Auf in den Osten : Ein immenses Glücksgefühl

Am Abende des 9. November saß Nikolaus Krämer in Kreuzberg in der Kneipe, als über die Oranienstraße die ersten Trabis rollten. Die Mauer war auf.

Nikolaus Krämer

Ich saß spät am Abend des 9. Novembers 1989 in einer Kreuzberger Kneipe in der Oranienstraße/SO 36  - genauer gesagt im guten alten "Anton" - und hatte rein zufällig meine Kamera dabei, als auf der Straße plötzlich ein paar Trabants in Richtung Wiener Straße fuhren. Völlig von den Socken, bin ich mit ein paar losen Bekannten auf die Straße raus, wo es hieß: die Mauer ist auf! Ungläubiges Staunen allerorts! 


Ich also gleich zum Grenzübergang Moritzplatz, wo sich tatsächlich schon eine beträchtliche Menschentraube versammelt hat. Die meisten Menschen kamen allerdings aus dem Osten und drängten wahllos nach West-Berlin, während sich nur ein paar West-Berliner in den Ostteil der Stadt wagten. Sagte mir: Nick, da musst du jetzt rein, morgen könnte ja schon alles wieder geschlossen sein! 


Daraufhin bin ich mit ein paar wildfremden Menschen mitten in der Nacht nach Ost-Berlin einmarschiert, zuerst über die Prinzenstraße, dann gleich links über die Annenstraße zur Fischerinsel, und von dort über die Breite Straße zur Karl-Liebknecht Straße. Dort angekommen sind wir weiter nach Westen und waren plötzlich Unter den Linden. Habe mir gesagt: Nick, du muss Fotos machen - und zwar vom Brandenburger Tor Rückseite Ost! Das Pärchen, mit dem ich unterwegs war, ist dann in Richtung Prenzlauer Berg abgedriftet, hatten dort angeblich Freunde - während ich mich der Quadriga via Ostblick genähert habe. Kurz vor dem Brandenburger Tor war dann aber auch schon Schluss: ein Vopo-Cordon sperrte den Zugang hermetisch ab.


Also ich rauf auf den Auslöser und ein paar Fotos gemacht, bevor mir das dann doch zu mulmig wurde. Auch kam einer der Vopos auf mich zu - daher dachte ich: Nick, nichts wie weg bevor die den Film konfiszieren.


Habe dann nach einem langen und unglaublich wirkenden "Nachtspaziergang" wieder in den Westen "rübergemacht" und  die folgenden Tage wie im Rausch erlebt. Auch war ich am 10. November auf der Mauer am Brandenburger Tor - als Willy Brandt und Walter Momper kamen - diesmal allerdings wieder Westseite. Und immer war noch nicht klar war: "wer-wie-was"? Die Menschen schauten sich in diesen Tagen mit einem unterdrückten Lächeln an, mit der Sicherheit eines immensen Glücksgefühls und der unbändigen Freude eines kleines Kindes - mitunter, da sie wussten, dass sie an einem geschichtlichen Mega-Ereignis partizipierten. Und das Rad der Geschichte konnte dann auch nicht mehr zurückgedreht werden. 


Und das ist auch gut so!!!

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