Unternehmer Günter Faltin : "Das Silicon Valley ist gelaufen"

Vor fast 30 Jahren gründete er sehr erfolgreich die "Teekampagne". Im Interview spricht der Unternehmer und Professor Günter Faltin über den neuen Unternehmergeist und warum wir an der Schwelle einer neuen Zeitrechnung im Unternehmertum stehen.

Sabine Hölper
Günter Faltin
Günter FaltinFoto: Thilo Rückeis

Herr Faltin, sind BWLer und VWLer am wenigsten geeignet, gute Unternehmer zu sein?
Nein. Natürlich nicht. Die Frage ist, sind sie wirklich besser? Die Betriebswirtschaftslehre entstand aus der Notwendigkeit, die Organisation von Konzernen in den Griff zu bekommen, Abläufe effizient zu gestalten. Aber im Kern geht es doch darum, die Frage zu stellen, an welcher Stelle die Ökonomie unbefriedigende Ergebnisse bringt, was ich also verändern will. Die erste Frage heißt dann nicht: Womit kann ich Geld verdienen? Wenn man so anfängt, kommt als nächstes die Frage: Was gibt es noch nicht? Dann landet man schnell bei skurrilen Dingen wie dem Handy mit eingebautem Garderobenhaken.

Wieso ist die Ökonomie unbefriedigend?
Die Ökonomie, wie wir sie erleben, geht an den Bedürfnissen der Menschen haarscharf vorbei. Sie wollen ein geglücktes Leben und nicht eines, in dem man Konsumgüter anhäuft. Statusgüter machen nicht glücklich, sie produzieren Neid.

Sind Sie Marxist?
Nein, ich glaube, dass Marktwirtschaft im Kern ein gutes System ist. Aber man hat den Markt Ökonomen überlassen, die nur an Gewinnmaximierung denken. Wir brauchen daher einen neuen Typus von Unternehmern, wir brauchen eine intelligentere Ökonomie.

Sie haben die Teekampagne gegründet, ein Unternehmen, das Darjeeling hoher Qualität zu einem günstigen Preis verkauft. Ist das ein Beispiel für intelligentere Ökonomie?
Ja, die Teekampagne ist ein gutes Beispiel dafür. Trotz des sehr günstigen Preises bekommen die Produzenten mehr Geld. Fair Trade also, und obendrein bekommt der Kunde Biotee. Das Geschäftsmodell ist transparent und ökologisch sinnvoll. Es heißt ja immer, Fair Trade müsste teurer sein. Unser Tee ist aber nicht teuer. Weil wir an anderer Stelle sparen als der Handel sonst: Wir verzichten auf Marketingausgaben, Kleinpackungen und die vielen Zwischenhändler, ordern direkt bei den Erzeugern. Mit den Ersparnissen können wir sogar ein Wiederaufforstungsprojekt für Darjeeling finanzieren. So sollte intelligente und zukunftsfähige Ökonomie aussehen.

Die Teekampagne besteht seit 30 Jahren. Man hat nicht das Gefühl, dass sie viele Nachahmer gefunden hat...
Die Mehrheit der Unternehmer ist immer noch die des alten Typus. Dabei sind wir mittendrin in einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung. Unsere Bedürfnisse verändern sich. Stärker als früher geht es heute um Kommunikation, Anerkennung, Identität und auch um so etwas wie Selbstwirksamkeit, ja Selbstverwirklichung. Die erste Phase der wirtschaftlichen Entwicklung deckte die Grundbedürfnisse. Es folgte die Phase der Sicherheit, es war die Zeit der Banken und Versicherungen. Jetzt befinden wir uns in Phase drei: Die erfolgreichsten, am höchsten an der Börse bewerteten Unternehmen sind Google, Facebook, Twitter, mit Fokus auf Kommunikation.

Was bedeutet das für Gründer?

Dass sie jetzt nicht mehr ins Silicon Valley gehen sollen. Das ist gelaufen. Gegen Facebook, Microsoft und Co. kann man nicht antreten. Jetzt müssen Entrepreneure, wenn sie wirklich innovativ sein wollen, herausfinden, was sie im Bereich Identität und Anerkennung unternehmen können, wie sie den Menschen bei der Selbstverwirklichung helfen können.

Gibt es Beispiele dafür?
Die Waschkampagne ist ein Beispiel, das zeigt, dass man als Gründer sogar gegen die ganz Großen antreten kann, gegen Unternehmen wie Procter & Gamble, Henkel, Unilever. Obwohl es drei verschiedene Wasser-Härtegrade gibt, produzieren diese Konzerne nur ein einziges Waschmittel. Dass die Hersteller diese Härtegrade nicht berücksichtigen, bedeutet Verschwendung. Denn entweder benutzt der Verbraucher zu viele waschaktive Substanzen oder zu viel Enthärter. Waschmittel für drei verschiedene Härtegrade anzubieten ist demnach ökologisch sinnvoller. Genau das tut die Waschkampagne. Warum macht es sonst niemand? Weil für die Konzerne die Massenproduktion günstiger ist.

Haben Sie noch ein Beispiel eines Unternehmens nach Ihrem Geschmack?
Ja, ePortrait, ein Onlineservice, mit dem man am Computer biometrische Passbilder selbst erstellen kann. Das ist viel preiswerter als einen Fotografen zu beauftragen.

