Eine schwierige Reise : Mit falschem Pass

Mit seinem kleinen Sohn wollte Tagesspiegel-Leser Werner Dörr im Oktober 1989 über die Transitstrecke nach Westdeutschland fahren. Es gab nur ein Problem. Der Kleine hatte nicht das richtige Reisedokument.

Werner Dörr

Am 27. Oktober wollte ich mit meinem Sohn Max meine Eltern in dem weit entfernten Saarland (ca. 720 km) besuchen. Ein befreundetes Pärchen, das ebenfalls seine Verwandtschaft im nahe gelegenen Kaiserslautern aufsuchen wollten, hatte sich der Reise angeschlossen. Da mein Sohn zu diesem Zeitpunkt gerade etwa anderthalb Jahre alt war, bot sich eine Nachtfahrt, die er schlafend ohne Reisestrapazen erleben würde, an. Dass es dann doch ganz anders kommen sollte, konnte keiner ahnen.

Um ca. 22 Uhr machten wir uns von Kreuzberg aus in einem uralten Mercedes auf den Weg nach Dreilinden, um dort wie immer die Staatsgrenze der DDR zu passieren und auf dem Transitweg über Helmstedt nach dem damaligen Westdeutschland zu gelangen.

Um sicher zu gehen, hatte ich von der Mutter meines Sohnes, mit der ich nicht verheiratet war, außer ihrem Pass, in dem Max eingetragen war, auch ein Genehmigungsschreiben von ihr mit, welches besagte, dass ich als leiblicher Vater meinen Sohn mitnehmen durfte. Da meine damalige Freundin Schweizerin war und heute noch ist, handelte es sich auch um einen schönen roten Pass mit weißem Kreuz. Mit ihrem Schweizer Pass hatten wir schon etliche Male zusammen mit Kind problemlos die Transitstrecken von und nach Berlin genutzt.  Dass ein Schreiben keinerlei Bedeutung für Grenzbeamte der DDR haben würde, waren wir uns nicht bewusst.

Auf jeden Fall gelangten wir nach der üblichen Zeit zur Grenze der Deutschen Demokratischen Republik. Und schon genau beim ersten Grenzhäuschen wurden wir eines Besseren belehrt. Da wir kein Visum für das Kind hatten und auch keins besorgen konnten, waren wir zur Umkehr gezwungen, aber nicht, wie sonst gewöhnt, in preußisch korrekter und sachlicher Manier, sondern zu unserem Erstaunen fast schon flehendlich, um Verständnis heischend und entschuldigend. Der Grenzbeamte sicherte uns zu, dass er uns gerne helfen oder besser gesagt uns passieren lassen würde, aber wir müssten ja auch wieder ausreisen und spätestens dort bekämen wir noch größere Probleme.

In unserer Hilfs- und Ratlosigkeit fuhren wir zurück zur Westberliner Grenze und baten die Zollbeamten dort um Hilfe, da ja alles gepackt war und das Kind fest schlief und die Großeltern warteten usw.  Zu unserem Erstaunen ernteten wir auch hier großes Verständnis und die zuständige Beamtin schlug vor, dass sie uns sofort einen Lichtbildausweis (Milchpass) für Max ausstellen würde und nur das dafür nötige Foto brauche. Aber auch das kein Problem, da es einen Fix-Foto in Zehlendorf Clayallee, Ecke Berliner Straße geben würde, der 24 Stunden offen hätte. Dieses Fotogeschäft gibt es noch heute.
Wir also auf der Westtangente zurück bis zur Clayallee, den schlafenden Jungen geweckt und ihn der verdutzten Fotografin vor die Linse gehalten und auf dem schnellsten Weg siegessicher zurück zur Westgrenze nach Dreilinden.

Aber hier hatte sich ein neues und eigentlich nicht lösbares Problem zwischenzeitlich ergeben. Die deutsche Zollbeamtin durfte natürlich einem Schweizer, der nun mal mein Sohn war, keinen deutschen Pass ausstellen. Aber in diesen bewegten Zeiten verstieß dieser edle Mensch gegen ihre eigenen Vorschriften und stelle dem Kind eine deutsche "Kinderlichbildbescheinigung" aus, die sie allerdings nur auf einen Monat gültig schrieb. ie bat mich inständig, sie niemals zu verraten, was ich auch keineswegs tun würde und bis heute nicht getan habe. Sollte sie aber diesen Artikel zufälligerweise zu lesen bekommen, würde ich mich natürlich liebend gerne heute nochmals bedanken und ihr für ihren damaligen Mut Respekt zollen.

Die Reise konnten wir übrigens problemlos durch die DDR am 27. Oktober 1989 fortsetzen. 13 Tage später fiel die Mauer!

Den besagten  gültigen Ausweis besitze ich heute noch. Mittlerweile hat mein Sohn längst beide Staatsangehörigkeiten, aber 1989 hatte er sich für einen Monat die deutsche erschlichen.

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