Armee in Auflösung : Mann trug Schnauzer

Als die Mauer fiel, absolvierte Olaf Klüsener gerade seinen Wehrdienst bei der NVA. Da er seinen Personalausweis hatte abgeben müssen, dauerte es eine ganze Weile, bis er in den Westen fahren konnte.

Olaf Klüsener

Das Jahr 1989 lässt sich rückblickend für mich mit einem Begriff bzw. einer Abkürzung belegen -  "NVA".  Ich war knapp 20 und Wehrdienstleistender oder wie es in der Abkürzungssprache der DDR hieß AA (Armeeangehöriger).  Trotz Kasernenmauern und dem einzigen uns gestatteten Nachrichtenkanal wurden die Ereignisse, die im Vorfeld bis zum 9. November geschahen, sehr wohl wahrgenommen (Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Berlin).  Die Grundstimmung war latent unruhig und irgendwie angespannt, obgleich man nicht genau wusste,  wohin diese Ereignisse führen werden.

Zwischendurch erfüllte man seinen ganz normalen Dienst bei der NVA im schönen Erzgebirge. Als dann "der Zug" auf dem Weg von Prag mit den Menschen aus der Prager Botschaft nach Westdeutschland teilweise duch die DDR fuhr, wurden in "meiner" Kaserne einzelne Einheiten in Alarmbereitschaft versetzt, um mögliche Gefährdungen an den Bahngleisen zu verhindern. Alarmbereitschaft? Was für ein Alarm? Mir war es suspekt.  Gut, so gesehen war der ganze Dienst suspekt - doch das war mehr als ungewöhnlich. Waren es doch unsere eigenen Leute!

Bis dahin waren Alarmübungen immer verbunden mit imaginären kapitalistischen Eindringlingen, deretwegen wir zu unmöglichen Uhrzeiten alle möglichen Bewaffnungen aus den Waffenkammern räumten, irgendwo hinschleppten, nur um sie hinterher wieder putzen zu dürfen. In diesem Fall gab es aber keine "scharfen Waffen", schon gar keine Munition. Stattdessen gab es Holzgewehre.
Holzgewehre mit denen man sonst seine "sportlichen" Übungen auf der "Sturmbahn" trainieren konnte.
Auf die Frage nach dem "Warum?" gab es zwei Varianten:
0.) sehen aus wie echt in der Dunkelheit - naja!?
1.) Sicherheit! - Demonstranten können die Waffen entwenden und dann haben wir ein richtiges Problem. - plausibel
2.) Sicherheit! - Die Waffen könnten gegen die eigenen Leute / militär. Führung eingesetzt werden! - Vertrauensverlust/Unsicherheit!

Mit meiner 20jährigen Blauäugigkeit wäre mir Punkt 2. eigentlich nie in den Sinn gekommen. Ich habe ihnen nie vertraut und sie taten es also auch nicht - eine "unsichere Führung" in der Selbstauflösung, mir war das neu,ich hatte das noch nie erlebt, denn wenige Wochen zuvor waren noch die gleichen Leute laut, arrogant und selbstsicher.

Der 9. November selbst war ein Donnerstag und ich hatte Urlaub einen sogenannten VKU (verlängerter Kurzurlaub), Wochenende plus einen Urlaubstag. Ich saß im Zug, und die Batterien meines Walkman waren leer. Also habe ich in den Regionalzügen zwischen Zwickauund Berlin via Leipzig gedöst bzw. geschlafen. Irgendwann bin ich dann spätabends in Berlin-Lichtenberg angekommen. Von Lichtenberg bin ich dann Richtung Ostkreuz, um anschließend Richtung Erkner nach Hause zu fahren . Ich war müde und registrierte nicht wirklich viel, nur dass die S-Bahn Richtung Erkner ungewöhnlich leer war,die S-Bahnen Richtung Innenstadt hingegen außergewöhnlich voll! An meinem Ziel angekommen traf ich zufällig ein paar Freunde, die mir erzählten, die Grenze sei offen. Anscheinend arbeitete mein Gehirn zu diesem Zeitpunkt mechanisch, fragte ich doch tatsächlich: "Welche Grenze?".

Ich bin in dieser Nacht leider nirgendwo mehr hingefahren und das ärgert mich noch heute.In den folgenden Tagen wurde aus "fröhlichem Chaos" "deutsche Gründlichkeit", denn jeder Grenzübertritt (was für ein Wort) wurde mit einem Stempel im Ausweis versehen. Dämlicherweise hatte ich den falschen Ausweis, denn mein Ausweis war in diesen Tagen "grau" (ein Wehrdienstausweis - ein Ausweis, in dem es zwar Platz für Eintragungen militärischer Auszeichnungen gab, aber nicht für Grenzübertritte).

Mein Wochenende sah demzufolge so aus, das meine Freunde "im Westen" unterwegs waren und ich mir zu Hause tolle Geschichten anhören konnte. Unser Stammklub hatte an diesem Wochenende mit akuter Publikumsknappheit zu kämpfen - welch Wunder!  Es war schon ein wenig langweilig - auch wenn man das im Nachhinein nicht wirklich verstehen kann.
Am Montag bin ich dann wieder pünktlich zuück in die Kaserne. Wenn ich überlege, dass ich selbst in diesen Tagen pünktlich war, bin ich anscheinend ganz schön doll deutsch.

Was jetzt innerhalb der Kaserne stattfand, war aber trotzdem durchaus erlebenswert.Weil ehemals strenge Regeln gelockert wurden, ließen sich auffällig viele plötzlich einen Bart stehen - vorher war die tägliche Rasur Pflicht! Jetzt hatten so gut wie alle einen Oberlippenbart, unabhängig ob es nun passte oder nicht. Oh Mann, - es war die Zeit der Schnauzer!

Politische Offiziere, die ihre Daseinsberechtigung aus "der Rolle der Partei" ableiteten, fielen in ein bodenloses Loch. Selbst die Autorität von der sie träumten, die sie aber nie besessen haben, war dahin.  Stattdessen wurden vor deren Bürotüren Parteimitgliedsbücher demonstrativ verbrannt.  Die, welche noch kurz zuvor mit "sich überschlagender Stimme" Befehle brüllten wurden widerstandslos kleinlaut,  wenn man sie freundlich bat, die "Tür von außen zu schließen".

Mein Zugführer sinnierte am Schreibtisch darüber ob es nicht sinnvoll wäre, eine Tankstelle an der Grenze zu eröffnen -
bei dem täglichen Stau müsste sich das doch lohnen. Die ersten Anzeichen unternehmerischen Geistes?! Im Dezember in meinem darauffolgenden Urlaub wollte ich dann meinen Ausweis von der Polzei abholen. Mittlerweile war auch das erledigt, dass Armeeangehörige ihren Personalausweis abgeben müssen. Doch anstatt nun endlich das alles zu erleben und mal über die Grenze zu fahren, fuhr ich mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Die dauerte dann bis Weihnachten 89.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Jahr 1989 war für mich aufregend mit einer Reihe von ungewöhnlichen Situationen und menschlichenEmotionen, die ich bis dahin nicht kannte. Ich habe es aber in diesem Jahr 1989 nicht geschafft,  die Rückseite der Berliner Mauer zu sehen - erst im Januar 1990. Doch da war es eigentlich schon normal. Schade.

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