Gallery Weekend Berlin : Gucken oder kaufen

Drei Tage und drei Nächte dreht sich beim Gallery Weekend Berlin alles um die Kunst. Viele Städte haben das Konzept kopiert. Aber es funktioniert nur in Berlin.

Kimberly Bradley
Die Reportage zum Gallery Weekend finden Sie im Magazin "Kunst in Berlin".
Die Reportage zum Gallery Weekend finden Sie im Magazin "Kunst in Berlin".Foto: Alisa Resnik

Es ist ein Frühlingsfreitagmorgen und in den Berliner Kunstvierteln – Potsdamer Straße, Lindenstraße, Auguststraße, Schöneberger Ufer – summt und brummt es. Genauer: Es klackert von all den hochhackigen Schuhen, von denen es normalerweise in der Stadt nicht so viele gibt. Ein schwarzer BMW wartet vor eine Galerie auf eine Sammlerin und beamt sie dann zum nächsten Ausstellungsort. Je näher der Freitagabend rückt, desto mehr Menschen sind unterwegs, umso höher steigen die Erwartungen

So geht es immer zu, wenn das Gallery Weekend Berlin (GWB) startet. Das GWB kann als über die ganze Stadt verteilte Kunstmesse interpretiert werden; oder als überdimensionierter Galerienrundgang mit ganz besonderen Gästen. Vor zehn Jahren wurde das Event ins Leben gerufen, vor allem, um „Berlins Identität als Kunststadt zu stärken“, wie Mitbegründerin Esther Schipper sagt, deren gleichnamige Galerie etliche hoch gehandelte und noch immer aufregende Künstler repräsentiert. Zugleich sollte das Gallery Weekend Kunstkäufer in eine Stadt bringen, die ihre Sammler bereits vor dem Zweiten Weltkrieg unter den Nationalsozialisten verlor.

Herrlich glamourös

An drei Frühlingstagen (diesmal zwischen 2. und 4. Mai) zeigen Berlins Topgalerien sorgsam inszenierte Einzelausstellungen. Rund 8.000 Euro muss jede teilnehmende Galerie zahlen. Die VIP-Gäste -  oft Sammler von Auswärts – erhalten Einladungen zu Cocktailempfängen, zu privaten Abendessen im kleinen Kreise, zu exklusiven Vorab-Eröffnungen und einem großen Gala-Dinner am Samstagabend. Die bereits erwähnten Limousinen bringen sie von einer Galerie zur anderen. Das Ganze ist herrlich glamourös und zugleich vertraut, inzwischen ist dieses alljährlich stattfindende Wochenende gar nicht mehr wegzudenken aus dem Berliner Kunstgeschehen.

Das GWB ist exklusiv und schließt doch niemanden aus. Einheimische Besucher sind genauso willkommen wie auswärtige Gäste - selbst wenn sie nur schauen wollen und nichts kaufen. „Das Beste daran ist, dass das Wochenende tatsächliche für jeden ist. Die Berliner nehmen die Gelegenheit wahr, gute Ausstellung zu sehen und sich von der besonderen Energie anstecken zu lassen“, sagt Alexander Schröder, ein weiterer Mitbegründer, dessen Galerie seit 1994 ein Fixstern am Firmament der Galerienszene ist. Der Mann hat Recht. Die Ausstellungen des GWB bündeln die neuesten und besten Kunstwerke, die eine Galerie zu bieten hat. Das Berliner Publikum schaut gerne zu, wie sich hiesige Bekannte mit dem Glamour von Auswärts mischen, außerdem macht es Spaß Galerien an neuen, unbekannten Orten zu entdecken (eine Galerie in einem Büro! In einer Kirche! In einem  Hinterhof! Eine Wohnung mit Intarsienparkett!). Nicht zuletzt liebäugeln Nichtsammler bei dieser Gelegenheit gerne mit der Idee, doch einmal Kunst zu kaufen und damit den Ruf Berlins als Sammleröde nachhaltig ins Wanken zu bringen.

Ein Erfolgsmodell

Das Wochenende läuft in etwa wie folgt ab: Zuerst kommt der Cocktailempfang am Donnerstagabend, eine eher förmliche Pflicht, der in einem offiziellen Gebäude, zum Beispiel in einer Botschaft, Folge zu leisten ist. Dann laden die Galeristen ihre Top-Sammler, ihre Künstler und vielleicht ein, zwei coole Kritiker zum privaten Dinner in eines der angesagten Restaurants wie das Grill Royal oder den Pauly Saal ein. Der Freitag beginnt gemächlich: Nur hart gesottene Frontliner, die noch keine Kunst im Vorfeld gekauft haben, sind am Start, wenn die Galerien um elf Uhr öffnen. Am frühen Nachmittag brummen immer mehr dieser BMW-Limousinen zwischen den Galerien umher. Später steigt das Energie-Level spürbar. Die Einheimischen reihen sich ein, die offiziellen Ausstellungseröffnungen füllen sich mit einer aufgeregt schnatternden Kunstmeute. Einige der Galerienmeilen werden zu Open-Air-Partyzonen. Im Lauf des Abends folgen weitere Kunstsammler-Essen in weiteren Restaurants, zum Beispiel in der Paris Bar (dem ursprünglichsten Kunst-Bistro der Stadt).

