• Interview mit Walter Rosenthal vom Max-Delbrück-Centrum über den Gesundheitsstandort Berlin

Walter Rosenthal im Interview : "Berlin gehört zu den Top-Regionen"

Der Direktor des Max-Delbrück-Centrums Walter Rosenthal spricht im Interview darüber, warum Berlin gerade für die Pharma-Branche so attraktiv ist und was der Senat tun könnte, um die Firmen dabei zu unterstützen, sich hier anzusiedeln. Und er verrät, wie Brandenburg und Berlin voneinander profitieren könnten.

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Der Direktor des Max-Delbrück-Centrums Walter Rosenthal.
Der Direktor des Max-Delbrück-Centrums Walter Rosenthal.Foto: Alice Epp

Schön im Grünen liegt der weitläufige Campus Berlin-Buch. Wir treffen Walter Rosenthal, wissenschaftlicher Direktor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin, im Helmholtz-Haus an seinem Arbeitsplatz.

Herr Rosenthal, die Gesundheitswirtschaft wächst in Berlin von Jahr zu Jahr. Kommen die neuen Firmen aus der Berliner Forschungsszene oder sind es vor allem Investoren von außen?
Beides, je nachdem, um welchen Bereich es geht. Nehmen Sie die Pharmabranche. Alle großen Pharmafirmen sind in Berlin vertreten. Mittlerweile beschäftigt allein die Pharmasparte hier 10.000 Menschen. Außer Bayer kommen diese Unternehmen fast alle von außen, denken Sie an Pfizer oder Sanofi. In der Medizintechnik ist das anders. Wir haben in Berlin rund 240 Firmen, ein Teil von ihnen ist in Berlin entstanden. In der Biotechnologie ist das ähnlich. Viele der 210 Firmen sind aus Berliner Universitäten oder Forschungseinrichtungen ausgegründet worden, auch aus dem Max-Delbrück-Centrum (MDC).

Von wem kommt das Geld, um den Start und den Aufbau zu finanzieren?
Am Anfang zum Beispiel von der IBB-Beteiligungsgesellschaft oder dem Hightech-Gründerfonds. Danach häufig von außerhalb. Das Venture Kapital, also das Risikokapital, kommt nicht aus der Stadt und auch nicht immer aus Deutschland. Viele Firmen sind von ausländischen Investoren finanziert worden. Und die haben Berlin im Blick. Es gibt in Berlin eine rege Start-up-Aktivität, auch im Bereich der Biotechnologie und der Medizintechnik. Berlin gehört im nationalen Bereich zu den Top-Regionen.

Tut der Senat genug, um das zu unterstützen?
Der Senat kann helfen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, zum Beispiel Grundstücke zur Verfügung stellen, sodass Firmen schnell bauen können. Oder Inkubatoren vorhalten, also Gebäude, in die junge, neue Firmen einziehen können. Wenn es um solche Hilfe geht, steht Berlin gar nicht so schlecht da. Anders sieht es aus bei den Fördermitteln. Da gibt es zwar Angebote in Berlin, aber den Start-ups fehlt oft das Eigenkapital zur Gegenfinanzierung. Darunter leiden gerade die Firmen, die einen guten Start hatten und dann aber dringend Geld brauchen, um weiterzumachen. Man hat eine Idee, fängt an, sie zu entwickeln, und dann kostet das Ganze plötzlich nicht mehr 100.000 Euro, sondern eine Million Euro – und die Sache stürzt ab. Wir nennen das das "Death Valley".

Woher soll das Geld kommen, um dieses "Todestal" zu überleben?
Nach Berlin ist in den letzten Jahren für deutsche Verhältnisse eher viel Beteiligungskapital geflossen. In den letzten zwölf Monaten immerhin mehr als 100 Millionen Euro. Im internationalen Vergleich ist das aber immer noch wenig. Das Problem muss bundesweit gelöst werden, zum Beispiel durch steuerliche Anreize für Investoren. Berlin sollte mehr tun, um internationale Risikokapitalgeber in die Stadt zu locken.

Warum ist es so schwer, Geld aufzutreiben?
Kapitalgeber und Sponsoren sind vorsichtiger geworden. In der Biotechnologie dauern Entwicklungen oft zehn oder 20 Jahre und kosten Millionen. Das ist ein hohes Risiko. Andere Bereiche sind weniger riskant. In der Medizintechnik etwa reichen manchmal schon 150.000 Euro, um eine Firma zu starten und Geld zu verdienen.

Was versprechen sich Pharmafirmen wie Bayer, Pfizer, Sanofi oder Takeda von ihrem Engagement in Berlin? Suchen sie die Nähe zur Regierung?
Die Nähe zur Regierung ist nicht allein ausschlaggebend für diese Weltkonzerne. Die Konzerne wissen das gute Forschungsumfeld und die Weltläufigkeit der Stadt zu schätzen. Das ist ein ganz wertvoller Trumpf, wenn man internationale Mitarbeiter rekrutieren will. In Berlin kommt man auch gut zurecht, wenn man kein Deutsch kann. Im Westerwald geht das nicht.

Braucht Berlin so bekannte Marken wie die Charité, um Investoren und Forscher nach ­Berlin zu holen?
Ja. Aber nicht nur die Charité, auch die Stadt Berlin selbst zieht als Marke. Wir haben es relativ leicht, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt nach Berlin zu holen, weil Berlin ein attraktiver Platz zum Leben ist, eine Stadt mit internationalem Flair. Dazu kommt unser gutes wissenschaftliches Standing. Ob Charité oder Max-Delbrück-Centrum, wir leben von unserer guten wissenschaftlichen Reputation. Zudem gibt es noch zahlreiche weitere Spitzeneinrichtungen. Auch das macht Berlin für Forscher attraktiv.

Ist die Hauptstadt denn attraktiv genug, um auch im internationalen Vergleich mithalten zu können?
Aber ja. Die Charité rekrutiert gerade drei Kardiologen aus dem Ausland; wir vom MDC holen einen Forscher aus London, der ein sehr lukratives Angebot von einem britischen Top-Institut hatte. Das hat er ausgeschlagen und kommt stattdessen ans MDC und ans neue Berliner Institut für Gesundheitsforschung.

Was für Berlin gilt, gilt für Brandenburg nicht. Wieviel Sinn macht ein gemeinsames Cluster Gesundheitswirtschaft für Berlin-Brandenburg?
Sie haben recht, die Ausgangslage ist sehr unterschiedlich. In Berlin haben wir eher zu viele Ärzte, in Brandenburg zu wenige. Das Land stellt sich um, weil Ärzte fehlen. Die Krankenhäuser dort bekommen einen neuen Zuschnitt. Sie bieten zunehmend unter einem Dach stationäre Leistungen und ambulante Versorgungszentren, mit Biotechfirmen, Diagnostika-Anbietern oder privaten Servicediensten im Health- und Wellnessbereich. Brandenburg kann so zum Vorreiter werden für einen neuen Typus einer integrierten Patientenversorgung. Berlin kann von solchen Entwicklungen nur profitieren. Auch unsere Krankenhäuser werden sich ändern müssen. [...]

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