Chronik eines Schülers : Die Lehrerin und ihr Freund Honni

Der Mauerfall war nicht gerade das, was den Mainzer Neuntklässler Friedhard Teuffel, heute Reporter beim Tagesspiegel, seinerzeit besonders interessierte. Auch nicht, dass die Lehrerin bei einem DDR-Besuch mal mit Erich Honecker zusammengetroffen war. Besser gefielen ihm im Weihnachtsurlaub 1989 im Harz die Überrasschungsbesuche bei Bekannten jenseits der jetzt offenen Grenze.

Friedhard Teuffel

Um mein Wendejahr zu finden, musste ich mich ziemlich tief bücken. Es lag im untersten Regalfach eines Schranks. Mein Wendejahr ist eine Loseblattsammlung, eine Chronik aus Notizen und Zeitungsartikeln. Oben auf der ersten Seite steht „Referat über die Ereignisse und Entwicklungen in der DDR von Mai 1989 bis Mai 1990“. Der dröge Titel sagt einiges über meine Motivation aus.

Ich ging damals in die neunte Klasse eines Mainzer Gymnasiums, und Mainz war doch ein gutes Stück entfernt von der innerdeutschen Grenze. Die neunte Klasse war außerdem der Höhepunkt einer persönlichen Null-Bock-Phase, da konnte um mich herum noch so viel Aufregendes passieren. Dann nervte auch noch unsere Erdkundelehrerin. Sie war Anfang 89 in der DDR gewesen, durch irgendeinen Zufall stand sie Unter den Linden auf einmal vor Erich Honecker. Ihre Version davon: Freundliches Händeschütteln, großes Interesse des Staatsratsvorsitzenden an der westdeutschen Lehrerin, die dann erzählen durfte, dass sie alles ganz toll fand in Ost-Berlin. Seitdem sprach sie vor unserer Klasse nur noch von „meinem Freund Honni“.

Ihre Zuneigung zu Honni hat sie immerhin nicht davon abgehalten, das nahende Ende der DDR vorherzusehen. „Es passiert gerade etwas historisch Einmaliges“, sagte sie uns. Uns 14- und 15-Jährigen erteilte sie daher den Auftrag, eine Dokumentation zu erstellen, Zeitungsartikel zu sammeln, Daten und Ereignisse aufzuschreiben. Das könnten wir unseren Kindern und Enkeln noch zeigen.
Wenn ich mir heute anschaue, was ich daraus gemacht habe, muss ich sagen: Ist ziemlich lieblos geworden. Im Nachrichtenstil habe ich die Ereignisse tage- oder wochenweise zusammengefasst. „6. Oktober - 11. Oktober 1989. Der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow trifft zur Teilnahme an der Feier zum 40. Jahrestag ein. In seiner Rede auf dem Festakt...“ und so weiter. Kann man heute alles viel besser in irgendeinem Buch nachlesen. Dass ich die Chronik trotzdem aufgehoben habe, liegt wohl vor allem an den vielen Artikeln aus der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“ und dem „Spiegel“, die ich ausgeschnitten oder ausgerissen hatte.
Ich ärgere mich schon ein bisschen, dass ich nicht mehr daraus gemacht habe. Als ich mal eine Zeit lang mit einer Frau aus dem Osten liiert war, erzählte sie mir von ihrem Tagebuch. Mit lauter persönlichen Eindrücken und Fragen, etwa, warum jetzt alle weggehen aus ihrem Land. Ich hatte da nur meine Chronik.
Jetzt könnte ich noch einen Absatz dazufügen, über mein persönliches Wendeerlebnis. Das war ein Urlaub mit Verwandten nach Weihnachten 1989 im Harz, in Braunlage. Sollte eigentlich ein Langlaufurlaub werden, aber es gab zum Glück keinen Schnee. Deshalb sind wir an jedem Tag über die Grenze gefahren und haben allen Bekannten, die uns einfielen, einen Überraschungsbesuch abgestattet. Mein Wendeerlebnis sind also neben dem Ausfüllen der Zählkarten an der Grenze vor allem weit aufgerissene Augen beim Öffnen der Haustür.


Umfrage

East Side Gallery: Die bekanntesten Reste der Berliner Mauer wurden versetzt. Was halten Sie davon?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben