Heiter und problemlos : Das Ende der Geschichte

Tagesspiegel-Leser Bertram Bleiming studierte im Herbst 1989 in Münster. Als in Berlin Geschichte passierte, wollten er und seine Freunde das nicht verpassen.

Bertram Bleiming

Natürlich fuhren wir sofort nach Berlin. Die Menschen tanzten auf der Mauer, und das in einer kalten Novembernacht- unfassbar. Da mussten wir hin. Ein Mitbewohner unserer Studenten-WG in Münster hatte einen Bruder in Berlin- Neukölln. Da konnten wir schlafen. Ein echtes Abenteuer für vier Coesfelder Jungs. Berlin, das war sonst immer ein grauer Ort, den man besuchen musste am Ende der 10. Klasse. Und jetzt eine Stimmung wie in Köln zum Karneval. Einfach unvorstellbar.



Ich selbst war schon als Student 4x in der DDR mit Jugendlichen in meinem Alter gewesen, alles vom Kreis Coesfeld organisiert. Immer kam einem alles so unwirklich, grau, trist, perspektivlos und marode vor. So richtig von ihrem System überzeugte DDRLer habe ich keine getroffen, obwohl man sich immer alle Mühe gab, uns „eisenharte“ Sozialisten vor die Nase zu setzen- meistens in Gestalt von „Berufsjugendlichen“ um die 40, die angeblich die FDJ vertraten. Doch meistens wurde am späten Abend nach unendlich langen Vorträgen über die Vorzüge des Sozialismus im Allgemeinen und der DDR im Speziellen einem hinter vorgehaltener Hand von den Jugendlichen, die sich vom Alter her auch zu Recht so bezeichnen durften, verraten, dass vielleicht doch das eine oder andere noch verbesserungswürdig sei und man sich auch mal dies und das gerne leisten können würde.

Ich hatte immer wieder das Gefühl, wenn ich die DDR nach einer solchen Reise verlassen hatte,  ins Paradies zurückzukehren. Natürlich war auch das nicht wahr und natürlich hatte auch das „Paradies Bundesrepublik“ seine Schwächen, aber wir freuten uns dennoch wie Kinder über den Anblick z.B. eines Schnellrestaurants, der aus unserer Sicht „richtigen“ Autos oder einer gepflegten, farbenfrohen Innenstadt, wenn wir mit dem Bus aus der DDR nach Westdeutschland zurückfuhren. Sehr gut erinnere ich mich an meine letzte Fahrt in die DDR im April 1988, als ein schon älterer Grenzsoldat nach den damals üblichen endlosen Grenzkontrollen ins Mikrofon des Busses sagte: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der DDR mit viel Sonne- den Rest müssen sie sich schon selbst organisieren!“. Es war schwierig, das Lachen zu unterdrücken. Und bei weiterem Nachdenken wäre es einem auch im Halse stecken geblieben.



Doch nun war alles anders. Die Mauer war gefallen.



Endlich erreichten wir Helmstedt, den legendären Grenzübergang zur DDR. War man früher immer sehr schweigsam, um die Grenzsoldaten nicht zu Reaktionen zu verleiten, die die Wartezeit erheblich verlängern konnten, so lachten wir diesmal die ganze Zeit und konnten es kaum erwarten, nach Berlin zu kommen. Die Kontrollen waren unerwartet locker und pro-blemlos, wohl auch deswegen, weil viele Westdeutsche dieselbe Idee hatten wie wir und sich bereits erhebliche Wartezeiten ergeben hatten an diesem Grenzübergang. Vielleicht wurden sich in diesem Moment die Grenzsoldaten bereits langsam bewusst, dass angesichts der historischen Ereignisse ihre Tätigkeit an einer innerdeutschen Grenze völlig sinnlos war und ihr Beruf bald keine Zukunft mehr haben dürfte.

Auf der Fahrt durch die DDR erlebten wir gleich die nächste Überraschung. Immer wenn es zu einem Stau kam, weil die Autobahn einfach restlos überfüllt war, und wir also halten mussten, stiegen die Menschen aus ihren Mercedes, VWs oder eben Trabants aus und gingen aufeinander zu, gaben sich gegenseitig Sekt und Zigaretten aus, lachten und wünschten sich alles Gute- die Wiedervereinigung fand bereits auf den ostdeutschen Autobahnen des Novembers 1989 statt. Alle, ob aus West oder Ost, hatten nur ein Ziel: zur Mauer nach Berlin und dabei sein, wenn diese endgültig fällt

