Eine spontane Reise : Ausverkaufszeit für Bananenverkäufer

Nach dem 9. November wollten Tagesspiegel-Leserin Barbara Hummel-Joesten und ihr Mann unbedingt nach Berlin. Die Stimmung war für sie größtenteils überwältigend. Aber sie machte auch andere Beobachtungen, die sie in einem Gedicht festhielt

Barbara Hummel-Joesten

Über dieses Jahr, mein Jahr 89, wäre eine lange Geschichte zu schreiben. Denn es verlief für mich ziemlich aufregend. Ich will mir und dem Leser jedoch Details ersparen. Jedenfalls war  ich dabei, meine Facharztausbildung zur Radiologin im Krankenhaus abzuschließen. Ich hatte jedoch so vielfältige unerfreuliche Krankenhauserlebnisse auf einer Krebsstation gesammelt, dass ich in der Endphase, die ich in einer radioonkologischen Abteilung verbracht hatte, begriff, dass ich mich gar nicht mehr als radiologisch tätige Ärztin sehen wollte.

Nach all` den Jahren in einem mehr oder minder technischen Fach entschied ich mich nun, Hausärztin zu werden. Und ich sah mich als ganzheitlich tätige Landärztin. Diese nicht ganz einfache Entscheidung bahnte sich für mich eigentlich schon im Jahr 88 an. Doch es brauchte verschiedene Überlegungen. Die Entscheidung fiel dann 89 und ich verließ die Krankenhausarbeit endgültig ende September 89. Mein Entschluss stand fest, ich wollte mich in einer Landarztpraxis bewerben.  Nach meinen anstrengenden Lehrjahren genoss ich erstmals pure Zeit. Ich las, besuchte Freunde, ging ins Kino, schrieb mir meine Gedanken von der Seele, alles unbelastet von Krankenhausdiensten.

Das Gefühl des Eingesperrtseins

In Berlin lebten mein Mann Ferdinand und ich schon seit 83 nicht mehr. Ferdinand hatte die Enge in Berlin und das Gefühl von eingesperrt sein durch die Mauer um West-Berlin nicht mehr ertragen. An jenem 9. November 89 waren wir abends im Kino und sahen „Das Spinnennetz“, Bernhard Wickis spannende Verfilmung des gleichnamigen Romans von Joseph Roth. Durch unseren Kinoabend in Ravensburg versäumten wir die Nachrichten. Und in der Kneipe, die wir nach dem Filmerlebnis besuchten, war die Maueröffnung an diesem Abend kein Thema.

Dafür weckte uns am nächsten Morgen unser Radiowecker mit jubelnden Stimmen, einem grölenden Radioreporter und dem Lied „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt `ne kleine Wanze….“------wir lagen sprachlos und wie erstarrt nebeneinander im Bett bis wir begriffen, die Mauer ist offen. D i e  M a u e r  i s t  o f  f e n  -  mein Gott die Mauer ist offen….heulend umarmten wir uns. Und noch am gleichen Tag beschlossen wir, jetzt und sofort nach Berlin zu fahren. Leider hatte ein Freund von uns am Samstag, den 11.November, eine Ausstellungseröffnung in seinem Maleratelier. Die nahmen wir noch brav mit und dann fuhren wir los.
Was für eine Fahrt. Trabis ohne Ende mit uns auf der Autobahn über Nürnberg, Hirschberg nach Berlin. Freundliche Grenzer, von denen man annehmen musste, dass sie nur auf diesen Augenblick gewartet hatten. An jeder Parkbucht ausgelassene und oft winkende Menschen. Eine unbeschreibliche Tour, fast ein wenig wie durch ein Märchenland. Ein Volk im heiteren Aufbruch in eine grenzenlose Zukunft.

Warten vor dem Sexshop

Berlin verströmte vielfach die gleiche Stimmung und wir waren mittenmang, so, als wären wir nie weg gegangen. 
Trotz allem Frohsinn, gewannen wir in den folgenden Tagen jedoch sehr verschiedene und nicht nur heitere Eindrücke. Volle Buch- und Plattenläden und lebhaft diskutierende Menschengruppen einerseits, aber auch abgerackerte, stumme Leute, die sich an der Gedächtniskirche um einen Teller Suppe anstellten, oder bepackt mit vollen Tüten an  Kaufhausschaufenstern herum drückten. Vor einem Sexshop standen todernste Männer und warteten, bis sie an die Reihe kamen. Und die Bananenverkäufer hatten ihre Ausverkaufszeit.

Ich schrieb damals für mich und meine Freunde nachfolgendes Gedicht:

Bananen Orangen
Und Sex en gros
Dazwischen `ne Suppe
Wat sind wir froh

Bananen Orangen
im Ausverkauf
Plastik statt Plaste
`ne Peepshow noch drauf

Bananen Orangen
Für 100 Mark Ost
`ne Platte von Biermann
Det kommt von Glasnost

Bananen Orangen
Kurse und Handel
Planwirtschaft Marktwirtschaft
Sozialismus im Wandel

Bananen Orangen
Von hüben nach drüben
Westen zum Testen
Freiheit in Tüten

Auf der Mauer
Im Märzen der Bauer
Brüder zur Sonne
Zur Freiheit die ich meine
Filter in die Schlöte drüben
Schluss mit der Wohnungsspekulation hüben
Statt ein Volk ein Mensch
Was sonst – auch träumen heißt leben

Wir freuen uns noch heute an dieser Wende und unserer spontanen Tour damals. Die hätten wir nicht unternehmen können, wenn ich noch im Krankenhaus gearbeitet hätte. Denn solche spontanen freien Tage kann sich natürlich ein Arbeitnehmer nicht leisten. Ein Praxisinhaber übrigens auch nicht. Aber ich hatte die Zeit und ich habe sie genutzt.

Inzwischen hat sich viel verändert. Aber davon will ich heute nicht schreiben. Ich stieg im Februar 1990 in eine Landarztpraxis mit ein und da arbeite ich heute noch zufrieden als Allgemeinärztin, obwohl auch im Gesundheitsbetrieb die Winde rauer wehen.

Dieses Jahr 89 war sicher eines meiner aufregendsten.



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