Der Musikwunsch : Anruf beim Feindsender

Die "Rias 2 Wunschhits" waren eine beliebte Sendung bei Jugendlichen diesseits und jenseits der Mauer. Auch Matthias Wühle aus Pankow hatte einmal mit klopfendem Herzen die Nummer gewählt und sich von Depeche Mode das Lied "Everythin counts" gewünscht.

Matthias Wühle

„Hallo, ich bin der Matthias aus Pankow und ich wünsche mir von Depeche Mode das Lied Everything counts.“ Das war meine Botschaft an die Welt des Westens. Länger nicht. Ich musste mich an die impliziten Regeln halten, wenn ich in Ost und West gehört werden wollte. Die automatische Ansage bedankte sich bei mir und wurde dann brutal von einem nervenden Besetztzeichen abgelöst. Die Mission „Rias 2 Wunschhits“ war gestartet. Es war eine schwere Mission, denn ich hatte eine Stunde lang die Nummer wählen müssen, bevor ich endlich durchkam und mein Glück kaum fassen konnte. Deshalb auch „Everything counts“, weil es mir in der Aufregung zuerst eingefallen war, und nicht „Never let me down“, das mir eigentlich viel besser gefallen hätte, vor allem, weil es seltener gespielt wurde. Dann ärgerte es mich noch mehr, daß ich „Lied“ gesagt hatte, und nicht „Song“ oder „Hit“. Das würde Wasser auf die Mühlen derer sein, die Ost-Berliner für Zonenidioten halten. Und schließlich waren mir im Nachhinein noch viel seltener gespielte Sachen, wie z.B. „Machines“ von Propaganda oder „Hey Matthew“ von Karel Fialka eingefallen, so dass meine Mission, Botschafter aus Pankow an die westliche Welt zu sein, eigentlich nicht mehr so gefiel, als zu dem Zeitpunkt, als ich eine komplette Stunde lang mit schlagendem Herzen die Nummer gewählt hatte.

Rias 2 war schließlich nicht irgendein Radiosender, sondern ein Feindsender. Die Wunschhits-Hotline zu wählen, bedeutete verbotenen Kontakt aufnehmen und war nicht weniger spannend, als ein Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke. Es war sozusagen der ganz persönliche Agentenaustausch eines 18-jährigen Eisenbahner-Lehrlings aus Pankow. Eine verschlüsselte Botschaft. Täglich um Mitternacht wurde das Programm des Rias durch Glockengeläut unterbrochen. Dann sagte ein Sprecher feierlich: „Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen“. Das Programm wurde dann fortgesetzt mit einer noch feierlicheren Stimme: „Sie hören Rias Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt." Das war die tägliche Kriegserklärung an die DDR, an den Osten, dem Teil, in dem ich zu Hause war.

Kriegserklärungen waren im Rias eigentlich alles: „Die Temperatur in Dahlem beträgt 26 Grad“, ließ der Wetterbericht verlauten. „Hits aus Britz von Möbel Tegeler“ versprach der Werbespot. Allein schon die Unfall- und Staumeldungen: Linke Fahrbahn gesperrt, Zwei Kilometer Stop and Go auf der Prinzenallee, dem Hohenzollerndamm oder der Kantstraße; Namen, die genauso exotisch klangen, wie „Tahiti“ oder „Singapur“, wenn man im Osten eher mit so sperrigen Straßenbezeichnungen, wie Karl-Liebknecht-Straße oder Bruno-Leuschner-Straße umgehen musste.

In der „Trommel“, der Zeitschrift für Thälmannpioniere, gab es eine Leserrubrik, in der man Fragen stellen konnte. Dort hat mal die unverfängliche wirkende Leserfrage gestanden, wo denn eigentlich die geographische Mitte Berlins liege. Die Antwort lautete dann ebenso simpel, wie verblüffend: „In Friedrichsfelde“. Und, damit sich die Antwort nicht schon mit dieser Wortgruppe erschöpfte, hatte der Redakteur sie noch mit der Bemerkung ergänzt, daß in Friedrichsfelde ja auch der Heldenfriedhof läge, auf dem die Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg begraben seien. Wie herrlich sich doch Ideologie und politische Geographie ineinander fügten. Aufgeregt, ja: wütend lief ich mit dem Artikel zu meinem Vater, denn Friedrichsfelde als Berliner Mitte zu deklarieren, nur um das sonderbare Gebilde „Berlin - Klammer auf: West - Klammer zu“ zu ignorieren, stellte in meinen Augen eine dreiste Lüge dar, die so offensichtlich hanebüchen war, daß sie schon nach 10 Minuten Rias-Hören schmerzen musste.

Zwar musste auch mein Vater darüber bitter lachen, doch wenn er mitbekam, wie ich auch noch in letzter Konsequenz allabendlich auf SFB die „Berliner Abendschau“ verfolgte, dann fragte er mich schon, wozu ich mir das überhaupt angucke. Ja, was interessierten mich eigentlich Walter Momper, der regierende Bürgermeister mit dem roten Schal, und seine schneidige Senatorin Ingrid Stahmer, was ging mich das Teppichhaus Berlin in der Lise-Meitner-Straße an oder die Sommer-Sonder-Angebote von Pelz Lösche am Kurfürstendamm 220? Von Pankow aus gesehen waren diese Meldungen so weit weg wie die Präsidentschaftswahlen in Argentinien.

