Die Wende in Dresden : Blutige Lippen für die Freiheit

Gegen Ideologen und Opportunisten: Wie unser Autor Heiko Schwarzburger als Student die Wende an der TU Dresden erlebte.

Heiko Schwarzburger
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Leben ohne Kalaschnikows. DDR-Jugendliche (hier ein Foto aus Leipzig) rebellierten gegen das autoritäre Regime.Foto: Imago

Ich kam 1988 als Student an die Technische Universität in Dresden, nach drei Jahren Dienst in der Nationalen Volksarmee. Seit dem Abitur hatte ich gelernt, wie man mit der Kalaschnikow schnell und mit dem Messer lautlos tötet. Als sich die Kasernentore endlich hinter mir schlossen, freute ich mich auf die Studentenpartys, auf die Vorlesungen und die Bibliotheken. Endlich wirklich leben: Mit diesem Gefühl kamen viele meiner Kommilitonen an die Hochschule – und wurden ebenso enttäuscht. Statt der Freiheit erhielten wir neue Uniformen: als angehende Reserveoffiziere. Der Studienalltag war strikt reglementiert: mit Stundenplänen wie in der Schule und Anwesenheitslisten, mit ideologischer Impfung gegen das liberale Gespenst namens Gorbatschow.

Am schlimmsten war die Feigheit fast aller Professoren, sich kritisch über die Missstände an der Universität und im Lande zu äußern. Das Gegenteil war der Fall. Abweichende Meinungen wurden mit Relegation bedroht. Diesen Druck bauten in erster Linie die Lehrkräfte der technischen Fächer auf. Die kleine Schar der marxistisch-leninistischen Philosophen spielte dabei keine Rolle. An der TU Dresden war sie zu einer wirkungslosen Servicetruppe geschrumpft. Formal gehörten wir zu den technischen Sektionen. Die Dozenten hatten die Macht, missliebige Kommilitonen zu maßregeln. Das war niederschmetternd: Wir suchten offene, kritische Lehrer und fanden willfährige Diener des Staates. Wirkliches Vertrauen war nur gegenüber einigen Assistenten möglich.

Als die Stagnation ab dem Frühsommer 1989 besonders schwer auf die DDR drückte (Honeckers Lob der chinesischen Lösung auf dem Tiananmen), entdeckten wir Johann Gottlieb Fichte und Ernst Bloch neu. Fichtes Warnung: „Wie es ist, kann es nicht befriedigen“ sprach uns aus der Seele. Oder Ernst Bloch, der Philosoph des „aufrechten Ganges“, der nach dem Krieg in meiner Heimatstadt Leipzig gelehrt hatte und nach dem Mauerbau in Tübingen untergekommen war. Sein Credo: Heimat als Aufbruch in ein Dasein ohne ideologische oder soziale Zwänge. Seine Maxime vom „aufrechten Gang“ wurde zum geflügelten Wort und zum Symbol der Wende in Ostdeutschland schlechthin. Man mag es ein utopisches Konzept nennen. Aber ohne diese Utopien hätten die politischen Veränderungen im Osten Deutschlands niemals ihre historische Dynamik entwickelt.

Möglicherweise war es naiv, doch für solche Ideen prügelten wir uns auf der Prager Straße in Dresden mit der Polizei. Dafür riskierten wir blutige Lippen, blaue Striemen, die Zuführung in den Stasi-Knast und den Rauswurf aus der Universität. Anfang Oktober 1989 stand Dresden fünf Tage lang am Rande des Bürgerkriegs, bis endlich die Vernunft siegte: in der Elbmetropole und einen Tag später bei der größten Leipziger Montagsdemonstration. Und die Universität? Noch Ende des Monats konnte mich die Teilnahme an den Leipziger Demos den Studienplatz kosten. Erst Anfang November hatte sich die politische Wende auch unter den Professoren herumgesprochen. Die allermeisten verstummten in sprachloser Verunsicherung, als sich der SED-Staat mit dem Fall der Berliner Mauer über Nacht in Luft auflöste. Plötzlich waren sie Diener ohne Herren. Nur eine Handvoll brachte den Mut auf, ihren Opportunismus im Nachhinein kritisch zu überdenken – zur Ehrenrettung eines ganzen Berufsstandes.

Bis zum Sommer 1990 besuchte ich kaum Seminare oder Vorlesungen, von Praktika ganz zu schweigen. Aus den Unruhen der Wendetage hatte sich eine unabhängige Selbstverwaltung formiert, mit einigen Kommilitonen gründeten wir einen Studentenrat. Wir warfen den staatstreuen Jugendverband aus dem Akademischen Senat der TU und machten Hochschulpolitik. Irgendwie kam ich durch die Prüfungen.

Wenig später entließ der junge Freistaat Sachsen alle Dozenten aus den sogenannten ideologiebelasteten Fächern, etwa Philosophie oder sozialistische Betriebswirtschaft. An der TU Dresden blieben die größten Dogmatiker ungeschoren, lehrten sie doch in den „unverdächtigen“ Ingenieurwissenschaften. Die Studentenvertreter stritten damals heftig mit dem sächsischen Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer, denn wir wollten auch die Techniker einer solchen Zäsur unterziehen. Während wir noch in alten Rechnungen kramten, dachte Meyer an die Zukunft. Sachsens Hochschulen sollten in Reih und Glied mit den besten Universitäten des Westens stehen, regiert und finanziert mit Geld aus der BRD. Rückblickend meine ich: Zum Glück hat er sich durchgesetzt. Andernfalls hätte man die Universität schließen müssen. Wiedereröffnung ungewiss. Die technischen Fakultäten wurden später immerhin nach inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit durchforstet. Mehr war nicht drin. Langsam wächst Gras über die Sache.

Unlängst beschrieb der Erziehungswissenschaftler Erich Thies im Tagesspiegel, wie er als Westdeutscher die alte Humboldt-Universität abwickelte: Die DDR-Professoren seien von einem „grundsätzlichen Gefühl der Unterlegenheit“ beherrscht gewesen, die Westvertreter nicht selten von „Selbstherrlichkeit“.

Deshalb von feindlicher Übernahme zu sprechen, wäre natürlich polemisch. Ebenso gut könnte ich behaupten, dass die westdeutschen Wissenschaftsverwalter als weiße Ritter erschienen. Nur mit ihrer Hilfe war Rettung der ostdeutschen Universitäten überhaupt möglich. Denn aus eigener Kraft wären die Hochschulen niemals imstande gewesen, sich zu erneuern. Trotzdem tut es gut, dass Thies die damaligen Konflikte so ehrlich benennt. Wo Licht war, fiel auch Schatten. Zumal es nicht selten zweitklassige Akademiker aus dem Westen waren, die die verwaisten Lehrstühle im Osten übernahmen. Schwamm drüber, auch das wächst sich aus.

Der Autor war von Herbst 1989 bis Sommer 1991 Sprecher der Studenten im Akademischen Senat der TU Dresden. Er arbeitet als Publizist.

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