Der zweite Versuch : Reise in die Freiheit

Im Herbst 1989 wollten Tagesspiegel-Leserin Carola Rosenberg und ihre Familie die DDR verlassen. Sie versuchten zunächst, über Polen auszureisen. Dort wurden sie aber wieder zurückgeschickt. Anschließend machten sie sich - wie so viele andere auch - auf den Weg nach Prag.

Carola Rosenberg
279587_0_394d3ab2.jpg
Flucht über den Zaun. DDR-Bürger an der bundesdeutschen Botschaft in Prag.Foto: Pascal George/AFP

Wir sind im Herbst 1989 über die Prager Bootschaft in die Bundesrepublik geflüchtet.Mein Mann, zwei  Kinder und ich.Wir hatten es auch über Polen versucht, doch an der Polnischen Grenze wurden wir aus dem Zug geholt und  wieder nach Hause geschickt. Zu Hause angekommen hörten wir im Radio, dass in der Prager Bootschaft wieder einige Hundert Flüchtlinge eingetroffen waren. Da haben wir gedacht: jetzt oder gar nicht. Und wir packten neue Sachen ein und kauften eine Fahrkarte nach Ostrawa in der ehemaligen CSSR. Dort hatten wir schon mal Urlaub gemacht. Daher wussten wir auch, dass es von Prag aus noch einige hundert Kilometer entfernt war.  Aber wir haben uns gedacht, dass uns das Geld  egal ist. Wir wollten die Fahrkarte so lösen und dann im Zug sagen,  sollten wir angesprochen werden, dass wir dort einen Ferienbungalow gemietet haben.

Dann ging es los - das Zittern und die Angst. In Berlin hatten  wir  Glück und bekamen einen Schlafwagen. Mein jüngster Sohn war noch kein Jahr alt, er lag bei mir mit im Bett. Komplett zugedeckt, so dass die Grenzpolizei ihn nicht sehen konnte. Wie abgmacht sagten wir, dass wir in Osatrawa Urlaub machen wollten. So sind wir über die Grenze in die ehemalige CSSR gekommen. Dort wurden alle Familien aus dem Zug geholt und es hieß, dass es eine Visumspflicht gebe. Als wir dann in Prag angekommen waren, setzten wir uns in die U-Bahn und fuhren einfach drauf los. Nach drei bis vier Stationen stiegen wir aus und suchten uns ein Taxi. Der Fahrer sagte noch, dass wir für das Baby Essen kaufen sollten, da schon sehr viele Leute in der Botschaft waren und es nicht genug Essen gab. Er fuhr uns zum Einkaufen und danach in die Botschaft.
 
Wir glaubten nicht, was wir dort sahen. Tausende Menschen waren vor der Botschaft und schon einige Hundert im Gebäude. Jemand schrie aus dem Fenster, dass wir zum hinteren Zaun laufen sollten. Dort würden einige Leute auf uns warten und uns helfen, über den Zaun zu steigen. Die Leute vor der Botschaft liefen los. Wir traten den ersten Zaun runter und kletterten alle über den großen Zaun. Es war ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde: ein Zusammenhalt von fremden Menschen. Mein Mann hob die Kinder über den Zaun. Die DDR-Flüchtlinge in der Botschaft nahmen die Kinder in Empfang. Dann kletterte ich darüber. Mein Mann wollte noch die Kinderkarre darüber heben, doch die Flüchtlinge riefen, er solle die Karre stehen lassen und kommen.

Dann ist auch mein Mann über den Zaun gestiegen. Wir lagen uns alle in den Armen und waren froh, dass wir es erst einmal bis in die Bootschaft geschafft hatten. Aber das Zittern begann erneut. Wir wussten jetzt nicht, wie es weiter gehen sollte und wie lange wir in der Botschaft bleiben müssten. Aber  am 30. September kam Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Botschaft und teilte uns mit, dass wir in die BRD ausreisen dürfen. Ein Jubel,  ein Schreien - und alle lagen sich in den Armen und weinten. Es war unglaublich.

Doch dann hieß es, wir würden über die DDR fahren weiter nach Hof. Wieder gab es Zittern und Bangen, da wir nicht wussten, was passieren würde, wenn wir die Grenze der DDR ereichen. Was in Dresden passierte, davon haben wir im Zug nichts bemerkt. Wir haben dieses dann erst aus den Medien erfahren. In der Zwischenzeit stiegen die Grenzsoldaten in den Zug, und wir mussten unsere Ausweise abgeben. Dann ging es weiter, und wir erreichten die Grenze zur BRD.  Als wir auf Bundesgebiet waren, hatten wir es geschaft. Wir vier, mein Mann, meine zwei kleinen Kinder und ich, wir waren überglücklich. Wir hatten alles hinter uns gelassen, alles aufgegeben, um frei zu sein. Unsere Familien, Geschwister und Eltern, hatten wir in der DDR gelassen. Von den Hofern und Hoferinnen wurden wir so freudig empfangen, dass wir sagten, hier bleiben zu wollen.

Wir wohnen immer noch in Hof. Und haben es auch niemals bereut, in den Westen gegangen zu sein. Ich weiß, ähnliche Schicksale haben viele Flüchtlinge auf sich genommen, um frei zu sein. Aber wenn man es selber mitgemacht hat, ist es doch anders, als wenn andere davon sprechen. Als dann die Mauer am 9. November geöffnet wurde,  wollten wir dieses erst nicht glauben. Drei Tage später klingelte es an der Haustür Sturm. Meine Eltern kamen zu Besuch. Als wir uns vor unserer Flucht von meinen Eltern verabschiedet hatten, dachten wir, dass wir sie lange lange Zeit nicht wieder sehen würden. Es dauerte aber nur etwas mehr als einen Monat, dann war es soweit: Die Grenzen waren offen.

Umfrage

East Side Gallery: Die bekanntesten Reste der Berliner Mauer wurden versetzt. Was halten Sie davon?

0 Kommentare

Neuester Kommentar