Coming out : Eine geschichtsträchtige Premiere

Als Jounalist war Christian Deutschmann am 9. November nach Ost-Berlin gefahren, um die Premiere des ersten DDR-Schwulenfilms "Coming Out" des Regisseurs Heiner Carow im Kino International zu erleben. Der Film an sich war schon ein Ereignis; als Deutschmann anschließend nach Hause fahren wollte, stellte er fest, dass sich an diesem Abend auch Geschichte ereignet hatte.

Christian Deutschmann

Am 9. November 1989 besuchte ich, ein Westler, das Kino "International" in der Karl-Marx-Allee, wo an diesem Abend Heiner Carows Film "Coming Out" uraufgeführt wurde. Der erste DDR-Film, dessen Protagonist ein Schwuler ist und der sich mit schwulem Leben in der DDR beschäftigt. Die Nachricht kursierte schon lange vor der Premiere, nicht nur in "einschlägigen" Kreisen. Das, und auch die Tatsache, dass ich einige Mitwirkende kannte, brachte mich auf die Idee, ein Gespräch mit dem Regisseur über den Film zu führen. 



"zitty", für die ich damals schrieb, besorgte mir dafür eine Akkreditation, ich glaube des DDR-Innenministeriums, die brauchte man damals noch. Doch schon vorher hatte ich mich ein paar Mal mit Heiner Carow getroffen. Bereits bei den Gesprächen hatte ich den Eindruck, daß Carow auf keinen Fall allzu deutlich werden wollte: keine Anklage gegen das System, dem er sich bei aller Kritik noch verbunden fühlte. Dafür viel Bauchschmerzen beim Formulieren, Ihm, dem wachen Beobachter, musste viel über die schlimme DDR zu Ohren gekommen sein, was ihm nicht gefiel. So gab es auch bei der Autorisierung viel Hin und Her, Bedenken mussten ausgeräumt werden, Worte ausgetauscht, Formulierungen gemildert werden. Endlich das Okay. Das Interview, laut zitty "exklusiv das erste Gespräch für ein westliches Blatt mit dem Regisseur Heiner Carow über seinen (zur Berlinale '90 eingeladenen) Film", wurde noch vor dem 9. November in der entsprechenden Programmwoche veröffentlicht.



Zusammen mit Til R. dem damaligen Medienredakteur von "zitty" marschierte ich denn am Abend zur Premiere - wir hatten nur Karten für die zweite Vorstellung bekommen, die um 21 Uhr begann - ins "International". Bei der Einreise am Bahnhof Friedrichstraße lockere, fast heitere Stimmung unter dem Grenzpersonal, aber das überraschte uns nicht, es war ja schon viel vorgefallen inzwischen. Im und vor dem Kino großer Bahnhof, große Aufregung. Alles drehte sich - natürlich - um den Film. Keine Maus, die was über irgendwelche Vorgänge draußen wissen wollte. Am Ende der Vorstellung rauschender Beifall, tränenreiche Verbeugungen vor dem bunt glitzernden Vorhang, und dann ab ins Dunkle, dem Grenzübergang entgegen.



Vor dem Haus des Reisens am Alexanderplatz ein Häuflein Frierender, die in feuchtkalter Nacht den nächsten Morgen abwarteten: dann, so hörten wir, sollten Visa für den Westen ausgegeben werden. Na, dachten wir, die Leute haben Durchhaltevermögen. Die S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße merkwürdig voll. Wer, außer uns Eingereister, hatte  zu der Zeit schon dieses Ziel? Noch größer unser Erstaunen, als die Menge den gleichen Weg nahm wie wir, hin zum Grenzübergang (nein, es war merkwürdiger- und ausnahmsweise nicht der Tränenpalast, sondern irgendein anderes Schlupfloch, an das ich mich nicht mehr genau erinnere. Vielleicht läßt sich das mal nachprüfen: über welche Bahnhofstür ging es an diesem Abend raus in den Westen?) Und dann etwas, was wir überhaupt nicht fassen konnten: Alle hielten sie einen blauen Lappen, den DDR-Ausweis oder war es der Reisepass, jedenfalls blau, in die Höhe und schwebten durch.



"Schweben" ist richtig, denn es war, als befänden wir uns in einem Nirwana, das mit dem Verstand nicht mehr zu erfassen war. Wir zwei ordnungsgemäß Ausreisende, inmitten einer wogenden Menge, die das Undenkbare tat, einem Sog folgte, den sie selber nicht erklären konnte. Til R., der damals noch Reste des Linksseins bewahrt hatte und - ja, irgendwie - noch ein bisschen an die DDR glaubte, ihm hatte es die Sprache verschlagen, und er stieg gleich am Lehrter Bahnhof wieder aus, verstört. Ich hatte nur das dringende Gefühl, die Leute ausfragen zu müssen, was sie denn hier machten. Überall hörte ich nur: Ku'Damm, die Tante in Spandau, den Onkel in Neukölln. Und am nächsten Morgen wollten sie alle wieder hier sein, zur Arbeit. Und dann jenes plötzliche Empfinden, das lange anhalten sollte. Bis sie die Grenze passierte, hatte die Menge in vollständigem, ungläubigem Schweigen verharrt. Doch dann der Jubel, das Um-den-Hals-Fallen, das Rennen, Eilen, Stürzen hin zum Bahnsteig, in den Westen. Ich dachte mir: wie in Beethovens "Fidelio", das erste Auftauchen der Gefangenen, der Gefangenen-Chor, "Sprecht leise, haltet euch zurück. Wir sind belauscht mit Ohr und Blick", und erst dann der Jubel. Ein vielleicht kitschiges Bild. Aber es hat sich mir eingeprägt und ist geblieben.

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