Dritte Generation Ostdeutschland : "Es ist mir wichtig, meine Stimme einzubringen"

Nadja Troi-Boeck ist Jahrgang 1980 und in Rostock geboren. Die Theologin lebt heute bei Zürich und forscht an der Universität Bern. Sie hat das Regionalnetzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland – Schweiz" gegründet.

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Nadja Troi-Boeck ist 1980 in Rostock geboren. Sie hat das Regionalnetzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland – Schweiz" gegründet.
Nadja Troi-Boeck ist 1980 in Rostock geboren. Sie hat das Regionalnetzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland – Schweiz" gegründet.Foto: Jana Demnitz

Warum engagieren Sie sich in der Initiative?

Ich hatte schon vor vier Jahren, als das Netzwerk gegründet wurde, durch eine Freundin davon gehört. Damals war ich aber mitten in meiner Dissertation und hatte keine Zeit mich aktiv einzubringen. Das Buch „3te Generation Ost – Wer wir sind und was wir wollen“ hat mich sehr fasziniert. Ich hatte das Gefühl, dank des Buches finde ich eine Sprache dafür, was ich mich selbst oft schon gefragt habe. Nach dem Abschluss meiner Dissertation habe ich mich entschlossen, aktiver zu werden und das Netzwerk Dritte Generation Ostdeutschland Schweiz gegründet. Für mich war auch wichtig zu sehen, dass das Netzwerk kein Nostalgieklub ist oder eine bestimmte politische Meinung kolportiert wird, sondern im Netzwerk viele Perspektiven Platz haben. Denn dafür möchte ich mich einsetzen, dass die vielen Sichtweisen über die Vergangenheit in der DDR Platz finden und man darüber miteinander ins Gespräch kommt.

Wie groß und lebendig ist das Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland" in der Schweiz?

Das Netzwerk hier in der Schweiz ist noch ganz klein, wir sind erst eine Handvoll Leute, aber wir haben auch gerade erst angefangen. Das erste grosse Event ist die Fotoausstellung der Fotografin Undine Groeger in Genf anlässlich der 25 Jahre Mauerfall. Undine ist ursprünglich aus Berlin. Ihr Fotoprojekt heißt: "Within my walls and beyond."

Auf der Homepage des Netzwerkes schreiben Sie: "Wir sollten die Deutungshoheit über das Aufwachsen in der DDR und der Wendezeit nicht den Medien oder der Politik überlassen." Was kritisieren Sie an der bisherigen Berichterstattung?

Häufig wird in den Medien vor allem die furchtbare Seite der DDR beschrieben, die Unterdrückung, die Stasi, die Unfreiheit. Das gab es alles und es war furchtbar. Aber es gab auch Leben. Die DDR war nicht nur der Inhalt der Stasiakten. Ich möchte mich für eine Multiperspektivität einsetzen, denn ich denke, das hilft uns mehr, die DDR zu verstehen und die DDR-Zeit aufzuarbeiten. Sehr fasziniert hat mich ein Vortrag von Markus Meckel, dem letzten Außenminister der DDR, hier in der Deutschen Botschaft in Bern, der davon sprach, dass in den Medien bei Berichten über den Mauerfall vor allem Politiker wie Kohl, Gorbatschow und Bush im Vordergrund stehen. Dass primär einmal die DDR-BürgerInnen auf die Straße gegangen sind im Herbst ’89 und zwar für Demokratie, und dass Wiedervereinigung noch gar nicht im Blickfeld stand, das finde ich wichtig zu hören, vor allem für mich, die ich damals noch zu klein war, um es bewusst mitzuerleben. Viele aus meiner Generation wie ich selbst leben auch nicht mehr in Ostdeutschland. Es ist mir gerade deshalb wichtig, meine Stimme einzubringen, um das Bild "der" Ostdeutschen vielfältiger werden zu lassen.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der DDR, der Wende und der Wiedervereinigung?

Meine Erinnerungen sind vor allem verbunden mit unserer Familie, dem Sandmännchen, Flimmerstunde, Altstoffsammeln. Ich erinnere mich an eine sehr schöne Kindheit. Vom Kindergarten erinnere ich mich nur noch an einige wenige Begebenheiten, die mehr damit zu tun hatten, wer sich mit wem gestritten hatte, welches Kind ich damals nicht mochte, und dass ich mal eine Puppe geklaut habe, die ich dann am nächsten Tag wieder zurückgebracht habe. Und ich erinnere mich an meine beste Freundin von damals und die tollen Kindergeburtstage, die wir gefeiert haben. Wirklich spürbar wurden für mich die Veränderungen erst, als wir nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung in der Familie Arbeitslosigkeit erlebten. Dieses Gefühl der frühen Neunziger, nicht so wirklich zu wissen, wie es nun eigentlich weitergehen wird, erst einmal den Platz zu finden, wo man hingehört, was ja vor allem meine Eltern leisten mussten, hat meine Pubertätszeit sehr geprägt.

