Projekt "Strong Independent Sisters" : Praktika für Flüchtlinge

Sie sind hier zwar vorläufig in Sicherheit, doch viele Geflüchtete leben in Deutschland mit angezogener Handbremse und mit ungewissen Zukunftsaussichten. Das Projekt "Strong Independent Sisters" will besonders Frauen helfen.

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Deutschunterricht für die "Ladies": Konzentration liegt in der Luft.
Deutschunterricht für die "Ladies": Konzentration liegt in der Luft.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als sich die Besucherinnen an die langen Tische setzen wollen, reagiert Gabriele Fliegel blitzschnell: "Bitte nehmen Sie doch zwischen den beiden Damen dort drüben Platz", sagt sie zu einer jungen Iranerin, damit sich die beiden Gruppen, die an diesem Nachmittag im Restaurant des Evangelischen Johannesstifts zum "Ladies Business Lunch" zusammenkommen, auch wirklich mischen.

Die "Ladies", das sind zum einen die Unternehmerinnen, die sich in der Vereinigung Wirtschaftshof Spandau zusammengeschlossen haben. Zum anderen sind es zehn Frauen zwischen 19 und Anfang 40, die in den vergangenen Jahren aus dem Iran und Pakistan nach Deutschland gekommen sind. Sie haben einen Platz im Projekt "Strong Independent Sisters" (SIS) bekommen, das geflüchteten Frauen dabei helfen soll, sich in Deutschland ein selbstständiges Leben aufzubauen. Zum Programm gehören ein kostenloser Sprachkurs, ein Mittagessen und bei Bedarf auch eine Kinderbetreuung. Außerdem machen die Teilnehmerinnen regelmäßig Exkursionen. Unter anderem haben sie den Reichstag besichtigt und ein Konzert in der Philharmonie besucht. Nun soll ein weiterer Schritt hinzukommen: Die Spandauer Unternehmerinnen wollen ihnen dabei helfen, durch einen Praktikumstag in der Woche in Kontakt mit der deutschen Arbeitswelt zu kommen.

Große Angst während der Flucht

Masooma Ali setzt sich zwischen eine Mitarbeiterin des Job-Centers und eine Vertreterin von BMW. Ali ist ausgebildete Lehrerin. "In Deutschland würde ich gerne als Erzieherin arbeiten", sagt die 40-Jährige, die seit einem Jahr in Berlin lebt. Mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn ist sie aus Pakistan geflohen, nachdem dessen Kollegen bei einem Bombenanschlag getötet wurden. Ihr Mann hat nur überlebt, weil er an diesem Tag zu Hause geblieben war. Nach dieser Katastrophe wird dem Ehepaar klar, dass die Familie das Land verlassen muss. Sie verkaufen alles, was sie besitzen, und machen sich auf den Weg. Masooma Ali wischt sich ein paar Tränen aus dem Gesicht, versucht, ruhig zu atmen. Auch während der Flucht habe sie große Angst gehabt, vor allem im Schlauchboot auf dem offenen Meer. Ihr Sohn sei unterwegs sehr krank geworden.

Auch die anderen Frauen aus dem Projekt haben einen langen und schweren Weg hinter sich. Sie alle bringen aber auch Qualifikationen mit, die sie in Deutschland endlich einsetzen möchten. Ein paar Stühle von Masooma Ali entfernt sitzt eine Frau im Teenager-Alter, die im Iran noch ihr Abitur gemacht hat. Sie möchte gerne Apothekerin werden, einen Praktikumsplatz hat sie bereits. Ihr gegenüber beschreibt eine studierte Bildungsmanagerin ihre Qualifikation. Zwei Unternehmerinnen hören interessiert zu, sie wollen herausfinden, was mit dem Begriff Bildungsmanagement gemeint ist, ob er sich auf Grundschulen, weiterführende Schulen, Universitäten oder den Weiterbildungsbereich bezieht. "Auf alles", sagt die junge Frau selbstbewusst. Die Gespräche an den verschiedenen Tischen werden lauter und lebendiger, die ersten Besucherinnen gehen hinüber ans Buffet. Das Eis ist noch nicht überall gebrochen, aber es taut.

Eine ganz neue Lebenswelt

Nach dem Essen drückt Gabriele Fliegel aufs Tempo. Sie bittet die Frauen von SIS, sich kurz der ganzen Gruppe vorzustellen und zu beschreiben, welche Art von Praktikum sie gerne machen wollen. Eine Klinische Psychologin steht auf, eine Sportlehrerin, dann eine Ingenieurin. Sie alle können sehr konkret ausdrücken, welche Tätigkeit ihnen vorschwebt. Sofort gehen die Hände hoch, verschiedene Angebote, die Namen möglicher Ansprechpartner fliegen hin und her.

