11. November 1989: Grenzer besetzen die Mauer am Brandenburger Tor.

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Blog: Der Weg zur deutschen Einheit : 28. November 1989: Kohls Zehn-Punkte-Plan
Thomas Heil

Kommunikation gesichert

Seit dem späten Abend besteht zwischen den beiden Polizeipräsidien von Ost- und West-Berlin eine direkte Telefonverbindung. Später kann auch direkter Funkverkehr aufgenommen werden.

SED-Kreissekretär begeht Selbstmord

Der 1. Kreissekretär der SED in Perleberg (Bezirk Schwerin) ist, wie erst jetzt offiziell mitgeteilt wird, "infolge großen seelischen Drucks durch die gegenwärtigen politischen Ereignisse am 7. November freiwillig aus dem Leben" geschieden. Es ist der dritte Selbstmord eines SED-Kreissekretärs innerhalb von zwei Wochen.

Erneut Massenandrang am Brandenburger Tor

Auf der Westseite des Brandenburger Tores haben sich am Nachmittag wieder 20.000 bis 30.000 Menschen versammelt. Polizeipräsident Schertz nutzt die neuen Kommunikationswege, um die Ost-Berliner Kommandeure zu bitten, die auf der Panzermauer postierten Grenzsoldaten vorübergehend abzuziehen. Er könne deren Sicherheit nicht länger garantieren. 17.57 Uhr beginnen die Grenzer, die Mauerkrone zu verlassen. Währenddessen schließt die West-Berliner Polizei ihren Sperrriegel und schützt auch die nördliche Hälfte des Betonwalls mit Mannschaftswagen. Damit werden alle Versuche, die Mauerkrone zu erklimmen, endgültig unterbunden.

DDR-Grenzer halten die Mauer vorm Brandenburger Tor besetzt. Als sich am späten Nachmittag wieder mehrere zehntausend Menschen vor der Mauer versammeln, werden sie von West-Berlins Polizeipräsident Schertz gebeten, die Mauer zu ihrer eigenen Sicherheit zu verlassen. Die Polizei wird eine erneute Besetzung des Betonwalls durch die Berliner verhindern.
DDR-Grenzer halten die Mauer vorm Brandenburger Tor besetzt. Als sich am späten Nachmittag wieder mehrere zehntausend Menschen vor...Foto: dpa

Neuer Übergang an der innerdeutschen Grenze

Auch an der innerdeutschen Grenze hat der Besucherandrang zu chaotischen Szenen geführt. Obwohl die DDR-Grenzer schnell dazu übergegangen sind, die Besucher nahezu unkontrolliert ins Bundesgebiet reisen zu lassen, staut sich der Verkehr am Übergang Helmstedt (A2) zwischenzeitlich auf 40 Kilometer. Neue Übergänge sollen auch hier geschaffen werden. Bei Eckertal zwischen Bad Harzburg (BRD) und Stapelburg (DDR) im Harz wird der erste neue Grenzübergang geöffnet.

An der Ecke Bernauer und Eberwalderstraße wird die Mauer in den frühen Morgenstunden für einen neuen Grenzübergang aufgebrochen. Viele Bewohner des Bezirks Prenzlauer Berg werden diesen Übergang in den nächsten Monaten für einen Trip in den Westteil der Stadt nutzen. Rechts im Bild ist jener Mauerstreifen zu sehen, der heute als Mauerpark ein beliebtes Ausflugsziel ist.
An der Ecke Bernauer und Eberwalderstraße wird die Mauer in den frühen Morgenstunden für einen neuen Grenzübergang aufgebrochen....Foto: dpa

Neues Forum warnt vor Ellenbogengesellschaft

Das Neue Forum warnt die Menschen in der DDR, sich durch die neu gewonnene Reisefreiheit nicht von der Forderung nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft ablenken zu lassen. Die Bürger hätten mit ihren spontanen und furchtlosen Willensbekundungen im ganzen Land eine friedliche Revolution in Gang gesetzt, das Politbüro gestürzt und die Mauer durchbrochen. Jetzt sollen sie sich nicht durch Reisen und schulden erhöhende Konsumspritzen ruhig stellen lassen. "Wir werden für längere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm abschöpfen." Solche klugen und weitsichtigen Warnungen verhallen im allgemeinen Freudentaumel. Das Tor zum Westen und seiner Glück versprechenden Konsumwelt steht weit offen. Für kritische Zwischentöne ist in der Euphorie des Mauerfalls kein Platz.

