Brückenöffnung : Im Scheinwerferlicht

Tagesspiegel-Leserin Christine Pilot war am 10. November unterwegs zum Gitarrenkursus in Zehlendorf. Als sie im Radio hörte, dass die Glienicker Brücke wieder geöffnet werden sollte, war die Musik zweitrangig.

Christine Pilot

Ich bin auf dem Weg zum Gitarrenkurs. Ich bin spät dran heute, mächtig spät dran sogar! Aber ist das ein Wunder an diesem Tag?
Es ist der 10. November 1989, in der vergangenen Nacht haben sie die Mauer geöffnet. Die Mauer geöffnet! Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Und kann kaum aufhören darüber zu reden. Wie eben, als mein Mann von der Arbeit kam: Ich hatte auf ihn gewartet, um die Kinder nicht allein zu lassen und hätte eigentlich bei seiner Ankunft gleich aufbrechen müssen. Aber ich habe mich einfach nicht losreißen können. Denn: „Stell dir mal vor!“, hat er ausgerufen, „Trabbis auf der Stadtautobahn! Lauter Trabbis in Richtung Kudamm!“ Und von einem Kollegen hat er erzählt, „der hat heute Nacht auf der Mauer gestanden. Auf der Mauer, stell dir das vor!“

Wir haben gelacht und den Kopf geschüttelt und zum soundsovielten Mal „Wahnsinn!“ gesagt – und beinah hätte ich über all dem vergessen, dass ich doch längst schon losgehen wollte. Nun aber bin ich unterwegs, fahre die Clayallee hinunter nach Zehlendorf-Mitte, wo jeden Freitagabend mein Gitarrenkurs stattfindet. Aus dem Autoradio ertönt Schlagermusik - und auf einmal bereits der Nachrichtengong. „Oje, schon 18 Uhr!“, denke ich, „Jetzt fangen sie an. Haben sicher schon ihre Gitarren gestimmt…“ „…wird heute um 18 Uhr die Glienicker Brücke geöffnet“, höre ich da die Sprecherin sagen. „Was?!“, denke ich, „Die Glienicker Brücke? Nach den Übergängen in Berlin nun auch die Glienicker Brücke?“ Und weiß sofort: Da muss ich hin! Habe ich doch, da ich im Südwesten Berlins aufgewachsen bin, schon immer einen Bezug zu dieser Brücke gehabt. Ja, habe ich doch gerade an dieser Brücke immer wieder die Einschränkung durch die Grenze gespürt: Wenn ich als Kind - in den frühen 60er Jahren - mit meinen Eltern eine Dampferfahrt machte: Hier war der Punkt, wo es nicht weiter ging, hier musste der Dampfer auf engem Raum wenden - und hoffentlich, so bangte ich jedes Mal, würde er nicht diese unheimlichen schwarzen Bojen berühren!

Auch später, als ich fünfzehn, sechzehn war und von der Schule aus freitags zum Rudern ging: Wieder mussten wir hier unsere Rückfahrt antreten. Schweigsam und konzentriert wendeten wir stets unseren Vierer, wussten wir uns doch beobachtet von den Grenzsoldaten, die im Motorboot auf der anderen Seite der Havel patrouillierten. Und wenn wir mit dem Auto zur Glienicker Brücke fuhren, war hier für uns Berliner die Straße zu Ende. Sicher, sie führte eigentlich bis hinüber nach Potsdam, doch versperrte ein Schlagbaum weithin sichtbar den Weg. Nur noch Diplomaten und alliierte Militärs durften seit dem Mauerbau die Brücke überqueren. Und nun – nach all den Jahren – wird sie wieder geöffnet?

Kathrin  fühlt offenbar genau so wie ich. Wir kennen uns nur vom Gitarrenkurs und haben noch kaum miteinander geredet. Aber als ich in die Runde frage: „Kommt jemand mit?“, da nickt sie mir sofort voller Begeisterung zu. Ich rufe noch kurz zu Hause an, dann machen wir beide uns auf den Weg: fahren die Potsdamer Straße hinunter, die zur Potsdamer Chaussee und zur Königstraße wird und eigentlich direkt zur Glienicker Brücke führt. Doch als wir das Wohngebiet allmählich verlassen und vor uns bereits der Wald auftaucht, da sehen wir auf einmal eine rot-weiße Absperrung. Ein Polizist steht dabei und bedeutet uns zu halten. „Wir wollen zur Glienicker Brücke!“, rufe ich ihm zu. „Da sind Sie nicht die einzigen“, erwidert er und tritt an mein heruntergekurbeltes Seitenfenster heran. „Zur Glienicker Brücke kommen Sie heute nur noch zu Fuß. Ihr Auto können Sie dort drüben in der Seitenstraße parken.“
Kathrin und ich sehen uns an: Zu Fuß? Wie weit ist das: Drei Kilometer? Egal, und wenn es weiter wäre: Wir wollen hin!

