Kolumne : Turbo-Abitur: Gut gemeint, aber schlecht gemacht

In Berlin und Brandenburg leiden die Gymnasiasten weiterhin unter dem Turbo-Abitur. In Niedersachsen wird die missglückte Reform wieder zurückgedreht, hierzulande ist man jedoch noch nicht so weit - zu Lasten der Schüler.

Joachim Hunold
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin.
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin.Foto: Air Berlin

Erinnern Sie sich noch? Vor vier Jahren gewährte ein Gericht in Memphis/Tennessee einer deutschen Familie politisches Asyl in den USA, weil sie ihre fünf Kinder in Deutschland nicht zu Hause unterrichten durfte. Die Antragsteller hatten das Gericht davon überzeugt, dass das deutsche Bildungssystem Werte vermittle, die gegen christliche Grundsätze verstießen. Und dass dadurch an deutschen Schulen Gewalt, Alkoholismus und Drogenkonsum gefördert würden. Man muss allerdings kein religiöser Eiferer sein, um unsere Bildungspolitik in Zweifel zu ziehen. Daran hat sich seit 2010 nicht viel geändert. Und wahr ist auch, dass Jugendliche ihren Schulstress nicht selten mit Gewalt, Drogen oder "Komasaufen" abreagieren.

Unser größtes Schulproblem heißt nach wie vor "G8". Die Kultusminister der deutschen Bundesländer, die sonst selten einer Meinung sind, hatten sich bereits 1997 auf eine Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre geeinigt. Von Land zu Land unterschiedlich erfolgte dann ab 2003 die Umsetzung des Beschlusses. Sehr schnell stellte sich in der Praxis heraus, dass auch eine gut gemeinte Reform nichts nützt, wenn sie schlecht umgesetzt wird.

Wie andere Unternehmer auch hatte ich prinzipiell nichts gegen die Verkürzung der Gesamt-Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre einzuwenden. Zusammen mit gestrafften Bachelor- und Masterstudiengängen sollte das ja dazu führen, dass endlich mehr deutsche Jungakademiker vor dem Erreichen des 30. Lebensjahres ins Berufsleben eintreten – was dann auch gut für die Rentenkassen wäre. Und in den "neuen" Bundesländern Sachsen und Thüringen, die in den PISA-Studien immer weit vorne liegen, hat man ja bewiesen, wie das funktionieren kann.

Als Vater von vier heranwachsenden Kindern durfte ich dann das Fiasko von "G8" erleben. Während man in Sachsen und Thüringen ein seit Jahrzehnten funktionierendes System weiterführte, zwängte man in den anderen Bundesländern die Lehrpläne von neun Jahren in die von acht Jahren. Mit der Folge, dass – je nach Jahrgang – für die Schüler aus 27 Wochenstunden dann bis zu 37 werden konnten. Plus Hausaufgaben kommt man dann auf eine Arbeitszeit, die kein Industriearbeiter auf Dauer zu leisten bereit wäre. Und das alles, weil man die Lehrpläne nicht entrümpelt hat.

Freizeit und Sportaktivitäten fallen dadurch unter den Tisch. Zahlreiche Sportvereine klagen seither über Nachwuchsmangel. So ist es auch kein Wunder, dass wir bei Olympischen Spielen immer weniger Medaillen gewinnen. Am Ende wurde aus der verkürzten Schulzeit vielfach sogar eine verlängerte Schulzeit. Denn immer mehr Gymnasiasten wiederholen wegen Überforderung die 11. Klasse. Oder sie sind nach dem Abitur so erschöpft, dass sie vor dem Studium erst mal eine Pause einlegen. In Niedersachsen dreht man jetzt die missglückte "Jahrhundertreform" wieder zurück. Auch in Berlin und Brandenburg sollte man endlich die Realität zur Kenntnis nehmen.

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