Währendessen drückt Walter Momper seine Unzufriedenheit mit der Bundesregierung aus. Bonn würde berlin bei der Bewältigung der Besucherströme allein lassen. Der Kanzler verstehe nicht, was sich in der DDR abspiele. Die Menschen in der DDR würden sich nicht für die Wiedervereinigung interessieren. Auch wenn Kohl mit der neu gewonnenen Identität der DDR-Bürger nichts anfangen könne, habe er sie als Realität zu akzeptieren. Dass Kohl sich nicht sofort mit Krenz treffen wolle, stößt bei Momper auf Unverständnis. Dreißig Tage würden so ins Land gehen, ohne dass praktische Schritte unternommen würden.

Kohl will sich mit Krenz treffen

In einem Telefonat mit Bundeskanzler Kohl erklärt SED-Generalsekretär Krenz, die DDR habe "Vorleistungen" erbracht, durch die eine "gute Atmosphäre" für die Klärung von Problemen im ökonomischen Bereich und auch im Reiseverkehr entstanden sei. Diese Dinge können man nicht allein lösen. Kohl begrüßt die Öffnung der Grenze. Auf die Wünsche seines Gesprächspartners reagiert jedoch zurückhaltend. Gleichwohl wird ein Spitzentreffen der beiden Staatschefs noch für 1989 verabredet. Es soll in der DDR, aber nicht in Ostberlin stattfinden. Kanzleramtschef Seiters soll in den nächsten Tagen mit Vertretern der DDR-Regierung zusammentreffen, um die Begegnung vorzubereiten.

An den innerdeutschen Grenzen staut sich der Verkehr zum Teil kilometerweit. Neue Übergänge müssen geschaffen werden.
An den innerdeutschen Grenzen staut sich der Verkehr zum Teil kilometerweit. Neue Übergänge müssen geschaffen werden.Foto: dpa

Grenzübergänge an der Bernauer Straße und an der Jannowitzbrücke offen

Für den Massenandrang von Besuchern aus der DDR sind neue Grenzübergänge geöffnet worden. Seit Vormittag macht ein Mauerdurchbruch an der Bernauer Ecke Eberswalderstraße den Weg nach Wedding frei. Zu tausenden strömen die Menschen aus dem bevölkerungsreichen Prenzlauer Berg in den Westen. In Mitte wird ein Übergang an der Jannowitzbrücke geschaffen. Der U-Bahnhof, seit 1961 geschlossen, wird wieder für den Besucherverkehr geöffnet. Währenddessen wird beschlossen, den innerstädtischen Nahverkehr auszubauen. Zusätzliche Busse und Bahnen sollen eingesetzt werden.

Am S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke wird am Nachmittag einer neuer Grenzübergang geöffnet. Auch der U-Bahnhof, seit 1961 gesperrt, ist für den Besucherverkehr wieder zugänglich.
Am S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke wird am Nachmittag einer neuer Grenzübergang geöffnet. Auch der U-Bahnhof, seit 1961 gesperrt,...Foto: imago

MfS hebt Alarmbereitschaft auf

Auch in der MfS-Zentrale wird 14:30 Uhr die ständige Anwesenheitspflicht und Einsatzbereitschaft aller Mitarbeiter aufgehoben. Der stellvertretende Minister Mittig hebt den Mielke-Befehl vom Vortag auf.

Polizeipräsident trifft Grenzkommandeur

Am Grenzübergang Friedrich-/Zimmerstraße setzt sich 14:00 Uhr der West-Berliner Polizeipräsident Georg Schertz mit Oberst Günter Leo, dem stellvertretenden Kommandeur der Berliner Grenztruppe an einen Tisch. Mit dem Treffen - so vor wenigen Stunden noch undenkbar - wird das Zusammenwirken beider Sicherheitsorgane nach den Worten von Leo "auf eine ganz neue Stufe gestellt."

