Juan A. Gaitán kuratiert 8. Berlin-Biennale : Ein Mann von Präzision

Juan A. Gaitán leitet die 8. Berlin Biennale, die Ende Mai beginnt. Er wird die Stadt am offenen Herzen operieren

Nicola Kuhn
Das Portrait über Juan A. Gaitàn und weitere Berichte zur 8. Berlin Biennale finden Sie im Magazin "Kunst in Berlin".
Das Portrait über Juan A. Gaitàn und weitere Berichte zur 8. Berlin Biennale finden Sie im Magazin "Kunst in Berlin".Foto: Patricia Sevilla Ciordia

Präzises Timing zählt zu den wichtigsten Gaben eines guten Kurators. Dass Juan A. Gaitán das richtige Gespür dafür besitzt, hat er bereits vor der Eröffnung gezeigt  Zwar hat er sich bis zuletzt nicht endgültig festlegt, wie viele Künstler an seiner Berlin-Biennale nun teilnehmen. Fünfzig auf alle Fälle, doch dann ist immer noch einer mehr auf die Liste gerutscht. Ein Jahr lang war Gaitán vornehmlich in Südamerika, Australien, Südafrika auf Recherchereise unterwegs, gemeinsam mit der indischen Kuratorin und Autorin Natasha Ginwala, und diskutierte die Auswahl mit den weiteren Mitgliedern seines Beratungsteams.

Doch die große Linie hat von Anfang an festgestanden: Die Welt soll nach Berlin kommen.  Und dass Gaitán trotz seiner offenen Künstlerliste ein Gespür für exakte Zeitpunkte besitzt, hat er mit seinem ersten öffentlichen Auftritt in Berlin gezeigt, einem vorgezogenen Statement der Biennale. Bereits Ende Januar lud er das Publikum in das barocke Vorderhaus der Kunst-Werke ein. Der norwegisch-griechische Architekt Andreas Angelidakis hatte dort eine Lounge eingerichtet: mit folkloristischen Teppichen, die von Athener Trödelmärkten stammen: Mit Säulen und historischen Drucken antiker Ausgrabungsstätten an der Wand, dazu philosophische und kunsthistorische Bücher in kleinen Regalen.

Richtig gemütlich war es in dem lang streckten Raum, einer Mischung aus Hang-out der 70er-Jahre und Salon des 19. Jahrhunderts. Gaitán und Angelidakis machten keinen Hehl daraus, dass sie mit diesem Wohlfühl-Ort  ein Sentiment, eine gewisse nostalgische Stimmung bedienen wollten. Nach der umstrittenen letzten Biennale, die Kunst als agitatorisches Mittel einsetzte, wirkte dieser Vorbote wie eine ausgestreckte Hand: Komm, lass uns erst einmal reden, und dazu eine Tasse griechischen Tee trinken mit Koulourakia-Gebäck. Gaitán, Pendler zwischen seinen Wohnsitzen in Berlin und Mexico-City, nennt den atmosphärischen Salon eine „Heimat in der Welt“. Bei der vorzeitigen Eröffnung wird der Dauerreisende auch an seine eigenen Bedürfnisse gedacht haben.

„Crash Pad“ heißt Angelidakis’ Rauminstallation, die bis zum Ende der Biennale im Sommer zu sehen sein wird. Mit ihr intoniert Gaitán die wichtigsten Themen seiner Großausstellung: das Migrieren von Formen durch Zeiten und Kulturen, die Verschränkung von öffentlichem und privatem Raum, die Sehnsucht nach den Fiktionen des 19. Jahrhunderts in neoklassizistischer Gestalt, die Bedeutung von Geschichte als Identität stiftender Kraft. Mit dem gebürtigen Kanadier, dessen Familie aus Kolumbien stammt, hat die Berufungskommission der Biennale einen Kurator ausgewählt, der anders als sein Vorgänger Artur Zmijewski ein ausgesprochenes Talent zum Gastgeben besitzt und die Biennale öffnen will: zu anderen historischen Bezügen, anderen kulturellen Sphären. Das ist höchste Zeit. So einen braucht die Berlin-Biennale, die begonnen hat, im Saft der Stadt zu schmoren.

