Ein Bett in der Studentenbude : Deutsch-deutsche Begegnung in Paris

1989 war nicht nur das Jahr des Mauerfalls. Die Franzosen feierten das 200. Jubliäum der französischen Revolution. Tagesspiegel-Leser Jakob von Wagner studierte damals in Paris. Im Dezember kam er mit einem jungen DDR-Bürger ins Gespräch. Dieser war auf der Suche nach einem Bett für die Nacht.

Jakob von Wagner

Im September 1988 habe ich – ich war damals 25 Jahre alt - auf eigene Faust die DDR erkundet. Die Neugier hat mich damals angetrieben. Da ich aber keine Verwandte und auch sonst keine Anknüpfungspunkte hatte, bin ich den amtlichen Weg über das Reisebüro der DDR gegangen. In zwei Wochen habe ich die Städte Gotha, Dresden, Leipzig und Wittenberg besucht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese Reise damals unternommen habe und vieles erlebt habe, an das ich mich noch heute mit Vergnügen erinnere. Auf der letzten Station habe ich einen Mann kennen gelernt, der am nächsten Tag seine neue Stelle als Dramaturg am Theater in Wittenberg antreten wollte. Er erzählte mir damals, dass er sehr gerne zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution nach Paris reisen wollte. Er tat mir leid, da ich fürchtete, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde.

Was in dem folgenden Jahr geschah, konnte ich damals natürlich nicht erahnen. Jedenfalls bin ich im Sommer 1989 als Student nach Paris gegangen. Wie ich dort den 9. November erlebt habe, kann jeder im Vorwort des Buches "Mein Deutschland" (1993) von Professor Alfred Grosser nachlesen: An jener Vorlesung habe ich damals nämlich teilgenommen. Übrigens: Viele – auch und vor allem französische - Studierende sind damals noch in der Nacht aufgebrochen und nach Berlin gefahren.

Eines Sonntagabends im Dezember 1989 wartete ich in der U-Bahn-Station „Les Halles“ auf den nächsten Zug, als ich einen jungen Mann wahrnahm, der in einem deutschsprachigen Reiseführer für Paris las. Ich hatte ihn bereits aus den Augen verloren, als er auf einmal auf mich zukam. „Do you speak English?“, fragte er. Ich antwortete, „Yes, aber ich spreche auch Deutsch.“ Er hieß Falk M. und wollte, aus der DDR kommend, zu einem Kurzfilmfestival nach Clermont-Ferrand reisen. Sein Zug sollte aber erst früh am nächsten Morgen vom Bahnhof Montparnasse abfahren, der in unmittelbarer Nähe meiner kleinen Studentenbude lag. Er kannte sich in Paris nicht aus und freute sich, jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Wir sind in ein nahe gelegenes Café gegangen und haben uns nett miteinander unterhalten.

Schließlich erkundigte er sich bei mir, wo er die Nacht verbringen könnte. Ich hatte geahnt, dass die Frage kommen würde, und hatte mir in der Zwischenzeit meine Gedanken gemacht. Ich konnte ihm kaum geeignete Herbergen nennen, da ich mich ja selbst nicht so gut auskannte. Deshalb habe ich abgewogen, ob ich mich darauf einlassen kann, ihn zu mir in meine Bude mitzunehmen. Geholfen hat mir dabei, dass ich wusste, dass er früh weiterfahren würde und ich um acht Uhr morgens in eine Vorlesung eilen musste. Damit war für mich klar, dass er meine Wohnung zeitig mit mir verlassen musste. Also habe ich es ihm angeboten. Der Rest des Abends verlief unspektakulär. Wir haben noch einige Zeit miteinander gesprochen und sind dann zu meiner Wohnung aufgebrochen. Auch dort haben wir uns weiter unterhalten, ehe wir irgendwann spät eingeschlafen sind. Mein Gast musste auf ein paar zusammen geschobenen Kissen liegen, was aber nicht allzu beschwerlich gewesen sein dürfte.

Früh am nächsten Morgen holte uns der Wecker aus dem Schlaf. Ein kleines Frühstück mit Kaffee haben wir noch zu uns genommen, ehe wir unserer getrennten Wege gingen. Ich habe ihn nie wiedergesehen oder von ihm gehört. Aber die Begegnung mit Falk M. erinnert mich seither immer wieder an das Gespräch mit dem designierten Dramaturgen von Wittenberg. Ich hoffe, dass er es am Ende des Jahres 1989 so wie Falk M. gemacht und das Frankreich des Revolutionsjubiläums besucht hat.

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