Kommentar : Fremdgehen als Überlebensstrategie

Trotz Trump und Brexit: Wenn alte Geschäftspartner gerade mit sich selbst beschäftigt sind, sucht man sich in der Stadt der Freiheit eben neue

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Kevin P. Hoffmann leitet das Wirtschaftsressort des Tagesspiegels
Kevin P. Hoffmann leitet das Wirtschaftsressort des TagesspiegelsFoto: Kai-Uwe Heinrich

Kein Meer in Sicht, an dem große Containerschiffe anlanden könnten. Flughäfen? Ein Thema für sich. Auch gibt es keine Städte in der Nachbarschaft, mit denen Berlin sich zu einer »Industrieregion« zusammenschließen könnte: Die Hauptstadt mit den drei potenten Gemeinden am Stadtrand muss sich also selbst genügen.

Optimisten argumentieren: Kein Problem. In Berlin samt Speckgürtel leben rund 4,5 Millionen Menschen. In Deutschlands größtem Ballungsraum, dem Ruhrgebiet, sind es mit 5,1 Millionen Menschen gar nicht so viele mehr. Beides sind eigenständige Wirtschaftsräume, die aus sich heraus viel Nachfrage für lokal gefertigte Produkte generieren können. Der Großraum Berlin ist bevölkerungsreicher als viele EU-Länder. Warum also die Rufe nach immer mehr Freihandel, für immer mehr Globalisierung? Warum Gewese machen angesichts von Trump-Politik und Brexit-Beschluss? Ganz einfach: Weil Berlins überdurchschnittlich starkes Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre ohne Abnehmer aus den USA und Großbritannien so nicht stattgefunden hätte. Weil Amerikaner und Briten bisher einen Narren gefressen haben an dieser chaotischen Stadt. Sie stellen die größten Touristengruppen, stützen diesen wichtigen Wirtschaftszweig im Dienstleistungssektor. Auch wäre möglich, dass Gäste ausbleiben, wenn immer neue Visa-Bestimmungen nötig werden.

Wir Berliner dürfen bleiben, wie wir sind

All das rechtfertigt Sorgen. Mehr noch mahnt es zur Offenheit! Berlin darf nicht, wie so viele große Industrienationen, mitdrehen an dieser Spirale aus Angst, Abschottung, Intoleranz. Sie führt zurück in Mauerzeiten, Subventionszeiten. Die gute Nachricht lautet: Wir Berliner müssen kaum mehr tun als zu bleiben, wie wir sind: Chronisch selbstbewusst, ein wenig gleichgültig (Wohlmeinende nennen es "tolerant") gegenüber neuen Lebens- und Geschäftsmodellen.

Jeder soll hier nach seiner Façon glücklich werden. Der Spruch des Alten Fritz ist der Standortvorteil. Berlin, die Stadt der Freiheit, lockt die besten und die schrägsten Köpfe, die quer und queer denken. Auf sie kommt es an. Heute sind es nicht Subventionen und Buschzulagen, die Firmen beziehungsweise kluge Mitarbeiter mit Ideen in die Stadt locken müssen. Heute ist es der Spirit der Stadt. Das ist unbezahlbar.

Ein wenig Arbeit ist dennoch nötig. Denn Toleranz erschöpft sich, wenn sie nicht immer wieder neu auf die Probe gestellt wird, wenn man sich nicht neuen Situationen anpasst, auf neue Geschäftspartner einlässt. Es war und ist sehr bequem, auf die Amerikaner, Briten und Franzosen, diese bekannten Partner aus Zeiten der Teilung, zu vertrauen. Manche Firmen im Ostteil der Stadt zehren bis heute auch von ihren guten Kontakten nach Russland. Doch wenn diese Partner gerade mit sich selbst beschäftigt sind, bleibt nur das Fremdgehen – und das ist in der Wirtschaft keine Sünde, sondern eine Überlebensstrategie!

In Asien sitzen schon heute zufriedene Abnehmer für Güter großer industrieller Berliner Arbeitgeber – von Siemens über Bayer, Bombardier bis BMW. Wichtig ist, dass sich auch die Mittelständler für Kontakte in diesen Raum öffnen. Die Asien-Pazifik-Wochen sind eine Chance, die eigene Firma und die Produkte Gästen zu präsentieren – und Lieferanten zu finden, die ähnlich offen sind wie wir Berliner.

 

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