Der besonnene, aber beherzte und konsequente Einsatz der West-Berliner Polizei am Brandenburger Tor habe "zur Entspannung der dort zugespitzten Situation" geführt. Schertz bittet, im beiderseitigen Interesse eine telefonische Direktleitung zwischen beiden Polizeipräsidien zu schalten, um das polizeiliche Einsatzverhalten durch ständigen Kontakt besser abstimmen zu können. Zudem sollte der Übergang Invalidenstraße verbreitert und als Ventil ein Grenzübergang für Fußgänger an beiden Seiten des Brandenburger Tores eröffnet werden.

Das Gespräch findet in "betont freundlicher und offener Atmosphäre" statt und schafft die notwendige Vertrauensbasis, um die sich am Nachmittag wieder verschärfende Lage zu beherrschen.

Gorbatschow bittet Kohl, Umsicht walten zu lassen

Unmittelbar im Anschluss an eine Sondersitzung des Bundestages teilt Bundeskanzler Kohl am Telefon Sowjetchef Gorbatschow mit, dass er den Beginn der Reformen in der DDR begrüße und ihrer Durchführung eine ruhige Atmosphäre wünsche. Jegliche Radikalisierung lehne er ab. Kohl versichert, er habe kein Interesse an einer Destabilisierung der Lage in der DDR.

Gorbatschow fordert den Kanzler nachdrücklich auf, der "Wende" der SED Zeit zu lassen und ihr nicht durch ungeschicktes Handeln Schaden zuzufügen. Es müsse unter allen Umständen verhindert werden, dass "die Entwicklung durch ein Forcieren der Ereignisse in eine unvorhersehbare Richtung, ins Chaos gelenkt" werde. Gorbatschow bittet Kohl, dass "sie ihre Autorität, ihr politisches Gewicht und ihren Einfluss nutzen werden, um auch andere in dem Rahmen zu halten, die der Zeit und ihren Erfordernissen entspricht."

Kohl und sein Berater Horst Teltschik atmen nach dem Gespräch erleichtert auf. Gorbatschow hat keine Drohungen oder Warnungen ausgesprochen, sondern nur die Bitte, Umsicht walten zu lassen. Teltschik wird in sein Tagebuch notieren: "Nun bin ich endgültig sicher, daß es kein gewaltsames Zurück mehr geben wird." Eine Wiederholung des 17. Juni 1953 wird immer unwahrscheinlicher.

Am neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße bildet sich eine gewaltige Menschentraube. Blick in die Oderberger Straße.
Am neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße bildet sich eine gewaltige Menschentraube. Blick in die Oderberger Straße.Foto: dpa

Gysi mahnt Reisegesetz an

In der Berliner Zeitung mahnt Gregor Gysi, die provisorische Reiseregelungen schnell in rechtverbindliche Gesetze umzuwandeln. Die gegenwärtige Zwischenregelung hält der Rechtsanwalt für problematisch. Ausnahmeregelungen ohne Rechtsgrundlage können nicht nur "im positiven Sinne für die Bürger angeordnet" werden. Theoretisch könnten sie auch zum Nachteil des Bürgers ausgelegt werden.

Lange in Schlangen zu stehen, sind die Ostdeutschen aus der Heimat gewohnt. Selten haben sie es so gerne getan, wie in den ersten Tagen nach der Maueröffnung. Gegen Vorlage ihres Personalausweises erhalten sie 100 DM Begrüßungsgeld. Bedenkt man den Umtauschkurs von Ostmark zu Westgeld (10:1), entspricht das einem durchschnittlichen Monatslohn in der DDR.
Lange in Schlangen zu stehen, sind die Ostdeutschen aus der Heimat gewohnt. Selten haben sie es so gerne getan, wie in den ersten...Foto: imago

Besucheransturm am ersten Wochenende nach dem Mauerfall

Seit Donnerstag sind an den Grenzübergängen und bei den Dienststellen der Volkspolizei mehr als vier Millionen Visa ausgestellt worden. Die Züge zum Übergang Helmstedt an der innerdeutschen Grenze sind zu 200 Prozent ausgelastet. Währenddessen konstatiert der Verkehrsfunk in West-Berlin resignierend: "Stehender Fußgängerverkehr auf dem Tauentzien." Wie viel Menschen in die Zweimillionenstadt einreisen- ob 500.000 oder eine Million - kann niemand mehr zählen. Der Autoverkehr in der Innenstadt ist zusammengebrochen, mehrere U-Bahnlinien auch. Lange Schlangen bilden sich vor Sparkassen, Banken und Ämtern, wo viele DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld abholen.

