• Reportage vom Boulevard in Berlin: Kaninchen und Ku'damm: 24 Stunden in Charlottenburg

Reportage vom Boulevard in Berlin : Kaninchen und Ku'damm: 24 Stunden in Charlottenburg

Von frühmorgens bis spät in die Nacht: In der City West schlägt das Herz der Stadt. Wir nehmen Sie mit auf einen 24-stündigen Trip durch Charlottenburg.

von , , , und Michael Pöppl, Sabine Hölper
Blick hinter die Kulissen: Das Dach des Hotel am Zoo
Blick hinter die Kulissen: Das Dach des Hotel am ZooFoto: Thilo Rückeis

6:01 Uhr Kranzlereck
Während die Sonne über der City West aufgeht, erwacht dort auch das öffentliche Leben. Man steht still und hört: jede S-Bahn, jeden Bus, jeden Lastwagen, dazwischen polternde Lieferanten – und Vogelgezwitscher aus zwei Volieren voller Sittiche im Innenhof der Hochhäuser. Man läuft ein paar Schritte und sieht: Fensterputzer, vereinzelte Jogger und erste geschäftige Menschen in Anzügen. Die, die eine Sporttasche bei sich tragen, fahren mit dem Fahrstuhl in die 14. Etage zum Fitness-First-Club. Jalousien dämpfen die einfallenden Sonnenstrahlen, die Silhouette von Gedächtniskirche, Europacenter und Fernsehturm lässt sich dahinter erahnen.

Rund ein Dutzend Mitglieder ist am frühen Morgen schon beim Steppen, Gewichtheben oder Üben mit dem Personal Trainer. Es ist ein gehobener Club, der damit gut zur City West zu passen scheint, wo neben den Touristenströmen und dem etwas schmuddeligen Bahnhof Zoo schon immer auch Exklusivität zu Hause gewesen ist. "Man möchte hier unter sich bleiben", sagt die 29 Jahre alte Club-Managerin Luisa Ruthenberg. Unter den Mitgliedern seien besonders viele Geschäftsleute, die morgens, abends oder in der Mittagspause kämen. Wellness und Entspannung stünden im Vordergrund. Und vielleicht auch der tolle Ausblick von der Laufbahn auf dem Dach, die einmal rundherum führt und den Blick auf die ganze Stadt eröffnet.

7:40 Uhr Börse Berlin
Vor ein paar Minuten ist Dieter Weigl im Ludwig Erhard Haus angekommen. Der Leiter der Handelsüberwachung hat den Rechner hochgefahren und die Zeitungen gelesen. In Kürze, um Punkt acht Uhr, geht es richtig los in der Börse Berlin, dann startet der Wertpapierhandel, und Weigl hat die wichtige Aufgabe, die Börsenpreise für die Aktien zu bestimmen: "Angenommen, jemand will Daimler-Aktien zu 100 Euro kaufen und ein anderer will sie zu 100 Euro verkaufen. Dann legt man den Preis bei 100 Euro fest."

Weigl muss aber weit kompliziertere Berechnungen anstellen und mit einem Auge auf andere Börsen schielen. Schließlich, das ist ganz wichtig, müssen die Preise immer "marktgerecht" sein, so Weigl, das gilt für alle 30.000 handelbaren Wertpapiere. Um 15.00 Uhr wird Weigl nach Hause gehen, mindestens einer seiner Kollegen aus dem Dreier-Team wird noch bis 20.00 Uhr bleiben. Denn erst dann ist die zwölfstündige Handelszeit vorbei.

8:12 Uhr Hotel Kempinski
Die Geschäfte werden noch geputzt, Schaufenster perfektioniert, erste Café-Tische zurechtgerückt. Die Baukräne am hochstrebenden Upper-West-Projekt drehen sich vor blauem Himmel, und der Verkehr auf dem Ku’damm nimmt zu. Berliner eilen zur Arbeit, erste Touristen mischen sich mit der ihnen eigenen Langsamkeit darunter. Im Reinhard’s im Kempinski wird um diese Zeit vor allem Englisch gesprochen.

Hotelgäste sitzen auf roten Polstern, Männer mit blauen Business-Hemden dominieren die Szenerie an den Tischen und am Buffet. Ihre Jacketts hängen über den Stühlen oder noch auf dem Zimmer. Schlendern doch mal Touristen von draußen herein, heißt es: "Einmal ­Pariser Frühstück, bitte!" oder: "Can I have eggs and potatoes, please?"

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