Kolumne : Wir sind dafür, dass wir dagegen sind

Die Berliner mögen keine Zukunftsprojekte, zumindest ein Teil von ihnen: Mediaspree, Guggenheim Lab oder die Bebauung des Tempelhofer Feldes, alles wird blockiert. Kolumnist Joachim Hunold sorgt sich deshalb um Berlins Olympia-Bewerbung.

Joachim Hunold
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin. Foto: Air Berlin
Joachim Hunold, Gründer und langjähriger Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin.Foto: Air Berlin

"Berlin ist derzeit das Zentrum der Welt. Berlin ist so wichtig wie New York geworden." Wow! Wenn ein Weltstar wie Michael Douglas das im Interview mit einer deutschen Sonntagszeitung sagt, darf sich sogar ein angelernter Berliner wie ich geehrt fühlen. Kein Wunder also, dass die Berliner Zeitungen das Douglas-Zitat wie einen Ritterschlag feierten. Da hat dann auch niemand mehr hinterfragt, ob er damit die Stadt oder die Bundespolitik meinte.

Zwei Sätze zuvor hatte er immerhin seine uneingeschränkte Bewunderung für Angela Merkel artikuliert und gesagt, dass unsere Kanzlerin Europa wie mit Zauberhand durch wirtschaftliche Krisen führe. Egal. Ich will mal diplomatisch sein und davon ausgehen, dass seine Wertschätzung sowohl der Kanzlerin als auch der Stadt gilt. Schließlich ist allseits bekannt, dass sich Michael Douglas gerne in Berlin aufhält.

Das industriearme und wirtschaftsschwache Berlin braucht Fürsprecher wie Michael Douglas. Sie inspirieren andere Prominente, sich hier anzusiedeln. Privat oder geschäftlich – auf jeden Fall bringen sie Geld in die Hauptstadt. Ob sie hier dann auch von allen willkommen geheißen werden, ist freilich eine andere Frage. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass das heruntergekommene Fabrikgebäude am Prenzlauer Berg, das sie mit hohem Aufwand in schmucke Lofts verwandelt haben, bald mit Parolen beschmiert oder gar ihr Auto nachts abgefackelt wird, ist ziemlich hoch.

Mitten in der Stadt eine Steppe

In Berlin regt sich über die linken Polit-Ultras kaum noch jemand auf. Die sind eben so. Na und? Die schweigende Mehrheit und die Politik nehmen auch in Kauf, dass Zukunftsprojekte wie Mediaspree oder das Guggenheim Lab blockiert werden. Das ist eben so. Erstaunt ist man dann allerdings, wenn ein paar selbstverliebte Freizeit-Profis, die am liebsten skaten oder Drachen steigen lassen, es schaffen, mit Hilfe eines Volksentscheides die Bürgermeinung auf den Kopf zu stellen. Ich habe jedenfalls noch niemand getroffen, der mir gesagt hätte, dass er für "100 Prozent Tempelhofer Feld" gestimmt hat, weil er gegen eine Randbebauung mit bezahlbaren Wohnungen ist. Offensichtlich wollte die Mehrheit der Wähler, die in der Sache gegen ihre eigene Meinung gestimmt haben, nur dem Berliner Senat einen Denkzettel verpassen. Zum Beispiel wegen der Misere um den BER. Nun haben wir also mitten in der Stadt eine Steppe, weil man dort jetzt nur einzelne Bäume pflanzen darf.

Grün bleibt es allerdings im Stadtteil Schmargendorf, wo ebenfalls per Volksentscheid verhindert wurde, dass auf dem Gelände der Kleingartenkolonie Oyenhausen Wohnungen gebaut werden. Ich befürchte nun, dass diese seltsame Berliner ­Koalition von Polit-Ultras, Spaßvögeln und Schrebergärtnern auch die Umsetzung der Pläne des Senats für die Austragung der Olympischen Spiele in Berlin verhindern wird. 2024 soll es hier kein zweites Sommermärchen geben. Denn wir sind ja dafür, dass wir dagegen sind.

Diese Kolumne erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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