Erlebnisbericht und Fotoreportage : 9. November 1989: Wo ist denn der Aufruhr?

Er fuhr in den Osten – und war gelangweilt: Doch Tagesspiegel-Fotochef Kai-Uwe Heinrich fand bald, was er suchte. Und noch viel mehr. Ein Erlebnisbericht und eine historische Fotoreportage vom 9. November 1989.

Kai-Uwe Heinrich
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Trabi am Ku'damm, am 9. November 1989.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Plötzlich geriet ich zwischen die Frauen. Im Oktober ’89 war ich gerade 22 – und dachte: Diesem Stress mit den Mädels gehst du besser aus dem Weg.

Natürlich waren Frauenprobleme nicht mein einziger Anreiz, mir ein Visum für Ost-Berlin zu besorgen. Ich bin West-Berliner, Kreuzberger. Im Fernsehen hatte ich die Proteste im Osten gesehen, die Großdemos. Dass sich da etwas bewegt. Faszinierend! Das schaust du dir an, dachte ich, daran willst du teilhaben, da fährst du hin. Fotos machen.

Ich war damals Fotograf bei der US-Airforce und saß in einem Büro auf dem Flughafen Tempelhof. Ich glaubte, ungefähr zu wissen, was da auf mich zukommt.

Klar, ich ahnte nicht, dass der 9. November ein besonderer Tag werden würde. Morgens trödelte ich erst mal. Irgendwann beschloss ich: Heute fährst du. Ich bin zur S-Bahnstation Friedrichstraße gefahren und gegen 12 Uhr mittags in den Osten eingereist. Dutzende Male war ich zuvor auf dem Transit gewesen und zweimal auch bei Bekannten in Görlitz, aber in Ost-Berlin war ich vorher nie gewesen. Und vom ersten Moment an dachte ich: Ist das hier ätzend. Dieser typische Ostgeruch, man kann den gar nicht beschreiben.

Also lief ich durch Ost-Berlin. Es war kein besonderer Tag, und ich relativ orientierungslos. Erst Unter den Linden lang, zum Alexanderplatz, bis zur Weltzeituhr, am Palast der Republik vorbei. Und das Einzige, was ich dachte, war: Wo ist denn der Aufruhr? Es war total langweilig! Kein einziges Foto habe ich gemacht. Nicht eins.

Ich bin in die Breite Straße gegangen, zur Stadtbibliothek. Dort hingen Bilder der Oktoberproteste, ich weiß nicht mehr, ob es die von Leipzig oder Berlin waren, mit Kerzen und Plakaten, der einzige Beweis dafür, dass hier etwas passierte. Es war ein regnerischer Tag, diesig und dunkel, und nach drei Stunden sinnlosem Fußmarsch überlegte ich, was ich mit meinen 25 zwangsumgetauschten Ostmark anstellen könnte. Dafür kriegst du am Imbiss 25 Dampfwürste, aber was willst du mit 25 Dampfwürsten? Da biss man rein, und es spritzte.

Alles, insgesamt, sehr langweilig. Ich beschloss, wieder nach Hause zu fahren. Noch immer mit 23 Ostmark in der Tasche. Am Bahnhof Friedrichstraße standen damals immer Damen, die Blumen verkauften. Ich glaube, die lebten nur von dem Geld, das ihnen Leute schenkten, die wieder nach West-Berlin fuhren. Ich habe ihnen also auch mein Geld gegeben und bin zurück nach Tempelhof.

Am S-Bahnhof Papestraße stieg ich aus und lief zufällig in meine, naja, Noch- Freundin. Sie hatte sich von ihrem neuen Freund abholen lassen. Extra ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt, damit ich sie dabei nicht sehen konnte. Der 9. November war für mich noch nicht der Tag des Mauerfalls, ich bin erst mal nur meine Freundin losgeworden.

Ich bin nach Hause, etwas deprimiert, und dachte: Mein Gott, was für ein Scheißtag. Im Fernsehen sah ich die Nachrichten, die Pressekonferenz mit Schabowski. In diesem Moment dachte ich: Nee, oder? Ich war doch gerade drüben! Und da war nix!

Also schnappte ich mir wieder die Kamera, zehn Filme, mehr hatte ich nicht da. Dann fuhr ich zum Checkpoint Charlie, dem Grenzübergang der Alliierten, für die ich ja arbeitete. Ab acht Uhr stand ich dort. Es kamen immer mehr Leute, aus Kreuzberg. Sie fingen an, mit den Ost-Grenzpolizisten zu diskutieren, die natürlich von gar nichts wussten. „Neee, die Mauer ist nicht auf“, sagten die. Die Kreuzberger: „Hamse nicht ferngesehen? Wir wollen rüber, die Mauer ist auf.“ – „Nee, die Mauer ist nicht auf.“ Naja.