Der Fußweg entlang der Königstraße ist einsam und dunkel. Links neben uns beginnt gleich der Wald, rechts neben uns verläuft die jetzt leere Fahrbahn.  Zunächst wird unser Weg noch ein wenig erhellt durch das Licht, das vom Fernsehmeldeturm Schäferberg kommt. Doch als wir ihn allmählich hinter uns lassen, wird es immer finsterer um uns herum. Unter den Füßen spüren wir Blätter und Zweige; erkennen können wir sie kaum. Muss nicht bald mal die Straße zur Pfaueninsel abgehen? Und: Wie lange sind wir eigentlich jetzt schon unterwegs?

Da hören wir von vorne Motorengeräusch und sehen mildes Scheinwerferlicht. „Guck mal“ – Kathrin ergreift meinen Arm – „da vorne, das könnte ein Trabi sein!“ „Tatsächlich, ein Trabi! Und da: Schon der nächste…“ Offenbar ist die Brücke jetzt auch für Autos geöffnet! Einige fahren mit offenen Fenstern vorbei, schemenhaft sehen wir Gesichter darin. Ach, am liebsten würde ich `Herzlich willkommen!´ rufen, aber ich bringe einfach keinen Ton heraus. „Es ruft sich verdammt schlecht, so allein am Waldrand“, sage ich zu Kathrin, die zu lachen beginnt: „Komm weiter, an der Brücke ist bestimmt ganz viel los, da wirst du jede Menge Mit-Rufer finden.“

Und so ist es. Als die Brücke schließlich vor uns liegt, angestrahlt von gleißendem Scheinwerferlicht, erscheint sie uns bevölkert wie überhaupt nie zuvor: Von Potsdam schiebt sich Auto um Auto herüber, daneben kommen immer mehr Leute zu Fuß und fügen sich ein in die Menschenmenge, die sich um die Straße herum längst gebildet hat. Dort, wo die Autos die Brücke verlassen, haben mehrere Leute Aufstellung genommen: Sie trommeln zur Begrüßung jedem Trabi aufs Dach! Die Trabi-Fahrer scheinen sich darunter zu ducken, aber sie lachen und winken aus den Fenstern dabei.

„Willkommen im Westen!“, ruft ein Mann ihnen zu. Auch er steht neben der langen Schlange von Trabis und reicht Geldscheine zu den Fenstern hinein.Wir schieben uns vor bis zu einem mannshohen Gitter, um so nahe wie möglich an der Brücke zu stehen. Auch jenseits dieses Gitters drängen sich die Menschen, sie müssen aus Potsdam gekommen sein. „Wir – wollen – rü - ber!“, ertönt da plötzlich ein Sprechchor, doch seltsamerweise hinter uns! Die Menschen uns gegenüber beginnen zu lachen und stimmen schließlich ihrerseits ein. Das Rufen, das Trommeln, die Menschenmenge, die ganze in Scheinwerferlicht getauchte Szene. Wir sind sicher: Das wird Eingang in die Geschichtsbücher finden. Was für ein Gefühl: Wir sind dabei!

Irgendwann steht ein leerer BVG-Bus da. Sofort wird er umlagert und gleich darauf gestürmt. Wir überlegen: Sollen wir nicht auch mitfahren? Anstatt die lange Strecke noch einmal zu laufen? Ein letztes Mal blicken wir zur Glienicker Brücke, dann steigen auch wir ein – ohne zu bezahlen. Kein Mensch zahlt heute, und der Busfahrer lächelt. Eingepfercht geht es zurück durch den nächtlichen Wald, bis Laternen den Beginn des Wohngebiets anzeigen. „Sag mal, haben wir nicht hier geparkt?“ Der Fahrer reagiert prompt, und wir steigen aus. Einen Moment noch sehen wir dem Bus hinterher, dann biegen wir in die Querstraße ein.
Am Straßenschild legt Kathrin den Kopf in den Nacken:  „Friedenstraße“, liest sie mit bewusster Betonung.
Zufall, aber dennoch ein schöner Schluss. Denn das ist für diesen Abend genau der richtige Name.

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