Geschichte im Bild : Wallfahrten mit der Kamera

Die Tage nach der Maueröffnung nutzte Tagesspiegel-Leser Gottfried Schenk für ausgiebige Foto-Exkursionen. Diese einmaligen Tage wollte er unbedingt im Bild festhalten. Bis zum Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 machte er mehr als 500 Fotos.

Gottfried Schenk
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Die Mauer muss weg. Gottfried Schenk.Foto: privat

Jedes Mal, wenn ich die fantastischen Bilder sehe: die jubelnden und feiernden Menschen auf der Mauerkrone, die herzzerreißenden Szenen an den Grenzübergängen, das rauschende Fest auf dem nächtlichen Kurfürstendamm, dann schwingt auch ein wenig Wehmut mit. Denn der 9. November ’89 begann für mich erst am Tag danach. Die Ereignisse der dramatischen Maueröffnungsnacht sind sprichwörtlich im Schlaf an mir vorüber gegangen. Kein Hammergetöse und kein Ku'damm-Jubelschrei; erst Kinobesuch, an den Film kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern (nur dass es die Filmbühne Wien gewesen ist), dann Heimfahrt über den nächtlichen, wie ausgestorben wirkenden Kurfürstendamm zur Avus nach Zehlendorf. Aus unerfindlichen Gründen kein Radio und auch kein nächtliches Abhängen zuhause vor dem Fernseher.

Am nächsten Tag geruhsames Aufwachen im „Tal der Ahnungslosen“. Die herbstliche Farbenpracht vor meinen Fenstern sonnenüberflutet, nach all den nebelgrauen Frühnovembertagen endlich ein Morgen zum Aufleben, was ideale Voraussetzungen für das geplante Fotoshooting bei einer befreundeten Künstlerin bedeutete. Auf dem Weg nach Steglitz nichts Auffälliges. Doch was hatte die ungewöhnlich große Zahl von Trabis, Wartburgs und Ladas zu bedeuten, die, je weiter stadteinwärts ich kam, jeden Quadratzentimeter am Straßenrand und auf den Mittelstreifen okkupierten? Ein atemloser Druck auf den Einschaltknopf des Autoradios, und das Unvorstellbare  hatte Gestalt angenommen: Die Mauer war auf!

Aufbruch an die Orte des Geschehens

Kopfkino, cerebrale Lähmungserscheinungen, aus Überforderung erst einmal der Entschluss, wie geplant weiter zu machen. Das Atelier meiner Freundin mediterran lichtdurchströmt, wie im Rausch ein Bild nach dem anderen auf Kodakchrome gebannt; angesichts des elektrisierenden Ambientes trat sogar die aufwühlende Neuigkeit in den Hintergrund. Erst am Nachmittag schließlich Aufbruch an die Orte des Geschehens. Beginnend mit einem Abstecher auf die Aussichtsplattform des Europacenters - angetrieben von der Vorstellung, bald einem von Grund auf veränderten Berlin entgegen zu sehen. Unter dem stoisch kreisenden Mercedesstern ein faszinierender Blick auf den Kurfürstendamm mit seinen promenierenden Ost-West-Menschenmassen. Aber noch magischer der Ausblick in Richtung Osten: Fernsehturm, Hotel Stadt Berlin, Charité, vor den Neubaublocks der Wilhelm-Pieck-Straße gerade noch erkennbar das weiße Mauerband.  Würde das Alles bald nur mehr Geschichte sein?

Wieder unten, aufgeregtes Eintauchen in der Menge. Doch keine Spur der Freudenszenen aus der Maueröffnungsnacht. Auf dem Kurfürstendamm und um den Bahnhof Zoo: Schwärme von Ost-Besuchern im schier endlosen Fluss, mit unsicherem Blick an ungläubig staunenden „einheimischen“ West-Berlinern vorbei defilierend. Keine Kontaktaufnahme, kein Aufeinanderzugehen, keine Umarmungen und Küsse der wiedervereinten „Brüder und Schwestern“. Eingepuppt wie Eisschollen in einem Fluss trieb man aneinander vorbei. Angesichts der bedrückenden Überzahl konnte ich sogar ein leises Gefühl von Beklemmung nicht abwehren. War das die Invasion des „neuen sozialistischen Menschen“? - Bei dem mir vor allem seine Uniformität auffiel – nicht nur die der Kleidung.

Trotzig blickende Grenzsoldaten

Am Brandenburger Tor dann die weihevolle Stimmung eines Open-Air-Gottesdienstes. Vorne im Rampenlicht der „Altar“ – die Mauer mit ihren obenauf postierten, trotzig blickenden Grenzsoldaten. Umbrandet von einer hingebungsvoll staunenden Schar von „Gläubigen“, eingekreist von Übertragungswagen, Kameras auf Schwenkarmen und Reportern in aufgeregtem Live-Stakkato. Bedauerlicherweise hatten Ordnungshüter aus Ost und West der nächtlichen Anarchie ein jähes Ende bereitet. Wozu auf der Westseite ein schlichtes Absperrband genügte, wogegen die verunsicherten DDR-Grenzorgane mit einem Großaufgebot von Uniformierten jeden Kletterversuch im Ansatz zu unterbinden wussten.

 

Am nächsten Tag, der Mauerfall hatte sich ja freundlicherweise das beginnende Wochenende ausgesucht, war ich wieder da. Auch am darauffolgenden Tag, einen Sonntag, der mit dem euphorisch bejubelten Abbruch eines ersten Teilstücks der Mauer in die Geschichte einging. Er machte mich zum glücklichen Augenzeugen der Eröffnung des neuen Grenzübergangs am Potsdamer Platz. Danach habe ich den Überblick verloren, keine Ahnung, wie oft es mich in den folgenden Wochen und Monaten an die magischen Orte zog: zum Reichstag, ans Brandenburger Tor, auf die Aussichtsplattformen am Potsdamer Platz und zum Checkpoint Charlie. Die Häufigkeit meiner Ausflüge ist jedenfalls durch die beachtliche Zahl von mehr als fünfhundert Dias belegt, die in den Tagen zwischen dem 10.11.89 und dem 3.10.90 den Verschluss meiner Canon A1 passiert haben. Für mich als langjährigen „Inselstadtbewohner“ war es ein Herzensanliegen, das allmähliche Verschwinden der Mauer in allen Etappen und Details festzuhalten.

Die Exkursionen an bröckelnde Grenzanlagen bescherten mir, nach der emotionalen Schockstarre der ersten Stunden, Glücksgefühle einer neuen Dimension. Jeder meiner Aufenthalte wurde zu einem Erbauungserlebnis, wie sie sonst wahrscheinlich nur gläubigen Menschen bei Wallfahrten zuteil werden. Nach der bleiernen Nachkriegszeit, am Ausklang eines Jahrhunderts der Schande, kaum fassbar, plötzlich die Wende zum Guten. Seither sind wieder Ernüchterung und Gewöhnung eingezogen, trotzdem bleiben Mauerfall und Wiedervereinigung die bewegendsten politischen Ereignisse meines Lebens. Sie haben zu meinem Ende 2008 erschienenen Roman „Wenderomanze“ geführt, der das Erlebte in Form einer Ost-West Liebesgeschichte wieder auferstehen lässt (Verlag Dietmar Fölbach, Koblenz).

 

 

 

 

 

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