Am Samstagabend brezeln sich die geladenen Gäste für das Gala-Dinner auf. Das pflegt in überwältigendem Ambiente stattzufinden (in einem prunkvollen Justizgebäude oder einem Kraftwerk aus rohem Beton); die Afterhour-Partys dauern die ganze Nacht. Der Sonntag beginnt dann leicht verkatert und ganz entspannt. Für Neulinge ist das die beste Zeit, sich an einen Galeristen heranzumachen. Selbstverständlich passieren noch viele andere Dinge an diesem Wochenende. „Wir haben im vergangenen Jahr am Donnerstag eine Preview-Tour für Sammler organisiert“, sagt zum Bespiel Anja Groeschel, Gründerin und Chefin des Art Lovers Club, einem Netzwerk von Kunstbegeisterten, die sich regelmässig treffen, um Kunst anzuschauen und darüber zu diskutieren. Am Montag sind dann alle erschöpft und nehmen sich frei – mit Ausnahme der Kritiker, die jetzt ihre Artikel fertig schreiben müssen (seufz).

„Es war sofort ein durchschlagender Erfolg“, sagt Schipper über das allererste Gallery Weekend mit gerade einmal 20 Galerien, aus denen inzwischen 50 geworden sind. Der Erfolg war bitter nötig. Anfang der 00er-Jahre liefen sich führende Berliner Galeristen (unter ihnen Schipper, Tim Neuger von Neugeriemschneider, Max Hetzler und Alexander Schroeder) regelmäßig auf Kunstgroßveranstaltungen auf der anderen Seite des Globus’ - wie der Sao Paulo Biennale - über den Weg und ihnen fiel auf: die Dinge ändern sich. „In den 90er-Jahren zählte Berlin zu den hippsten Reisezeilen. Das hatte auch mit der Kunstszene zu tun, sie hatte ihren Anteil am damaligen, ganz speziellen Reiz der Stadt“, erinnert sich Schipper. „Aber nach 2000 verblasste diese Aufbruchsstimmung. Wir merkten, dass wir nicht einfach nur auf dieser Welle mitsurfen konnten. Wir mussten selbst aktiv werden“.

Das Gallery Weekend feiert in diesem Jahr 10-jähriges Jubiläum

Heute brummt die Maschine. Für viele Berliner Galeristen ist das GWB die größte Verkaufsveranstaltung des Jahres, die sogar die Teilnahme an Spitzenmessen in den Schatten stellt: ein Umsatz generierendes Ereignis in der Satdt, das deutlich macht, wie sehr die Kunst in Berlin von Galeristen bestimmt wird. Zudem hat sich das GWB seit seiner Gründung ungemein professionalisiert, die Zahl der Besucher steigt stetig (zuletzt, je nach Quelle, zwischen 10.000 und 25.000).

Noch frisch dabei sind die Galeristen Nadine Zeidler und Amadeo Kraupa-Tuskany am Alexanderplatz
Noch frisch dabei sind die Galeristen Nadine Zeidler und Amadeo Kraupa-Tuskany am AlexanderplatzFoto: Carolin Saage

„Ich genieße es jedes Mal“, sagt Christian Schwarm, Inhaber einer Kommunikationsagentur und Gründer der „Independent Collectors“, einer Internetplattform für Sammler aus aller Welt. „Ich muss widersprechen, wenn es immer heißt, in Berlin gebe es keine Sammler. In der Stadt präsentieren sich inzwischen 19 Privatsammlungen - wir sollten das riesige Potenzial Berlins nicht kleinreden“. Tatsächlich ändert sich die Stadt derzeit erneut: mit all den neuen Firmen, den Zuzüglern und – womöglich – künftigen Kunstkäufern. Potenzial liegt auch in jungen, visionären Galerien wie Kraupa Tuscany Zeidler, die im vierten Stock am Alexanderplatz sitzen. In zwei Räumen, die einmal ein Büro mit abgehängter Decke waren, ist hier postdigitale Kunst wie die des Berliner Künstlerduos AIDS 3D zu sehen. Für die jungen Galeristen war es eine Ehre, vergangenes Jahr zum Gallery Weekend gebeten worden zu sein – teilnehmen darf nämlich nur, wer von den Veranstaltern eingeladen wird.

Das GWB hat viele Nachahmer gefunden, in Chicago, New York, Oslo, Wien und Warschau. Aber dort klappt es nicht immer: das Gallery Weekend in Paris etwa ist nie richtig in Gang gekommen. Glaubt man Esther Schipper, kann das Modell auch nur in Berlin richtig funktionieren. „Hier hat die Chemie von Anfang an gestimmt – als ob Berlin für das Format prädestiniert sei“, sagt die Galeristin.

Bleibt nur zu hoffen, dass dieses Format auch mit dem aktuellen Aufschwung der Stadt zurecht kommt. Mitbegründer Alexander Schroeder, der während des diesjährigen Weekends einen weiteren Galerieraum in Mitte eröffnen will, meint jedenfalls: „Jetzt lautet die Aufgabe: das Gallery Weekend stark zu halten, es nicht langweilig werden zu lassen. Aber die Stadt ändert sich ja eh andauernd“. In der Tat.

Dieser Text stammt aus dem neuen Magazin des Tagesspiegels "Kunst in Berlin 2014". Sie finden das Heft am Kiosk, im Museumsbuchhandel und im Tagesspiegel Shop.

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