Viele Ostdeutsche fahren zum erstenmal oder zum erstenmal seit langem mit der S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße in den Westen der Stadt.
Viele Ostdeutsche fahren zum erstenmal oder zum erstenmal seit langem mit der S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße in den Westen der...Foto: imago

"Erhöhte Gefechtsbereitschaft" wird aufgehoben

Streletz wird vom Chef der Grenztruppen über die Normalisierung der Lage am Brandenburger Tor informiert. Mit Unterstützung der West-Berliner Polizei sei es gelungen, die Mauer von den Besetzern zu räumen. 12:10 Uhr erteilt Keßler - unter Rücksprache mit Krenz - die Weisung die "Erhöhte Gefechtsbereitschaft" aufzuheben. Die Artillerieregimenter beginnen, ihre schweren Waffen zu entmunitionieren. Die übrigen Truppenteile gehen in das normale Dienstregime zurück.

Panik unter den Soldaten

Gegen Mittag erklärt der stellvertretende Verteidigungsminister Horst Brünner in einem Rundfunk Interview in Radio DDR I, die Armee stünde nicht unter "Erhöhter Gefechtsbereitschaft" - Ausbildung und militärisches Leben würde sich "nach normalem Regime" vollziehen. Bei den beiden sehr wohl seit 24 Stunden unter Gefechtsbereitschaft stehenden Regimentern, lösen die Äußerungen Panik und Unverständnis aus. Die Soldaten, die befürchten müssen, dass ihr Einsatz einen Bürgerkrieg auslösen wird, erleben, dass ein führender Repräsentant des Ministeriums Medien und Volk belügt und versucht, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Keßler erwägt Armeeeinsatz

Generaloberst Host Stechbarth, Chef der Landstreitkräfte der NVA, erhält gegen 11 Uhr einen alarmierenden Anruf seines Verteidigungsministers. Keßler erklärt: "Man hat die Mauer besetzt!" und fragt nach, ob Stechbarth zwei Regimenter nach Berlin marschieren lassen kann. Der weist Keßler auf die unabsehbaren Folgen von Truppenbewegungen durch Berlin hin: "Habt ihr euch die Konsequenzen überlegt?"

Das Kommando der Landstreitkräfte kommt schnell zu dem Schluss, dass angesichts überfüllter Straßen und dem unbeschreiblichen Verkehrschaos in Berlin, schon bei der Anfahrt der beiden Regimenter Auseinandersetzungen zu befürchten sind. Militärhandlungen scheinen in dieser Lage keinen Sinn zu machen.

Im Verteidigungsministerium werden derweil die Leiter der wichtigsten Abteilungen darüber informiert, dass seit gestern die 1. Motorisierte Schützendivision in Potsdam und das Luftsturmrgiment-40 in Lehnitz in "Erhöhter Gefechtsbereitschaft" stehen. Streletz sieht die "Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit dieser Maßnahme" von der Mehrheit im Ministerium in Frage gestellt. Die Spitze des Ministeriums ist gespalten.

Schon am Morgen wird ein Loch in die Mauer an der Bernauer Straße gerissen. Es wird in den nächsten Monaten als Grenzübergang dienen. Im Hintergrund: die Eberswalder Straße und das direkt an der Mauer gelegene Friedrich-Ludwig-Jahn-Spoertpark.
Schon am Morgen wird ein Loch in die Mauer an der Bernauer Straße gerissen. Es wird in den nächsten Monaten als Grenzübergang...Foto: dpa

Kommunikation gewünscht

Die erfolgreiche Kooperation von DDR-Grenztruppen und West-Berliner Polizei am Brandenburger Tor hat eine erste Vertrauensbasis zwischen den Einsatzleitung in Ost und West geschaffen. Um weiteren ernsten Gefahren weniger spontan und zufällig begegnen zu können, ist der Aufbau stabiler Kommunikationswege dringend erforderlich.

