Eine spannende Zeit : Rechtzeitige Rückkehr aus Moskau

Mitte 1989 nahm Tagesspiegel-Leser Karl-Heinz Füllberg eine junge Verwandte bei sich auf, die gerade aus Marzehn ausgereist war. Kurz vor dem Mauerfall machte er eine Reise mit seiner Frau nach Moskau; die junge Frau hütete solange die Wohnung. Am 9. November kamen sie von ihrer Reise zurück. Gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, dass sich Geschichte ereignete.

Karl-Heinz Füllberg

Mitte 1989 bekam Friederike, die Tochter meiner Cousine aus Marzahn die Genehmigung legal die DDR zu verlassen. Sie machte es ihrem Bruder nach, der bereits ein Jahr zuvor zu uns in den Westen kam. Der leibliche Vater von beiden war vor Jahren nach einem dienstlichen Aufenthalt im Westen nicht mehr in die DDR zurückgekehrt, so beantragten später seine Kinder zu ihm in den Westen ausreisen zu dürfen. Beide hatten zu ihrem Vater keinen Kontakt mehr, wollten aber (egal wie) in den Westen.

Friederike fuhr mit dem Zug vom Ostbahnhof durch West-Berlin nach Hannover. Dort nahm sie mein Bruder in Empfang, der dort studierte und setzte sie ins Flugzeug. So kam sie zu uns in den Wedding. Meine Frau und ich hatten dort eine geräumige Zwei- Zimmer-Wohnung mit Bad und Küche. Wir rückten zusammen und nahmen Friederike wie eine Tochter auf. Sie war gelernte Erzieherin und mit ein wenig Hilfe und Beziehung bekam Friederike eine Stelle über das Bezirksamt Wedding in einer Ganztagsschule. Wohnungen auf dem Mietmarkt zu finden, war fast unmöglich, und nach Marienfelde wollten wir sie nicht bringen.

Eines Abends überraschten mich meine Frau und Friederike mit der Bemerkung, wir könnten doch für „unsere Einquartierung“ eine kleine Wohnung kaufen. Nach langem Überlegen bekamen beide „grünes Licht“ sich auf dem Wohnungsmarkt umzusehen. Wochen später schleppten mich beide ins „Englische Viertel“ an der Grenze zu Reinickendorf. Dort zeigten sie mir eine kleine Ein- Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und Balkon, leider in der Nähe der Einflugschneise des Tegeler Flughafens, das spielte damals aber keine Rolle. Meine Frau und ich kauften die Wohnung, dann wurde tapeziert, gemalert und das Zimmer bekam einen neuen Teppichboden.

Im Vorfeld hatten meine Frau und ich eine Reise gebucht. Friederike sollte während unserer Abwesenheit in unserer Wohnung bleiben und nach unserer Rückkehr würden wir dann den Umzug machen. Es war eine Gruppenreise und sie ging (ausgerechnet) nach Moskau. Es war dort sehr interessant: Bei der Einreise mussten wir drei Mark für einen Rubel   zahlen, nach einer Woche war es umgekehrt, man bekam drei Rubel für eine Mark. Auch hatten wir Kontakte zu jungen Leuten, die in deutsch und englisch uns immer wieder erzählten, dass sie in den Westen - möglichst in die USA - wollten.

Genau am 9. November 89 ging unser Rückflug nach Berlin-Schönefeld. Im Flugzeug saßen vor uns einige „Blau-Hemden“ der FDJ, da wir nichts mitbekommen hatten, was an den vorigen Tagen in Berlin passierte und da einer von denen in der Prawda las auf dessen Titelbild ein Foto von Egon Krenz war, fragte ich ihn, was es Neues gibt und warum der Krenz auf dem Titelblatt ist. Das „Blauhemd“ fauchte mich nur an, er könne auch kein russisch.

Im Wedding wieder angekommen, nahm ich den Stapel „Tagesspiegel“, der vor unserer Tür lag und legte mich in die Badewanne. Puh...was wir alles verpasst hatten!?  Danach machte ich den Fernseher an und kam gerade rechtzeitig als Schabowski den berühmten Zettel vorlas, dass „sofort, unverzüglich“ eine Ausreise nach West-Berlin möglich sei. Ich sagte zu meiner Frau: „Die machen die Mauer auf!“ Anschließend rief ich meine Cousine in Ostberlin an:„Die Mauer geht auf“. Sie meinte nur ganz cool, ob es in Moskau zuviel Vodka gab. Meine Frau wollte zur Bernauer Straße, ich war aber etwas besorgt, weil Friederike noch nicht da war. So blieben wir vor dem Fernseher und warteten. Später kam Friederike mit lautem Hallo, mit Lachen aber auch mit Freudentränen. Die halbe Nacht wurde geredet und diskutiert, aber wir mussten ja alle am nächsten Morgen zur Arbeit.Die Nacht war allerdings um 4 Uhr zu Ende. Eine andere Cousine rief aus New York an und wollte wissen, was bei uns in Berlin los sei. Nun begann in Berlin eine schöne aber auch spannende Zeit.

In der Woche nach dem 9. November zog Friederike in ihre neue Wohnung ein. Kurze Zeit später zog es sie der Liebe wegen nach Westdeutschland. Jetzt lebt sie, verheiratet und mit zwei Kindern, westlich des Rheines.



Umfrage

East Side Gallery: Die bekanntesten Reste der Berliner Mauer wurden versetzt. Was halten Sie davon?

0 Kommentare

Neuester Kommentar