Die Unternehmerinnen des Wirtschaftshofs lernen an diesem Nachmittag eine ganz neue Lebenswelt kennen, erfahren nicht nur viel über die Ausbildung, sondern auch über die Wünsche und Ziele der Frauen von SIS. Und auch über die Bedingungen, unter denen diese in Deutschland leben. Ohne die Chance darauf, dass ihnen ein Sprachkurs bezahlt wird, mit der Unsicherheit, ob sie hier bleiben dürfen, mit dem Verbot, hier ihr eigenes Geld zu verdienen. Gegenüber dem Gefühl, hier vorläufig in Sicherheit zu sein, steht der Zwang, mit angezogener Handbremse leben zu müssen und ständig von anderen abhängig zu sein.

Das Leben in die eigenen Hände nehmen

Ein weiterer Gast kommt durch die Tür: Jasmin Taylor, die Gründerin und Sponsorin von SIS. Masooma Ali und die anderen strahlen. Später werden sie ihr eine Orchidee überreichen, die Bildungsmanagerin wird eine kleine Dankesrede halten – auf Deutsch. Taylor ist vor vielen Jahren aus dem Iran geflohen. Heute leitet sie ein Reise-Unternehmen, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 150 Millionen Euro erwirtschaftete. "Ich weiß, was es bedeutet, seine Heimat auf der Suche nach einer sicheren, besseren Zukunft zu verlassen", sagt sie. Taylor hat beobachtet, dass das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen Stück für Stück wächst. "Wer aus Krisengebieten kommt, ist traumatisiert und kann sein Potenzial meist gar nicht ausschöpfen." Zudem verunsicherten die mangelnden Sprachkenntnisse in einer fremden Umgebung die Neuankömmlinge. Durch SIS hätten ihre Teilnehmerinnen "nun eine ganz neue Voraussetzung, um ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen".

Mit den Helferinnen, die Masooma Ali und die anderen unterstützen, ist es ein bisschen wie mit den russischen Puppen, den Matroschkas, die im Bauch der jeweils anderen stecken. An diesem Nachmittag werden immer neue Unterstützerinnen sichtbar. Britta Marschke vom Verein "Gesellschaft für internationales Zusammenleben" (GIZ) kümmert sich um die organisatorische Umsetzung von Jasmin Taylors Projekt. Marschke hat die Reiseunternehmerin vor einiger Zeit für ein Buch über Rassismus interviewt. Später haben sie gemeinsam ein Flüchtlingsheim besucht. Die beengten Räume und die hygienischen Zustände, überhaupt die Trostlosigkeit haben Taylor schockiert, hinzu kamen die Fernsehbilder von den Menschen vor Lampedusa. Diese Eindrücke waren der Startschuss für ihr eigenes Projekt. SIS wurde im September 2014 gestartet, vorher wurden Plakate gedruckt und Auswahlgespräche mit rund 30 Bewerberinnen geführt.

Als hätten sie die Alltagssorgen vor der Tür gelassen

Taylors Chauffeur wartet, sie verabschiedet sich, muss zum nächsten Termin. Gabriele Fliegel bittet die Teilnehmerinnen, ihre Wünsche und die ersten Angebote noch auf einem Zettel festzuhalten, damit keine der guten Ideen verloren geht. Die Frauen müssen sich nun schriftlich bewerben.

Knapp drei Wochen später im Familienzentrum am Nauener Platz in Wedding: Masooma Ali und die anderen stecken die Köpfe in ihre Deutschbücher, brüten über temporalen Konstruktionen. Nicht nur die Tafel, auch die kleinen Scherze, die sich die Frauen gegenseitig zurufen, erinnern einen an die eigene Schulzeit. Konzentration liegt in der Luft, aber auch sehr viel Unbeschwertheit, als hätten die Schülerinnen ihre Alltagssorgen vor der Tür gelassen.

Welche Folgen hat das Treffen im Johannesstift gehabt? Masooma Ali lächelt. Sie wird ab November einmal in der Woche die Kita Havelkids besuchen. "Ich freue mich schon sehr darauf", sagt sie. Die Ingenieurin schnuppert bei BMW ins Berufsleben hinein, die junge Bildungsmanagerin mit dem breiten Tätigkeitsfeld ist beim Verein GIZ eingestiegen. Das Projekt hat sich schnell herumgesprochen. Britta Marschke hat kurz nach dem Business Lunch Besuch von der Personalchefin der Deutschen Bahn bekommen, die sich ebenfalls für die Bildungspatenschaften interessiert.

Weitere gute Nachrichten erzählt Gabriele Fliegel am Telefon: "Die Klinische Psychologin kann ihr Praktikum im Johannesstift machen, eine andere junge Frau wird sich dort um eine inklusive Sportgruppe kümmern." Das nächste Treffen mit allen "Ladies" möchte Fliegel bald organisieren, damit sich der Kontakt intensiviert. Dann wird sie wahrscheinlich nicht mehr darauf achten müssen, wohin sich die Besucherinnen setzen.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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