Ausstellung : Junger Blick auf die Mauer

Eine Ausstellung im Roten Rathaus zeigt zum Mauerfall-Jubiläum das Thema aus anderer Sicht: Es kommen Menschen zu Wort, die keine Erinnerung daran haben.

Annegret Ahrenberg

Menschen auf der Mauer, Euphorie in ganz Berlin und Trabi-Schlangen an der Grenze - Das Mauerfall-Jubiläum weckt bei vielen Erinnerungen an einen besonderen Abend. Für junge Leute gibt es diese nicht.

„Sie haben die Friedliche Revolution nicht miterlebt und kennen sie nur vermittelt. Was haben Jugendliche also noch damit zu tun?“, ist die Frage, für die sich der Medienpädagoge Rainer Sioda interessiert. Mit dem Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) und 600 Schülern aus vier Berliner Schulen versucht er darauf Antworten zu finden.

Das Ergebnis ist in der Ausstellung „Jugend bohrt“ im Roten Rathaus zu betrachten. Jugendliche, die alle zwischen 1989 und 1991 geboren sind, zeigen ihre in drei Jahren entstandenen Filme, Fotos und Installationen. Für einen dreiviertelstündigen Film etwa waren die Jugendlichen am Potsdamer Platz, am Kottbusser Tor und anderen Orten Berlins unterwegs, um Passanten zum Thema zu befragen. „Ist die Wende ihrer Meinung nach abgeschlossen?“ wollten die Schüler unter anderem wissen. Die Bilder zeigen ältere Menschen, die verneinen und Jüngere, die mit Ja antworten.

"Mauerfall? Das liegt doch schon so weit zurück."

Für Sioda ist dieser Unterschied in den Köpfen von Jung und Alt bezeichnend. „Der Blick der Jugendlichen ist völlig anders“, resümiert der 51-Jährige. „Für sie liegt die Wende ganz weit zurück, ist Geschichte. Während die Zeitgenossen das Gefühl haben, dass es noch gar nicht so lang her ist.“

Ähnliche Eindrücke entstehen in einem weiteren Videoprojekt, in dem Jugendliche auf die immer gleichen acht Fragen wie „Was hältst du von einer anhaltenden Ost-West-Diskussion?“ antworten. „Ich kann damit nichts anfangen“ sagt ein Junge, ein anderer meint: „Die DDR interessiert mich gar nicht. Ich bin ein Mensch, der jetzt und nicht in der Vergangenheit lebt“. In der Videoinstallation nebenan wird diese Ansicht künstlerisch umgesetzt. „Die Schüler haben sich gedacht: ‚Mauerfall? Das liegt doch schon so weit zurück. Damit haben wir nichts zu tun’“, erklärt Sioda. Das Ergebnis: Auf einer Leinwand werden übereinander zwei Filme projiziert. Der obere portraitiert die jungen Macher, unabhängig davon laufen darunter Bilder der vergangenen Friedlichen Revolution.

Für Rainer Sioda war Ziel des Projekts, „das Reden in den Familien anzustoßen. Und wir wollten, dass die Jugendlichen bei der Teamarbeit im Workshop für bestimmte Dinge der Wende ein Bewusstsein erlangen -Prozesse, die diese Ausstellung nicht wiedergeben kann“. „Jugend bohrt“ zeigt dennoch viel: den erfrischend unbedarften Blick auf das Mauerfall-Jubiläum der Nachgeborenen.


- 4. bis 9. November, 10-18 Uhr, im Roten Rathaus, Wappensaal.

Dieses Video ist unter anderem in der Ausstellung "Jugend bohrt" zu sehen. Dafür haben sich die Schüler an Orte gestellt, wo die Mauer vor der Wende stand, und sich gleichzeitig aus dem Osten und aus dem Westen filmen lassen.

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