Ein Kanadier im Osten : „Was sucht der da drüben?

Wie Daniel Marleau aus Montréal den Herbst 1989 als Gaststudent in Ost-Berlin erlebte.

Daniel Marleau
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Von Ost-Kanada nach Ost-Berlin. Vor 20 Jahren studierte Daniel Marleau an der Humboldt-Universität, kürzlich war er zum ersten Mal...Foto: Privat

Ich war damals, 1989, wie auch heute noch ein sehr neugieriger Mensch und hatte mich entschieden, im Frühling 1989 nach drei Jahren Studium der Germanistik an der Université de Montréal, nach Ost-Berlin zu gehen, um dort mein Magisterstudium fortzusetzen.

Selbstverständlich hätte ich es an irgendeiner westdeutschen Universität machen können aber ich fand den Gedanken einzigartig, dass sich alle fragen würden: Was sucht der da drüben? Meine Professoren in Montréal wiesen mich drauf, dass es nicht so einfach wäre, ein Visum zu bekommen, auch als Kanadier, und dass ich das Leben im Osten nicht so toll finden würde. Nur drei Wochen später erhielt ich meine Aufenthaltsgenehmigung und machte mich Ende August auf den Weg nach Berlin, Hauptstadt der DDR.

Ein lächelnder Zöllner? So schlimm konnte es nicht sein

Dass Berlin Ost so hieß und nicht Ost-Berlin, erfuhr ich im Zug nach Berlin, als der Zöllner mich mitten in der Nacht fragte, was ich dort vorhatte. Als ich ihm antwortete, ich sei an der Humboldt-Universität zugelassen, bekam ich ein breites Lächeln und ein triumphierendes "Na dann: Herzlich willkommen bei uns". Na, so schlimm konnte es nicht sein, denn auch in Kanada lächelten die Zollbeamten nicht so oft!

Erster Eindruck, erster Tag, der mein Leben von dem Moment verändern würde. Der Bahnhof Friedrichstraße: Laut, traurig, und ich stehe da mit meinem Koffer, allein, gespannt und auf einmal angstlos. Nach einer nicht so langen Kontrolle und Durchsuchung meines Gepäcks, in dem ich eine Kassette von Nina Hagen stecken hatte, wurde ich hineingelassen und man erlaubte mir, mich an der Uni zu immatrikulieren.

Schlange stehen für Dirty Dancing

Später, nach der Immatrikulation, stand ich zum ersten Mal Schlange, um von der Universität mit dem Taxi ins Studentenwohnheim zu kommen. Als ich an die Reihe kam und gefragt wurde, wohin ich wollte, lernte ich, wie es war, nicht alles zu bekommen, wenn man es wollte. „Da fährt keiner hin“, „zu weit", waren die Antworten. Nach unendlichem Warten teilte ich ein Trabant-Taxi mit einer anderen Studentin. Wir fuhren an einem Kino vorbei und ich fragte, wieso die Leute dort Schlangen stehen würden, mitten am Tag. Meine neue Freundin sagte mir ganz aufgeregt, dass gerade " Dirty Dancing" Premiere hatte. Na dann!

Das Einleben war nicht so schlimm, ich gewöhnte mich daran, mit Kommilitonen über meine Erfahrungen im Osten zu sprechen, über mein Land, denn alle waren sehr lieb und nett und wollten wissen, wie das Leben in Montréal war.

Wollen Sie hier westliche Propaganda verbreiten?

Einige Zeit später, am Tag meines Geburtstags, fand ich auf meinem Kurzwellenradio heraus, dass ich Radio Canada empfangen konnte - und zwar auf Deutsch! Ich lud meine Nachbarinnen zu mir zum Kaffee und Kuchen - und natürlich um Radio Canada zu hören. Kurze Zeit danach wollte meine Leiterin wissen, ob ich vorhatte, die westliche Propaganda und feindliche Kultur zu verbreiten. Ich hatte nicht gewusst, dass meine so netten Nachbarinnen alles weitererzählten.

An der Universität selbst war es immer sehr spannend. Ich musste an einigen Seminaren teilnehmen, wurde aber nicht zu allen zugelassen, von einigen Veranstaltungen blieb ich als Ausländer ausgeschlossen.

"Willkommen im Westen" - sie begrüßten mich wie einen Ossi

Eines Tages hörte ich, wie es draußen laut wurde. Natürlich wusste ich, dass sich in den vergangenen Wochen etwas entwickelt hatte, dass sich zum Beispiel in Leipzig tausende Demonstranten auf den Weg der Demokratie gemacht hatten. Ich dachte, da mache ich mit, denn mein Professor in Montréal hatte mir in einem Brief geschrieben, ich würde im Zug der Geschichte sein! Allerdings glaube ich heute, zwanzig Jahre später, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht merkte, wie glücklich und wichtig der Moment sein sollte. Am 9. November musste ich nach West-Berlin, um dort eine Fahrkarte nach Düsseldorf zu kaufen. Ich kam an der Friedrichstraße an, am Checkpoint Charlie, denn als Kanadier musste man immer den gleichen Ort benutzen, um West-Berlin zu erreichen. Ich war normalerweise immer fast der einzige dort, zusammen mit ein paar Russen und Polen. Aber auf einmal waren es tausende von Menschen, es war ein Lärm, als ob es nichts Wichtigeres gäbe.

Ich kam zum Zöllner, der nichts sagte und sein normales "Ich-habe-keine-Emotionen-ich-sage-nichts"-Gesicht aufgesetzt hatte. Als ich die Grenzkontrolle passiert hatte und gegenüber dem Café Adler stand, waren da tausende von Journalisten und Wessis, die mir mit Tränen im Gesicht zuriefen: „Herzlich willkommen im Westen!“ Ich sagte, ich sei aber kein Ossi, sondern Kanadier, aber denen war es egal! Es war Freiheit! Ich bekam Blumen, Küsse! Ich dachte: Mensch, hier ist was los!

Ich rief einen Freund an, der in Kreuzberg wohnte, und sagte ihm, er müsse mich jetzt sofort an der U-Bahn Kochstraße treffen! Wir standen da und konnten es nicht fassen! Es war da! Die Freiheit, die Reisefreiheit, das Unglaubliche war Wirklichkeit geworden! Ich lernte einen neuen deutschen Begriff an diesem Tag: Wahnsinn!! Alles war Wahnsinn!

Dieses Jahr in Berlin hat mein Leben verändert und ich werde es nie vergessen, solange ich lebe. Es war mein Jahr 1989, im Zug der Geschichte.

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