Seit der sowjetischen Blockade West-Berlins 1948 sind die direkten Verbindungen zwischen den Polizeibehörden beider Stadthälften gekappt. Die Alliierten verfügen allerdings noch über intakte Telefonverbindungen. Und so hat am Morgen die britische Befehlszentrale in Absprache mit der sowjetischen Botschaft die Erlaubnis für die West-Berliner Polizei erwirkt, den Mauerstreifen überhaupt betreten zu dürfen.

Nach Abschluss des Einsatzes übermittelt die Senatskanzlei dem DDR-Außenministerium den Wunsch des Polizeipräsidenten, weitere Maßnahmen am Brandenburger Tor abzustimmen. Am Übergang Invalidenstraße wird 10:30 Uhr Kontakt aufgenommen und - in Abstimmung mit den westlichen Alliierten - ein Spitzentreffen zwischen dem Polizeipräsidenten von West-Berlin und dem Kommandeur des Grenzkommandos Mitte vereinbart.

Am Morgen des 11. November erobern Grenztruppen der DDR die Panzermauer auf der Westseite des Brandenburger Tors zurück. Die Öffnung der Grenze sollen sie nicht rückgängig machen. Die Besetzung der Mauer durch tausende Berliner wird von den Grenztruppen aber als Provokation empfunden. Angetrunkene hatten in der Nacht zuvor Feuerwerkskörper auf das Brandenburger Tor geschossen und leer getrunkene Flaschen auf die Ostseite geschmissen. Am zweiten Tag nach der Grenzöffnung ist die Berliner Mauer zwar obsolet, die Grenztruppen stehen allerdings weiter unter dem Befehl, die Grenzanlagen zu sichern.
Am Morgen des 11. November erobern Grenztruppen der DDR die Panzermauer auf der Westseite des Brandenburger Tors zurück. Die...Foto: dpa

Loch in die Mauer gerissen

Während die Abriegelung des Betonwalls am Brandenburger Tor noch läuft, gelingt es einer kleinen Gruppe, ein frei gemeißeltes etwa drei Quadratmeter großes Segment mit einem Jeep aus der Mauer herauszureißen. Nachdem die West-Berliner Polizei ankündigt, bei weiteren Beschädigungen der Mauer Festnahmen durchzuführen, beginnt sie mit Helm, Schild und Schlagstock einzuschreiten. Die Beamten sind im Umgang mit Hausbesetzungen und dergleichen erfahren und können die private Abrissaktion schnell beenden. Das Mauersegment wird wieder aufgerichtet und von Ost-Berliner Seite zurückgezogen, in die Mauer eingepasst und verschweißt.

Stasi und NVA beraten Ergebnisse der ZK-Tagung

Wie nach Tagungen des ZK der SED üblich, finden heute Versammlungen von SED-Mitgliedern in Betrieben, Einrichtungen und staatlichen Institutionen statt. Dort sollen die richtungweisende Rede des Generalsekretärs und die wegweisenden Beschlüsse des ZK-Plenums "erläutert" und "ausgewertet" werden. Auch im MfS findet 9 Uhr eine Parteiaktivversammlung statt. Das einleitende Referat hält nicht mehr Noch-Minister Erich Mielke, sondern Krenz-Spezi Wolfgang Herger. Die Ablösung Honeckers und der Anteil des MfS - in Person Mielkes - daran wird noch einmal ausgeführt. Anschließend werden Vorwürfe laut, die Partei habe die Stasi in den letzten Wochen im Stich gelassen. Offenbar laufend wird Herger während der Sitzung über die "außerordentlich komplizierte Lage" am Brandenburger Tor informiert. West-Berliner "Provokateure" seien im Begriff, die Mauer einzureißen. Maßnahmen seien eingeleitet. Man hoffe, die "Vernunft auf der anderen Seite" werde siegen.

Auch im Ministerium für Nationale Verteidigung ist am Morgen die neue Situation kontrovers diskutiert worden. Armeegeneral Heinz Keßler, Verteidigungsminister der DDR, und seine beiden Stellvertreter Generaloberst Fritz Streletz und Generaloberst Horst Brünner werden mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Man wirft ihnen "Anmaßung von Privilegien" und "Streben nach persönlichen Vorteilen" vor allem aber die Kopf- und Führungslosigkeit in der Nacht des 9. November vor. Immer wieder verlassen Keßler und Streletz den Raum, was ihnen den Vorwurf einbringt, sich der kritischen Diskussion entziehen zu wollen. Tatsächlich werden sie über die kritische Lage am Brandenburger Tor informiert. Da angeblich ein "Sturm auf das Brandenburger Tor" bevorstehe, wird die Sitzung abrupt abgebrochen. Der Sozialismus sei in Gefahr. Jetzt sei keine Zeit, weiter zu diskutieren. "Jeder an seinen Platz!"