Und was ist mit den Fotografen, die davon leben?
Technischer Fortschritt setzt Arbeitskraft frei. Die Frage ist: Wie gehen wir intelligent damit um? Es war immer ein Traum der Menschheit, dass wir eines Tages von schwerer körperlicher Arbeit, von Hunger und Krankheit befreit werden. Weil wir so etwas Wundervolles haben wie unseren Kopf: Unsere Kreativität ist der einzige unbegrenzte Rohstoff auf unserem Planeten. Und jetzt auf einmal, wo der Traum zum Greifen nahe ist, sagen wir halt, stopp, der technische Fortschritt ist furchtbar, der Fotograf wird arbeitslos. Wenn die nächste Generation der Roboter kommt, dann werden Hunderttausende arbeitslos.

Und wie gehen wir nun damit um?
Wir brauchen Entrepreneurship, das sich genau dieser Problematik stellt. Und zwar in einer radikalen Weise. Derzeit wird immer nur kurzfristig gedacht.

Wie soll das aussehen? Sollen wir uns alle damit abfinden, irgendwann nur noch 20 statt 40 Stunden zu arbeiten? Und sind wir dann glücklicher?
Ja. Die alte Ökonomie hat in diesem Sinn ihren Zweck erfüllt. Eine Epoche geht zu Ende. Jetzt geht es darum zu überlegen, wie wir den technischen Fortschritt für neue Aufgaben einsetzen können. Jeremy Rifkin hat ein gutes Buch dazu geschrieben, auf Deutsch heißt es "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft". Darin beschreibt er, dass man Produkte heute fast kostenlos herstellen kann. Nehmen Sie diese Tasse hier. Sie kostet in der Herstellung vielleicht fünf Cent, wird aber für 2,99 Euro verkauft. Was das Produkt teuer macht, ist die Marke, der Verkaufsaufwand. Was ich damit sagen will: Wir können uns heute mit Produkten versorgen für fast null Euro. Und ich finde, es sollte Entrepreneure geben, die genau das machen. Uns mit Produkten versorgen, die fast nichts kosten. Es würde soziale Spannungen entschärfen. Es würde denen helfen, die von 700 Euro im Monat leben müssen.

Bei dem Wort billig kommt mir eine Assoziation: Jeans, die unter unwürdigen Bedingungen in Bangladesch zusammengenäht werden.
Sie sprechen damit ein Problem an: Dass wir mit "billig" sofort eine Welt assoziieren, in der Menschen ausgebeutet werden oder Fabriken zusammenstürzen. Das will niemand und darf auch nicht sein. Folgen wir Rifkin: Produkte sollen und können preiswert, intelligent, nachhaltig, ressourcenschonend und in verantwortungsvoller Art und Weise hergestellt werden. Und das wird auch kommen. Ich wünschte nur, es würde schneller kommen. Dann könnten wir einen Teil der Schäden vermeiden, die immer noch entstehen.

Was hat sich in den 30 Jahren, seit Sie die Teekampagne gegründet haben, verändert?
Heute ist Start-up in aller Munde, Gründen ein Boom. Damals war das anders. Als ich anfing, an der FU Entrepreneurship-Kurse zu geben, hieß es, ich züchte kleine Kapitalistenschweine. Man hat mir sogar die Reifen zerstochen

Viele junge Leute gründen Unternehmen. Aber warum gibt es so wenige Entrepreneure, die den Menschen Selbstverwirklichung bringen wollen?´
Es gibt zu wenige sichtbare Beispiele, die als Vorbilder taugen. Auch deshalb habe ich das neue Buch geschrieben.

Das Buch, das den Entrepreneur in dir und mir wecken will. Kann denn jeder erfolgreich ein Unternehmen gründen? Eine Friseurin? Eine Mutter?
Ja. Wer eine Bergtour organisiert oder Kinder hat, besitzt mindestens so viel praktisches Organisationstalent wie ein BWL-Absolvent. Gerade Frauen sollten mehr Unternehmen gründen.

Warum tun sie es nicht?
Weil die Vorstellung, was es bedeutet, ein Unternehmen zu gründen, auch heute noch von falschen Bildern verstellt ist. Früher war der Unternehmer der Zampano, der Alleskönner. Eine Mischung aus antikem Feldherrn, Genie und Showmaster. Heute können Sie fast alles, was Sie brauchen, als Komponenten einkaufen, weil wir in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft leben. Deshalb spreche ich vom Entrepreneurial Design: Das Entscheidende ist die Arbeit am Geschäftsmodell. Daran sollte man so lange tüfteln wie ein Künstler an seinem Werk. Der findet seinen Stil auch nicht über Nacht.

Schreckt Mütter nicht auch ab, dass man als Unternehmer 14-Stunden-Tage hat?
Auch dies ist ein überholtes Bild. Sehen Sie sich die RatioDrink AG an, eine Gründung in meinem unmittelbaren Umfeld. Für den Vorstand, Rafael Kugel, ist die Belastung aus dem Tagesgeschäft gering. Er hat Zeit, sich um sein Kind zu kümmern und sein Haus zu bauen. Und er hat den Kopf frei, um weiter am Konzept zu feilen. Wenn man Frauen solche Beispiele darlegt, wird es für sie auch interessanter, ein Unternehmen auf die Beine zu stellen.

Kann Herr Kugel von RatioDrink leben?
Allerdings. Das Unternehmen finanziert ein gutes Gehalt, außerdem profitieren Gründer vom wachsenden Wert des Unternehmens.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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