Klartext : Und sie sagen nur einen einzigen Satz

In Berlin herrscht an vielen Tagen des Jahres Ausnahmezustand. Oftmals vollkommen unnötig.

Joachim Hunold
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin.
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin.Foto: Air Berlin

Echte wie langjährig angelernte Berliner stehen in dem Ruf, gesprächige Menschen zu sein. Zwar sagen sie das, was ihnen gerade in den Sinn kommt, manchmal ziemlich pointiert. Doch im Gegensatz zu urtypischen Fischköppen oder Hochälplern sagen sie wenigstens etwas. In der Hauptstadt tummelt sich allerdings auch eine Art von Spezies, die an bestimmten Tagen des Jahres nur drei Worte über die Lippen bringt: "Fahren Sie weiter!" Dabei wird mit einer ausladenden Handbewegung erklärt, dass in Wahrheit genau das Gegenteil von Weiterfahren gemeint ist. Nämlich umkehren oder nach links oder rechts in eine Richtung abbiegen, in die der solcherart kommandierte Autofahrer überhaupt nicht will.

Fragen nach Streckenführung, Umleitung oder Länge der Straßensperrung werden mit einem einzigen Satz beantwortet: "Fahren Sie weiter!" Wer sein Büro an einer zum Flughafen Tegel führenden Straße und dazu das Pech hat, zur falschen Zeit mit dem Auto unterwegs zu sein, kann das mehr als hundert Mal im Jahr erleben. Allein 2013 gab es 195 Staatsbesuche in Berlin – zum Glück nicht alle in der höchsten ­Sicherheitsstufe.

Es ist ja ein schönes Gefühl, Hauptstädter zu sein. Und man fühlt sich auch geehrt, wenn wichtige Leute an die Spree kommen. Doch ein bisschen mehr Kommunikation seitens der Behörden wäre schon schön. Wenn man die Route eines Staatsgastes aus Sicherheitsgründen nicht vorher veröffentlichen möchte (obwohl es fast immer dieselbe ist, wie potenzielle Terroristen wohl längst gemerkt haben), könnte man doch wenigstens rechtzeitig über die Medien mitteilen, dass Behinderungen zu erwarten sind. Und vor Ort dürfte der verkehrshemmende Beamte dann schon sagen, wie lange die Sperrung dauert oder welcher Umweg sinnvoll wäre. In Bonn hat man das jahrzehntelang mit rheinischer Gelassenheit praktiziert. Im preußischen Berlin blafft man nur kurz und knapp: "Fahren Sie weiter!"

Diese Praxis findet nicht nur bei Staatsbesuchen Anwendung. Kürzlich wollte ich an einem Sonnabend einen Freund in Köpenick besuchen. Das gelang mir erst mit einstündiger Verspätung und nachdem ich die letzten zwei Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatte. Zuvor hatten mich Polizisten immer wieder mit dem einen Satz an der Erreichung meines Zieles gehindert: "Fahren Sie weiter!" Da keine Umleitung ausgeschildert war, ging es mir wie unzähligen anderen Autofahrern: Ich fuhr ständig im Kreis herum.

Anlass des spektakulären Auftritts von etwa eintausend Polizeibeamten des Bundes und des Landes Berlin war das Zweitliga-Fußballspiel zwischen Union Berlin und Dynamo Dresden, das vollkommen friedlich verlief. Weil man das natürlich nicht ahnen konnte, verhängte man über ein ganzes Stadtviertel ohne Vorankündigung den Ausnahmezustand. Wenn man eine solche Sportveranstaltung als Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung einstuft, müsste man sie wohl verbieten. Stattdessen sagt man in Berlin: "Fahren Sie weiter!"

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