Genau kann ich es heute auch nicht mehr sagen, aber vielleicht war es ja eine Art Flucht, so wie die Jugendlichen von heute sich in digitale Spielwelten und ins Internet flüchten, wo die Welt vielleicht abenteuerlicher, vielleicht spannender, vor allem aber: anders war.

Wenn die Fernsehsender damals nicht mehr wussten, was sie senden sollten, dann nannten sie es „Sendeschluss“. Auch der wurde erneut für einen medialen Angriff gegen den Osten genutzt, was den Sendeschluß zu einem der spannendsten Angelegenheiten des Westfernsehens machte. Dann spielten ARD, ZDF und Privatsender die Nationalhymne Westdeutschlands ab und ließen Bilder von Helgoland und vom Rhein über den Bildschirm laufen. Mein Freund Sixtus konnte „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sogar auf dem Klavier nachspielen und ich hatte den Ehrgeiz, mir diese Tonfolgen genau einzuprägen und nachzuspielen, eben weil ihr die Aura des Verbotenen innewohnte.

Die geographische Nähe zum ewig lockenden Feind, so sehr sie auch verleugnet wurde, war täglich spürbar. Schon wenn man mit der S-Bahn von Baumschulenweg nach Plänterwald fuhr, blickte man in die erleuchteten Fenster derjenigen, die noch am selben Vormittag im Stau des Hohenzollerndamms gesteckt haben, ein Vergnügen, das uns Zonis seit Geburt verwehrt war. Glückliches Neukölln.

Seit Geburt – das war der springende Punkt: Während mein Vater immer davon erzählte, wie er immer vor 1961 nach Westberlin gefahren war, wurde ich zehn Jahre nach dem Mauerbau in die DDR hineingeboren und war somit a priori sowohl der reellen, als auch der historischen Wahlmöglichkeit beraubt. Die Erzählungen der Alten machten alles noch viel schlimmer. Und nur daraus entstanden letztendlich die Phantasien, wie es wäre, wenn es doch möglich sein würde: Einmal selbst auf dem Hohenzollerndamm im Stau zu stehen, oder zu Möbel Tegeler nach Britz zu fahren, oder einfach nur mal zu gucken, wie sich 26 Grad in Dahlem anfühlen. Das ganze Gerede in der Schule von „Klassenstandpunkt“, „Imperialismus“ und „Bewußtsein der Arbeiterklasse“ ging daher dermaßen weit an mir vorbei, wie die S-Bahn Richtung Plänterwald einen Bogen um Neukölln machte. Dabei hatte ich eigentlich überhaupt nichts gegen einen Klassenstandpunkt. Er spielte in meinem Leben nur absolut keine Rolle.

Der Oktoberklub, eine politische Musik-Kombo, die auf keinem DDR-Festival fehlen durfte, hatte damals einen sehr bekannten Hit: „Sag mir, wo Du stehst!“. Obwohl ich das Lied eigentlich mochte, ärgerte mich der Text; ich mußte immer darauf entgegnen: „Wozu? Ihr sagt mir doch, wo ich zu stehen habe. Jedenfalls nicht im Stau auf dem Hohenzollerndamm in Wilmersdorf“.

Das waren meine Probleme bis zum Sommer 1989. Im September wurde ich schließlich zur Armee eingezogen, ins berüchtigte Eggesin, nahe der polnischen Grenze. Dort konnte man keinen Rias mehr hören und auch keine Abendschau auf SFB sehen. Man konnte auch nicht mehr mit der S-Bahn von Baumschulenweg nach Plänterwald fahren. Vielleicht tat es mir ja ganz gut, eine Zeit lang nichts mehr über Walter Momper und Ingrid Stahmer zu hören, keine Verkehrsmeldungen auf dem Hohenzollerndamm, Temperaturen in Dahlem oder radikale Preissenkungen von Pelz Lösche auf dem Kurfürstendamm 220 zu vernehmen. Nichts von alledem. Vielleicht war es ja auch Absicht, ausgerechnet mich nach Eggesin abzukommandieren, damit ich wieder wüsste, wo ich wirklich stehe. Wer weiß, die Wege in der DDR waren ja unergründlich. Vielleicht würde mir dieser Abstand ja sogar gut tun, dachte ich.

Als der Sonderzug nach Eggesin den letzten größeren Ort Pasewalk verlassen hatte und die Wälder dichter und Siedlungen spärlicher wurden, dachte ich wieder an meinen Anruf beim Rias, zu dem ich mich wie zu einer Mutprobe hatte selbst motivieren müssen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie solche Bänder aufhoben, bis sie endlich die Wünsche spielten oder auch löschten. Mit jedem Tag schwanden meine Hoffnungen, daß sie endlich meinen Anruf spielten. Plötzlich kam mir in den Sinn, dass sie ihn irgendwann jetzt im September oder Oktober doch spielen könnten. Ich würde ihn selbst in der Kaserne zwar nicht hören können, aber der Rias-Sprecher würde „Everything counts“ von Depeche Mode anmoderieren und irgendein Neuköllner Autofahrer, der gerade auf dem Hohenzollerndamm im Stau steckte, würde aus seinem Autoradio meine Stimme hören: „Hallo, ich bin der Matthias aus Pankow und ich wünsche mir von Depeche Mode das Lied Everything counts“.

Diese Vorstellung machte mich unbeschreiblich glücklich.

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