In einer Privataktion haben Mauerspechte ein Mauersegment heraus gerissen.
In einer Privataktion haben Mauerspechte ein Mauersegment heraus gerissen.Foto: afp

08:05 Uhr: Räumung der Mauer beginnt

Viele Besetzer und Schaulustige haben den Ort der Eskalation inzwischen verlassen. Mit Wasserwerfern werden die Menschen auf der mauer nicht direkt bespritzt, sondern nass gerieselt. Dreihundert unbewaffnete Grenzsoldaten entern mit Holzleitern die Mauerkrone am Brandenburger Tor. Teils behutsam, teils mit Gewalt werden die letzten Mauerbesetzer zum Sprung in den Westen gedrängt. Trotz Stein- und Flaschenwürfen behalten die Grenzer ihre Nerven. Als die Mauer geräumt ist, fahren fünfzehn Mannschaftswagen der West-Berliner Polizei vor und sichern Stoßstange an Stoßstange die Rückeroberung des Betonwalls durch die DDR-Grenztruppen ab. Ein erneutes Besteigen des Mauerrondells ist nicht möglich.

08:00 Uhr: West-Berliner Polizei bietet Unterstützung an

Das DDR-Außenministerium nimmt Kontakt zum West-Berliner Senat und über die sowjetische Botschaft zu den West-Alliierten auf. Währenddessen schlägt der West-Berliner Polizeipräsident Schertz den DDR-Grenztruppen vor, die Mauerkrone am Brandenburger Tor mit friedlichen Mitteln zu räumen und anschließend mit Posten besetzt zu halten. Von West-Berliner Seite werde man flankierende Sicherheitsmaßnahmen einleiten und zur Entschärfung beitragen.

07:30 Uhr: Alarm am Brandenburger Tor

Als es Mauerspechten fast gelingt das südlich an die Panzermauer angrenzende Mauersegment herauszulösen und eine Bresche in die Mauer zu reissen, löst die Volkspolizei Alarm aus. Drei Hundertschaften des Stadtkommandanten marschieren auf . Die Grenztruppen führen zusätzliche Reserven heran. Der Einsatz der Wasserwerfer wird vorbereitet.

00:30 Uhr: Grenztruppen drohen mit Polizeigewalt

Die Berliner, die zu tausenden auf der Mauerkrone am Brandenburger Tor feiern, werden per Lautsprecher aufgefordert, den Handlungsraum der Grenztruppen zu verlassen. Andernfalls erfolge in zehn Minuten der Einsatz polizeilicher Mittel. Auch die West-Berliner Polizei fordert zum Verlassen der drei Meter breiten Panzermauer auf. Die Grenztruppen scheuen aber vor einem Einsatz von Gewalt zurück. Stattdessen räumen sie mehrfach den Vorraum des Brandenburger Tors und übergeben die Mauerspringer der Volkspolizei, die diese über die Grenzübergänge nach West-Berlin abschiebt.

00:00 Uhr: Grenztruppen erhöhen Präsenz

Die Grenztruppen am Brandenburger Tor erhöhen ihre Präsenz. Sechs Lastwagen mit Armeeangehörigen fahren vor. Ein Wasserwerfer wird "zur Demonstration" auf die Höhe des Brandenburger Tors vorgezogen. Kurze Zeit später wird ein zweiter Wasserwerfer in Stellung gebracht.

Am Morgen des 11. November räumen DDR-Grenztruppen die Panzermauer auf der Westseite des Brandenburger Tores. Teils behutsam, teils unter Einsatz von Gewalt werden die wenigen verbliebenen Mauerbesetzer zum Sprung in den Westen gedrängt.
Am Morgen des 11. November räumen DDR-Grenztruppen die Panzermauer auf der Westseite des Brandenburger Tores. Teils behutsam,...Foto: afp

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