In Deutschland ist der sympathische 40-Jährige, der zuletzt in San Francisco kuratorische Praxis lehrte, noch ein unbeschriebenes Blatt. Der heutige Direktor der Wiener Kunsthalle Nicolaus Schafhausen begegnete Gaitán erstmals in dessen Heimatstadt Vancouver, wo dieser Kunstgeschichte und Kunst studiert hatte, und holte ihn als Kurator nach Rotterdam ans renommierte Witte de With Center for Contemporary Art, das Schafhausen damals leitete. Dort erlebte ihn auch Matthias Mühling vom Münchner Lenbach-Haus, zugleich Mitglied der Biennale-Berufungskommission. Im Gespräch und bei Moderationen fiel ihnen als besondere Gabe dessen einvernehmliche Nähe zu den Künstlern auf. Zwei unterschiedliche Kuratorentypen gebe es, sagt Schafhausen: Der eine gehe vom Thema aus, der andere von den Künstlern. Gaitán falle eindeutige in die zweite Kategorie. „Endlich steht die Kunst wieder im Mittelpunkt“, freut sich Mühling.

Einen Vorgeschmack auf seine emphatische Praxis gab Gaitán bei der Präsentation von Angelidakis’ Installation ab. Da saßen die beiden Kunst-Nomaden nebeneinander auf einem mit Teppich bedeckten Quader und plauderten über Humboldt heute, die Beziehungen zwischen Griechenland und Preußen, die Ikonografien einer im Wandel begriffenen Gesellschaft. Sokrates hätte seine Freude daran gehabt. „Die Biennale wird Narrative der Geschichte hervorholen, die in Vergessenheit verraten sind“, verspricht Gaitán.

Gerade das reizt ihn an Berlin: die sich überlagernden historischen Schichten. Beim Cappuccino im Café Bravo im Hof der Kunst-Werke erinnert er sich mit einer gewissen Wehmut an die Spaziergänge bei seinen ersten Besuchen kreuz und quer durch die Mitte der Stadt. Damals gab es noch die vielen Brachen, auf denen heute Neubauten stehen, die den Neoklassizismus nachahmen. Was solche architektonischen Klitterungen über die Verfassung einer Stadt, eines Landes aussagen, das interessiert ihn. „In welchem emotionalen Verhältnis stehen wir zu unserer Geschichte?“ will er wissen. Seine Biennale könnte also Erstaunliches an die Oberfläche befördern.

Für Gaitán könnte sie sich zudem als Karriere-Sprungbrett erweisen, Adam Szymczyk hat es ihm vorgemacht. Der polnische Ausstellungsmacher verantwortete zusammen mit Elena Filipovic die 5. Berlin-Biennale 2008 und ist nun Kurator der Documenta 2017  in Kassel. Auch Gaitán gab Visitenkarten ab, bevor er seine Talente in Berlin vorführt: „The End of Money“ lautete der Titel einer Ausstellung von ihm 2011 im Witte de With, ein Jahr später organisierte er im norwegischen Bergen eine auf drei Orte verteilte Schau über die Mutationen des Kunsthandwandwerks und dessen Fokussierung auf das 19. Jahrhundert. Mit Hilfe der Künstler hatte sich Gaitán jedes Mal erfolgreich auf  Spurensuche begeben. Auch in Berlin dürfte er manche Erkenntnis freilegen  als Operateur am Herzen der Stadt. Diesmal schauen noch mehr Augen darauf, ob er auch eine ruhige Hand besitzt, die allerwichtigste Eigenschaft eines Kurators.

Dieser Text stammt aus dem neuen Magazin des Tagesspiegels "Kunst in Berlin 2014". Sie finden das Heft am Kiosk, im Museumsbuchhandel und im Tagesspiegel Shop 

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