Auch bei unseren LehrerInnen spürte ich damals diese Unsicherheit. Ich weiß noch am Ende des Schuljahres vor den Sommerferien 1990 wollten wir nach der Zeugnisübergabe noch ein Lied singen, und unsere Lehrerin sagte zögernd, sie weiß eigentlich gar nicht mehr, welche Lieder man jetzt noch so singen kann. Ich sagte mit meinen neun Jahren in kindlicher Arglosigkeit: "Kleine weiße Friedenstaube." Unsere Lehrerin war der Meinung, das sei wohl ein Lied, das man immer singen könne. Und so sangen wir "Kleine weiße Friedenstaube". Vermutlich zum letzten Mal.

Warum hatten Sie sich entschlossen, in die Schweiz zu gehen? Wie empfinden Sie Ihr Leben dort – auch in Hinblick auf das Schweizer Votum gegen Zuwanderung Anfang des Jahres?

Es war schon im Gymnasium immer wieder Gespräch, dass wir ins Ausland wollten. Ich glaube, wir waren uns damals als Jugendliche nichts ganz sicher, ob wir eigentlich in diesem neuen Deutschland zu Hause sind. Es war eben immer diese Suche danach, wo wir eigentlich hingehören und was unsere Rolle ist. Fragen, die sich in der Pubertät sowieso stellen und mein Eindruck ist, durch die doppelte Sozialisation noch verstärkt wurden. Ich bin vor elf Jahren wegen des Studiums in die Schweiz gekommen. Inzwischen habe ich hier meinen Freundeskreis, bin mit einem Schweizer mit italienischen und deutschen Wurzeln verheiratet, hier habe ich meine beruflichen Netzwerke und bin irgendwie hier zu Hause. Aber es bleibt immer auch speziell, in der Schweiz zu wohnen.

Gerade hier in der Deutschschweiz komme ich nicht um meine Identität als Deutsche herum, denn sobald ich den Mund aufmache, oute ich mich als Deutsche. Ich spreche keinen schweizerischen Dialekt, auch wenn ich sie sehr gut verstehe, aber es wird häufig nicht goutiert, wenn Deutsche sich im Dialekt versuchen. Ich bin hier zu Hause und doch immer auch nicht ganz. Die Medienaktionen insbesondere der Schweizer Tageszeitung "Blick" vor einigen Jahren gegen Deutsche machen das manchmal sehr schmerzlich bewusst. Aber es ist auch nicht zu vergessen, dass die Medien auch sehr stark das Bild des Verhältnisses zwischen SchweizerInnen und Deutschen konstruieren, in der Realität erlebe ich es meistens als viel weniger schwierig. Wirkliche Diskriminierung als Deutsche habe ich hier erst wenige Male erlebt. Aber ab und zu haben mein Mann und ich seitdem auch mal darüber gesprochen, wie es wäre, nach Deutschland zu gehen.

"25 Jahre Friedliche Revolution" und Mauerfall in der DDR – sind diese historischen Ereignisse in der Schweizer Öffentlichkeit aktuell relevant?

Bis jetzt ist hier in den Medien noch nicht viel zu lesen gewesen, aber von einer Journalistin wurde ich bereits darauf angesprochen und ich denke Anfang November wird auch mehr zu lesen sein in den Zeitungen. Insgesamt gibt es schon ein Interesse an dem Thema, insbesondere in kirchlichen Kreisen hier gibt es viele, die noch zu DDR-Zeiten durch Partnergemeinden in der DDR waren. Da höre ich oft spannende Geschichten.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit Ostdeutschland?

Ich hoffe, dass die vielen Geschichten nicht verloren gehen, sondern dass sie erhalten bleiben und wir einen Weg finden, über Freuden, aber auch über Schuld aus der damaligen Zeit zu reden ohne primär zu verurteilen, aber auch um Aufarbeitungs-, Vergebungs- und Versöhnungsprozesse in Gang zu setzen. Und ich hoffe, dass junge Menschen in Ostdeutschland Arbeit und Zukunft finden können, damit auch dort die Regionen, gerade in meiner Heimat in Mecklenburg, nicht irgendwann Landschaften mit leeren Dörfern sind.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Netzwerkes.

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