Dritte Generation Ostdeutschland : "Wir Wendekinder haben eine gesellschaftliche Aufgabe"

Renè Sternberg ist 1982 geboren und in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen. Der Soziologe arbeitet in Hamburg, lebt in Berlin und engagiert sich im Netzwerk "Dritte Generation Ostdeutschland".

Der Soziologe René Sternberg lebt in Berlin und arbeitet in Hamburg.
Der Soziologe René Sternberg lebt in Berlin und arbeitet in Hamburg.Foto: Jana Demnitz

Ich bin als Soziologe in einem Unternehmen tätig, das sich um die Entwicklung und Einführung von Intranet-Portale kümmert. Als sogenannter Informationsarchitekt beschäftige ich mich dabei mit den Nöten und Bedürfnissen der Mitarbeiter in der internen Zusammenarbeit. Die gesammelten Umfrage- und Gesprächsergebnisse dienen als Grundlage für die Planung und Anpassung der neuen digitalen Kollaborationsplattform.

Durch einen Zeitungsartikel bin ich vor wenigen Jahren auf die "Dritte Generation Ostdeutschland" aufmerksam geworden. Ich denke, wir ehemaligen Wendekinder haben eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch wenn der Vergleich mit der 68ern überzogen ist, sehe ich dennoch Parallelen zu dieser Generation, die in der Bundesrepublik begann, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Wir, die "Dritte Generation Ostdeutschland", sind jetzt mitverantwortlich, die DDR-Geschichte aufzuarbeiten. Es geht um ein realistisches und differenziertes Bild abseits von Verklärung auf der einen Seite und Schlechtmacherei auf der anderen Seite.

Ich denke, wir haben eine Vermittlerfunktion zwischen den Generationen aber auch zwischen den Ost- und den Westdeutschen insgesamt. Ich glaube, wir haben die Chance, am nächsten an die Wahrheit über die DDR heranzukommen. Geschichtsschreibung ist immer auch davon abhängig, wer sie schreibt. In der Öffentlichkeit wird z.B. immer Helmut Kohl als der Kanzler der Einheit dargestellt. Natürlich hat er einen wichtigen Beitrag geleistet. Aber letztendlich waren es die Bürger der DDR, die auf die Straße gegangen sind, die ihr Leben riskiert haben und die Mauer zu Fall gebracht haben. Diesen Menschen muss man vor allem danken. Wir haben die Möglichkeit, einen differenzierten Blick auf die Wendezeit zu werfen, weil wir viele verschiedene Perspektiven kennen.

Es gab damals extrem viele unterschiedliche Positionen und Einstellungen zum Regime – von überzeugten Unterstützern bis absolute Gegner. Meine Oma hat mir erzählt, dass es bei unseren Familienfesten immer hoch her ging, weil stets politische Streitgespräche geführt wurden, die aber in einem privaten Kreis geblieben sind. Von einer Außenperspektive heraus kann man solche Details kaum erfahren. Es gibt kein schwarz oder weiß und in jeder Familie gab es diese Schattierungen, und die kommen in der heutigen Wahrnehmung und Berichterstattung kaum vor. Deshalb finde ich es gut, dass es diese Initiative gibt und darüber gesprochen wird.

Für mich als Soziologe, der sich auch intensiv mit den Mechanismen der Digitalisierung beschäftigt, ist auch die Frage der digitalen Überwachung ein immanentes Thema. Die technischen Potenziale für die Massenüberwachung sind nach meiner Einschätzung heute viel schlimmer als zu DDR-Zeiten. Nach meinem Empfinden werden diese Möglichkeiten bisher noch nicht im vollen Umfang angewendet. Wenn eine Demokratie aber in Schieflage gerät, haben die Staatsgewalten heute Werkzeuge an der Hand, die rigoros gegen die Bevölkerung verwendet werden können.

Die meisten Menschen setzen sich gegen die absolute Kontrolle bisher nicht zur Wehr, weil sie es persönlich noch nicht spüren. Wenn aber beispielsweise Krankenakten massiv in die falschen Hände geraten, und Menschen aufgrund dieser persönlichen Informationen von ihrem Arbeitgeber gekündigt werden, erst dann werden die Menschen aktiv werden. Das ist aber auch das Problem. Wenn sich politische Verhältnisse ändern, und keine demokratischen Strukturen mehr vorhanden sind, dann kann es schon zu spät sein. Davor habe ich Angst.

Notiert von Jana Demnitz

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Netzwerkes.

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