Ein wilder Herbst : Mit Joe Cocker auf Tour

Tagesspiegel-Leserin Steffi Pilz nutzte die herbstlichen Umbruchtage in Ungarn zu einem Abstecher in den Westen und war zwischenzeitlich mit Joe Cocker auf Tour. Aber dann wollte sie doch erst einmal wieder zurück nach Ost-Berlin.

Steffi Pilz

Mein Jahr 89 verlief ziemlich wild - jedenfalls der Herbst. Mit meinem letzten Ungarn-Visum bin ich per Anhalter losgezogen. Tschechoslowakei, rein nach Ungarn und dann ging es nicht  - wie ansonsten üblich - weiter in Richtung Budapest, sondern über Mosonmagyaróvór direkt nach Wien. Danke an den netten Ungarn, der mich als seine Freundin "deklarierte" und zum Kaffeetrinken ins Österreichische entführte. Über Regensburg verschlug es mich in die Lüneburger Heide, weiter bis nach Hamburg, dann Wiesbaden, schließlich zurück nach Graz, im Süden Österreichs. Unterwegs besuchte ich Freunde, die mich mit kleinen Spenden für Fahrtkosten und Essen über Wasser hielten.

In Österreich klinkte ich mich für ein paar Tage in die Joe Cocker Tour als Gast-Roadie ein. Dann war mein Visum schon heillos überzogen, die Heimat rief. Und ich hielt immer noch an "Plan A" fest: mal gucken und ein paar Freunde besuchen, dann wieder nach Hause. Nur die ungarischen Grenzer wollten mir einen Strich durch die Rechnung machen: Die Grenze wäre für Ausreisende offen, nicht für Touristen. Ich könnte also nicht zurück. Nachdem ich mein Vorrat an ungarischen Schimpfworten aufgebraucht hatte und inzwischen der Chef der Grenzer geholt war, durfte ich doch wieder zurück in den heimatlichen Osten. Mit Cheffes Kommentar: "A lány bolond." (Das Mädel ist blöd.")

Nun ging es doch noch nach Budapest und dann per Bahn nach Hause. Die Züge AUS Ostberlin proppenvoll, in meinem Zug NACH Ostberlin waren ein paar besoffene Polen und ich. Der Schaffner empfahl mir, mich einzuschließen, er würde den Grenzern sagen, wo ich bin. Von den Grenzern wurde ich ziemlich bestaunt, es gab nur wenige "Rückreisende", in diesen Tagen.

Dann war ich wieder in heimatlichen Gefilden.  Und zwei Tage später war die Grenze offen. Was für eine Überraschung. Ich nutzte die Chance und machte mich gleich wieder auf den Weg. Per Anhalter nach Belgien. Mit Übernachtung in einer besetzen Fabrik in Köln, zu der mich eine Kreuzberger Punkband "verschleppt hatte". In Belgien klinkte ich mich dann erneut in die Joe Cocker Tour ein...
Aber das ist schon wieder ein andere Geschichte.


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