Dritte Generation Ostdeutschland : "Mein Geburtsort wird immer meine Heimat bleiben"

Der Fotograf Nico Herzog ist 1984 in Cottbus geboren. Heute lebt er in Hannover. Mit einem Fotoprojekt hat er den Abriss der Plattenneubauten in seiner Heimatstadt dokumentiert.

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Der Fotograf Nico Herzog kommt ursprünglich aus Cottbus und lebt heute in Hannover.
Der Fotograf Nico Herzog kommt ursprünglich aus Cottbus und lebt heute in Hannover.Foto: privat

Welchen Bezug haben Sie zur der Initiative "Dritte Generation Ostdeutschland"?

Auf die Initiative bin ich im Laufe meiner Recherchen für meine Bachelorarbeit aufmerksam geworden. Ich war überrascht und erfreut, dass es auch andere Menschen in meinem Alter gibt, die sich mit unserer Perspektive auf die Wiedervereinigung auseinandersetzen. Ich hatte ein diffuses Gefühl, dass es zwischen Ost und West Gräben gibt, die noch überwunden werden können.

Sie haben fotografisch den Abriss der Plattenneubauten in Cottbus festgehalten? Wie sind die Menschen damit umgegangen, dass ihr "Zuhause" aus Kindertagen heute spurlos verschwunden ist?

Wenn ich auf dem Parkplatz meines damaligen Zuhauses in dem Plattenbauviertel stehe, dann umgeben mich nur noch blühende Wiesen und absolute Stille. An meine Kindheit erinnern nur noch die leeren Straßenzüge. Diesen schleichenden Verlust der eigenen Vergangenheit wollte ich fotografisch festhalten, bevor es vielleicht bald keine Hinweise mehr nach einstigem Leben und Gemeinschaft gibt. Viele Menschen dort eint die Arbeitslosigkeit und manchmal der Hang zum Alkohol. Nach den Gesprächen mit ihnen verstehe ich es. Ihnen wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, das Weltbild, an das sie geglaubt haben, wurde von heute auf morgen abgeschafft. Dafür ist ihnen kein Vorwurf zu machen.

Welche konkreten Erinnerungen verbinden Sie mit der DDR, der Wende und der Wiedervereinigung?

Ich bin in der Platte groß geworden. Geburtstage und Feste wurden mit der ganzen Hausgemeinschaft gefeiert. Später hatten einige Freunde im Kindergarten plötzlich eine Milchschnitte in ihrem Brotpaket. Das muss dann wohl die Wende gewesen sein.

Können Sie mit dem Begriff "ostdeutsche" Sozialisation etwas anfangen?

In meiner Zeit als Student habe ich Hannover den einen oder anderen privaten Konflikt ausgetragen, der sich nicht lösen lies. Ich stellte fest, dass Lebensentwürfe, der Umgang mit Mitmenschen und Wertvorstellungen völlig verschieden waren. Nach langer Zeit fand ich für mich teilweise eine Erklärung in der unterschiedlichen Erziehung in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Ich habe zwar nicht mehr viel von der DDR erlebt, aber meine Eltern und Großeltern haben mich darüber hinaus geprägt.

Wie würden Sie das Interesse Ihrer westdeutschen Freunde bezüglich DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung beschreiben?

Es ist nicht leicht, gleichaltrige Westdeutsche zu finden, die an diesen Themen interessiert sind. Sie haben selten persönliche Berührungspunkte mit der DDR. Die interessantesten Gespräche habe ich mit einem Westberliner Freund, der zur Zweiten Generation gehört. Westdeutsche reduzieren die DDR jedoch sehr gerne auf die Stasi und den Unrechtsstaat. Das ist ein sehr wichtiger Teil, lässt jedoch das Leben der meisten Menschen außen vor.

Welche Beziehungen haben Sie heute noch zu Cottbus? Können Sie sich vorstellen, eines Tages zurückzukehren?

Mein Geburtsort wird immer meine Heimat bleiben. Ich bin immer emotional berührt, wenn ich durch die Stadt streife. Jede Ecke der Stadt ist mit Erinnerungen an früher verbunden. Dort wieder zu leben, ist für mich momentan jedoch ausgeschlossen. Mein Beruf als Fotograf würde dort nicht in dem Maße funktionieren, wie in Hannover. Ich müsste wohl viele Kompromisse eingehen, für die ich im Moment nicht bereit bin.

Stellen Sie Erwartungen an die Initiative?

Ich hoffe einfach, dass es noch lange einen regen Austausch zwischen allen Generationen, Ost und West, gibt. Nur dadurch können die Gräben, die es noch gibt, überwunden werden. Meine Familie war sehr Linientreu zur damaligen Zeit. Mein DDR-Bild wird dadurch dominiert. Auf einem Treffen des Netzwerkes erzählte mir eine ehemalige Insassin eines Frauengefängnisses in der DDR von ihren schrecklichen Erlebnissen. Mein Bild der DDR wurde dadurch bereichert. Ich hoffe, dass solche Begegnungen noch vielen anderen Menschen zuteil werden.

Fällt es Ihnen schwer zu sagen, woher Sie ursprünglich kommen?

Es fällt mir immer etwas schwer, einem Westdeutschen zu sagen, dass ich aus Cottbus komme. Ich erwarte meistens eine Reaktion meines Gegenübers auf den Osten. Die bezieht sich dann jedoch meistens auf ein legendäres Fußballspiel zwischen Hannover 96 und Energie Cottbus im Stadion der Freundschaft. Wenn ich beruflich und privat reise, muss ich heute keine spürbare Grenze mehr überschreiten. Daher fühle ich mich als Europäer.

Welchen Blick haben Sie auf das deutsch-deutsche-Verhältnis?

Die meisten Vorbehalte haben meiner Meinung nach die Ostdeutschen gegenüber den Westdeutschen. Besonders erschreckend finde ich es jedoch, dass einige Jugendliche, die Mitte der Neunzigerjahre geboren sind, Ostdeutschland als "Dunkeldeutschland" bezeichnen. Das ist die Generation, die eigentlich vorbehaltlos sein sollte.


Weitere Informationen zu dem Fotoprojekt "Endhaltestelle Sachsendorf".

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