Die Leute drängten schon über den weißen Grenzstreifen. Wir wurden immer mehr. Manche waren auf die Grenzanlagen geklettert. Die wollten da jetzt drüber. Wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht, dass am Checkpoint Lkws mit Volksarmisten aufgefahren waren, die da standen und nur auf ihren Einsatzbefehl warteten. Hätten wir das gewusst, hätte sich bestimmt keiner auf die Mauer gestellt.

Ich traf einen befreundeten Fotografen, der sagte: Kai, heb mich mal hoch. Ich bin mit ihm auf der Schulter durch diese Menschenmassen durch. Ich war schmächtig damals, er wog 100 Kilo.

Kurz nach Mitternacht durften die ersten Ossis über den Checkpoint nach Kreuzberg. Alle fanden es toll. Hatten Tränen in den Augen. Ich stand bis halb eins da und war verwirrt. Mir war klar, das war es jetzt mit meinem Job bei den Amis. Dann fuhr ich zur Glienicker Brücke, weil ich schauen wollte, wie es anderswo aussieht.

Ich habe auch dort fotografiert, auch da war es beeindruckend, die Menschen, die Massen, die Freude.

Ab diesem Moment verlieren sich meine Erinnerungen. Die Fotos zeigen, dass ich noch am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße gewesen sein muss, am Ku’damm, am Kranzlereck. Um drei, halb vier Uhr nachts fuhr ich zurück zum Flughafen, um meine Bilder zu entwickeln. Mit den Abzügen in der Hand klingelte ich bei einer Bildagentur, nachts um halb fünf. Der Typ sah nur meine Bilder an und sagte: „Haben wir schon, brauchen wir nicht.“ Das war’s für’s Erste. Ich habe nie wieder versucht, sie zu verkaufen.

Morgens drauf bin ich ganz normal zur Arbeit gefahren. Mein Kollege Mike setzte sich dazu, er hatte den Tagesspiegel in der Hand, wie immer. „Übrigens, die Mauer ist auf“, sagte er. Der hatte überhaupt nichts mitbekommen von dieser Nacht! „Ich weiß, ich war dabei“, sagte ich. – „Wie, du warst dabei?“

Ich hörte im Radio, dass es eine Kundgebung geben soll, am Rathaus Schöneberg. Ich kam früh, als gerade das Rednerpult aufgebaut wurde. Dort stellte ich mich hin und beschloss, nicht mehr von der Stelle zu gehen. Bis acht, neun stand ich da, und schließlich erlebte ich mit meiner Kamera diesen schrägen Auftritt von Momper, Genscher, Brandt, Kohl, Wohlrabe. Ich hatte keine Leiter, aber da waren überall Menschen, also musste ich mit der Kamera immer über den Kopf fotografieren. Ich glaube, das sieht man auch.

Danach fuhr ich zum ersten Mal heim, um zu schlafen. Das waren ja mal zwei schräge Tage, dachte ich.

Seit dem Mauerfall bin ich mehrmals umgezogen. Die Fotos habe ich 18 Jahre nicht mehr gesehen. Zum zehnjährigen Wendejubiläum konnte ich sie nicht finden. Dieses Jahr habe ich die Negative im Keller wieder auftreiben können. Ich bin wirklich froh, dass die auch diverse Havarien überstanden haben. Hätte ja schiefgehen können.

Es war typisch für mich, dass ich am 9. November in Ost-Berlin kein einziges Foto gemacht hab. Wäre natürlich grandios gewesen: „Guck mal, 24 Stunden Berlin am 9. November.“ Naja. So ist der Heinrich halt. Die besten Gelegenheiten lässt er aus.

Von der Freundin habe ich mich kurz danach übrigens ganz und gar getrennt. Mit ihr bin ich heute wieder gut befreundet. Wenn man sich einmal geliebt hat, klappt das ja.

Im Dezember ’89, das Ende meines Jobs bei den Amerikanern war nun tatsächlich absehbar, hatte ich mein erstes Bild im Tagesspiegel. Verheiratet bin ich heute übrigens mit einer Frau aus dem Osten.

– Aufgezeichnet von Martin Machowecz

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