir. Bei den erneuerbaren Ressourcen wie Wäldern, Wasser oder Fischen ist die Grenzziehung damit ganz einfach: Wir müssen die Regenerationsrate einhalten. Anders ist es bei fossilen Energieträgern und metallischen Rohstoffen. Die gibt es nur einmal auf der Erde. Also muss der Ressourcenverbrauch Jahr für Jahr gesenkt werden, und zwar so weit, dass der Stoff niemals ausgehen wird.

Ist das Wachstumsparadigma, das in der Wirtschaft vorherrscht, obsolet?
Das Wachstumsparadigma, wie es heute angestrebt wird – also ein ewiges, stetiges Wachstum – ist obsolet. Denn auf einer begrenzten Welt kann der materielle Ressourcenverbrauch nicht unendlich wachsen. Andererseits ist die Forderung nach einer Schrumpfung auch problematisch. Das sieht man an Griechenland, Portugal oder Spanien. In einer Demokratie gibt es für bewusstes Schrumpfen keine Akzeptanz. Wenn aber beides nicht geht, wo ist dann der Weg? Als ich bei dieser Frage angelangt war, habe ich die ökologische Formel für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt.

Wie lautet sie?
Sie lautet: Delta BIP muss kleiner Delta Ressourcenproduktivität sein.

Ein moderates Wachstum anstreben

Können Sie das bitte erläutern?
Die Formel besagt, dass man Jahr für Jahr weniger Ressourcen verbraucht und trotzdem mehr produziert, allerdings begrenzt und nur in ausgewählten Bereichen. Ein Beispiel verdeutlicht das: Angenommen, man kann 100 Paar Schuhe mit 100 Einheiten Energie herstellen. Bei einer Ressourcenproduktivitätssteigerung von zehn Prozent kann man 105 Paar Schuhe mit 95 Einheiten Energie herstellen. Ein Jahr später 110 zu 90 und so fort. Entscheidend ist, dass die Ressourcenproduktivität schneller wächst als das Bruttoinlandsprodukt.

Und das funktioniert?
Ja. In Deutschland wurde die – ironisch formuliert – Rogallsche Weltformel in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt eingehalten. Allerdings nur, weil Deutschland im Schnitt gut zwei Prozent Ressourcenproduktivitätssteigerung pro Jahr erreichte und die Wachstumsrate darunter lag. Bei einer Wachstumsrate von vier Prozent – und diese Größenordnung fordern die meisten Ökonomen – kann die Formel nicht eingehalten werden. Daraus folgt die erste Bedingung: Wir müssen ein moderates Wachstum anstreben, kein maximales. Zweite Bedingung: Es muss ein selektives Wachstum sein. Da, wo der Ressourcenverbrauch hoch ist, etwa bei Aluminium oder Stahl, muss das Wachstum sehr niedrig sein. Wo der Verbrauch gering ist, zum Beispiel bei Dienstleistungen, kann es höher sein.

Das schreit geradezu nach Regulierung ...
Kein schönes Wort, aber damit die Senkung des Ressourcenverbrauchs gelingt, empfehle ich zum Beispiel, dass das statistische Bundesamt den Ressourcenverbrauch misst und alle Ressourcenkategorien, bei denen die Formel nicht eingehalten wird, mit einer Abgabe belegt.

Was muss die Politik tun?
Die Regierung muss sozial-ökologische Leitplanken verabschieden, die dafür sorgen, dass Produzenten und Konsumenten umweltschonende Produkte herstellen beziehungsweise kaufen. Sie könnte, wie in Großbritannien, Treibhausgase mit einer Schadstoffsteuer belegen, so dass Kohlestrom teurer wird und so die Emissionen zurückgehen. Ferner müsste die Politik die Hersteller verpflichten, ihre Produkte zurückzunehmen und zu verwerten. Für die Nutzung neuer Ressourcen müssten die Unternehmen eine Abgabe zahlen, für recycelte Materialien keine. Ich kann mir auch einen globalen Zertifikatehandel vorstellen, etwa so: Pro Jahr dürfen weltweit x Tonnen Kupfer verarbeitet werden, und jedes Jahr wird die Menge nach unten korrigiert. Wer Kupfer nutzen will, muss Zertifikate erwerben – die immer knapper und damit teurer werden.

Auch das Aktiengesetz müsste geändert werden

Wann wird Ihre Utopie Realität sein?
Derartige Fortschritte benötigen Jahrzehnte, müssen aber jetzt begonnen werden. Unternehmen und Politiker müssen begreifen, dass sie in 50 Jahren nur noch wirtschaften können, wenn sie heute verantwortlich handeln und die Wirtschaft nachhaltig umbauen.

Da müssen aber dicke Bretter gebohrt werden.
Schon deshalb, weil Aktiengesellschaften dem Shareholder Value verpflichtet sind. Es müsste also auch das Aktiengesetz geändert werden.

Es gibt schon heute vielversprechende Ansätze in der Wirtschaft. Shareconomy zum Beispiel. Ist die Wirtschaftsform des Teilens nicht nachhaltig?
Shareconomy ist ein positives Beispiel dafür, dass Höher, Schneller, Weiter nicht glücklich macht. Aber als Lösung aller Probleme dient der Tausch natürlich nicht. Wichtiger ist, die gesamte Wirtschaft nachhaltig umzubauen.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

0 Kommentare

Neuester Kommentar