"PlugSurfing" für E-Autos : Hier werden Sie geladen!

Wie ein kunterbunter Flickenteppich, so sieht die Infrastruktur in Deutschland aus, wenn man sein E-Auto laden möchte. Zwei junge Männer wollen einen Überblick über das Wirrwarr geben, die Idee ihrer App überzeugte die Investoren. Doch die beiden haben noch größere Pläne.

Michael Pöppl
Jacob van Zonneveld und Adam Woolway
Jacob van Zonneveld und Adam WoolwayFoto: Michael H. Ebner/Promo

Das Elektroauto fährt an die Ladesäule heran, der Fahrer identifiziert sich per App oder mit einer RFID-Card am Display, verbindet den Stecker des Fahrzeugs mit der Säule, die Akkus laden auf. Bezahlt wird bargeldlos per Lastschrift, Kreditkarte oder per PayPal. So einfach ist es, ein Elektroauto aufzuladen – wenn man der Werbung der Hersteller glaubt. Die Realität sieht anders aus, denn nicht jede E-Säule hat die Anschlüsse für jedes Auto, die meisten Elektromobilbesitzer sind vertraglich an einen Stromanbieter gebunden und können nur bestimmte Ladepunkte problemlos nutzen. Zudem gibt es technische Unterschiede, je nach Automarke und Herkunftsland des Fahrzeugs: Die Stationen können mit CCS-, Chademo- oder Typ-2-Steckdosen ausgerüstet sein, viele Säulen haben sogar nur einen dieser Anschlüsse.

Rund 5000 öffentlich zugängliche Ladepunkte findet man in Deutschland, ungefähr 400 davon in der Hauptstadt. Den Großteil der Berliner Säulen betreiben Vattenfall und RWE. Nutzen kann sie aber nur, wer einen Vertrag mit den Energiefirmen hat oder mit einem Anbieter, der mit einem der Konzerne zusammenarbeitet. Laut einer Vereinbarung mit dem Berliner Senat sind die Konzerne verpflichtet, diese Säulen für alle E-Mobil-Benutzer zugänglich zu machen. Dem widerspricht die Firmenpolitik der Energieanbieter, die mit ihren Verträgen sichtlich versuchen, Autostromkunden direkt an sich zu binden.

Bisher Verträge mit mehr als 20 Betreibern geschlossen

Der Besitzer eines Elektroautos, der keinen eigenen Ladezugang vor der Haustür hat, muss also nicht nur wissen, welche E-Ladesäule für sein Fahrzeug infrage kommt und wo sie steht. Er sollte auch mindestens zwei oder drei Ladeverträge abschließen. Bei fremden Anbietern können neben den Kosten für die tatsächlich getankten Kilowatt zusätzliche Gebühren für die Ladezeit entstehen, während der man die Zapfsäule blockiert. Von zehn Cent bis zu fünf Euro die Stunde kann es kosten, wenn man "fremdladen" muss, bei normalen Ladezeiten von mindestens drei Stunden kann das ganz schön teuer werden. Noch anspruchsvoller wird die Logistik, sobald man die gewohnten Gefilde verlässt. "Wenn man Deutschland von Norden nach Süden durchquert, würde man bis zu 70 verschiedene RFID-Cards benötigen", erzählt Jacob van Zonneveld von PlugSurfing.

Über die App des Berliner Start-ups finden E-Autofahrer nicht nur die nächste passende Ladesäule, sie können auch anbieterübergreifend Strom tanken. Das 2012 gegründete Unternehmen hat inzwischen Verträge mit mehr als 20 Betreibern von Ladepunkten geschlossen, neben großen Anbietern wie Eon, RWE und Vattenfall sind auch kleinere lokale Projekte in Deutschland sowie niederländische, österreichische und luxemburgische Anbieter mit im Boot. Die Geschäftsidee des Niederländers Jacob van Zonneveld und des Engländers Adam Woolway hat schnell auch Investoren überzeugt. Ein erstes Crowdfunding brachte 2014 in kürzester Zeit mehr als 100.000 Euro, eine weitere Finanzierungsrunde über 500.000 Euro ist geplant. "Uns war es von Anfang an wichtig, den Service userfreundlich und einfach zu gestalten", sagt Zonneveld.

Infrastruktur für Elektromobilität noch sehr ausbaufähig

Nach der Online-Registrierung gibt der Kunde seine Daten zum Fahrzeugtyp und zur gewünschten Zahlungsweise ein und lädt die PlugSurfing-App aufs Mobiltelefon. Damit kann man rund 2000 Ladesäulen in Deutschland finden, rund 15.000 in Europa. Bei 2000 davon kann man bereits via App direkt bezahlen, an weiteren 2600 Stationen schließt man die Säulen mit einem Schlüsselanhänger der Firma frei, der als RFID-Karte für viele Anbieter funktioniert. Die endgültige Abrechnung erfolgt dann direkt über PlugSurfing. Die Webseite funktioniere wie ein soziales Netzwerk, so Zonneveld, die Benutzer können auch selbst neue Ladestationen melden.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte der PlugSurfing-Webseite lohnt sich übrigens auch für Verkehrspolitiker: Er zeigt, dass die Infrastruktur für Elektromobilität immer noch sehr ausbaufähig ist, vor allem in ländlichen Gebieten fehlen Ladepunkte. In den Niederlanden beträgt die Dichte ein Vielfaches.

In Berlin soll sich die Zahl der Ladepunkte bald verdoppeln: Anfang des Jahres teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mit, dass das niederländische Energieunternehmen Alliander bis Mitte 2016 400 weitere Ladesäulen aufstellen wird, bis zu 700 sollen bei Bedarf folgen.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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