In Berlin schließlich war das Chaos kaum noch zu beschreiben. Nichts funktionierte mehr wie gewohnt, und doch blieb alles friedlich. Mit dem Auto kam man nicht weit. Überall beherrschte die einzigartige Geräusch- und Geruchskulisse der Zweitaktmotoren die Szenerie. Immer mehr Menschen aus dem anderen Teil Deutschlands kamen über die nun offenen Grenzübergänge. Jeder wollte dabei sein bei diesem deutschen Wunder, jeder wollte mal den Ku´damm sehen und jeder wollte natürlich auch sein Begrüßungsgeld abholen von 100 DM und dementsprechend waren alle Verkehrsregeln aufgehoben, die Ampeln ausgeschaltet, weil einfach zu viele Menschen für einen geregelten Verkehr unterwegs waren. Und das Erstaunlichste war- es klappte alles reibungslos. Es klappte, weil die Menschen bereit waren, auf den anderen zu achten und sich gegenseitig zu helfen. Für einen winzigen Moment glaubte man den Worten „Alle Menschen werden Brüder“!

Und immer wenn ein Bus mit der Werbung für den Wodka „Gorbatschow“ zu sehen war, dann skandierten die Menschen die unüberhörbaren „Gorbi! Gorbi!“- Rufe. Jeder wusste, wem man zu danken hatte für dieses deutsche Wunder. Helmut Kohl wurde zeitgleich am Schöneberger Rathaus ausgepfiffen. Man kann zu ihm und seiner Politik ja stehen wie man will, und ich war sicherlich auch bis dahin kein „Fan“ von ihm, aber in Anbetracht seiner Verdienste um die Wiedervereinigung empfand ich dieses Pfeifen als nicht gerechtfertigt.



An der Mauer war die Freude mit Händen zu greifen. Überall hörte man die Geräusche, die entstehen, wenn abertausend „Mauerspechte“ mit Hammer und Pickel (was sprachlich und symbolisch ja nicht weit weg von Hammer und Sichel ist- Ironie der Geschichte) an einer Mauer sich zu schaffen machen. Der Einfallsreichtum kannte keine Grenzen mehr, als es darum ging, eine Grenze zu beseitigen.

Am Brandenburger Tor versuchte die westdeutsche Polizei, die Menschen davon abzuhalten, das Brandenburger Tor zu stürmen. Dies gelang nur mit wechselhaftem Erfolg. Keiner machte sich Gedanken darüber, dass eine „chinesische“ Lösung der Ereignisse seitens der DDR- Führung ja nicht auszuschließen war. Und eben das durfte auf keinen Fall provoziert werden. Auf der Mauer standen DDR-Grenzsoldaten, die noch in diesen Tagen versuchten, DDR-Bürger dazu zu bewegen, in den Osten zurückzukommen. Unvergessen bleibt mir der DDR-Offizier, der augenscheinliche Bürger der DDR direkt ansprach und ihnen sagte, dass er sie kennen würde, und dass es für sie doch besser sei, wieder in den Ostteil der Stadt zurückzukehren. Mir kam das völlig grotesk vor angesichts der Geschehnisse dieser Tage.

Niemand dachte über mögliche Konsequenzen nach bei seinem Tun, wenn er z.B. anwesende Grenzsoldaten einfach übersehend sich unter das Brandenburger Tor stellte, eben weil man es schon immer mal tun wollte und weil es ein Stück persönlicher Freiheit war, eben das einfach auch zu tun. Ich habe das auch getan. Wie gefährlich das im Grunde war, ist mir erst hinterher aufgegangen.

Und überall in der Stadt standen LKWs der großen Lebensmittelkonzerne und bewarfen diejenigen, die einen DDR- Ausweis in die Luft reckten, mit Kaffee, Schokolade und anderen westlichen Konsumgütern. Die Kunden von morgen sollten gleich „angefüttert“ werden. Wir arme Studenten haben uns natürlich auch angestellt und uns die entsprechenden Pässe von hilfsbereiten Ostdeutschen ausgeliehen- mein erstes Erlebnis gesamtdeutscher Kooperation.

Insgesamt bleiben diese Tage für mich unvergessen, weil sie so positiv rauschhaft, problemlos und heiter verliefen. Jeder hatte das ganz naive Gefühl, nun könne es keine Probleme mehr geben, die die Menschen nicht lösen könnten.

Totalitäre Systeme, wie z. B. der Kommunismus und der Faschismus stellten keine politi-schen Alternativen mehr dar. Vielmehr sei der Weg nun überall frei für eine liberale Demokratie. Totalitäre Systeme seien zum Scheitern verurteilt, weil sie dem Grundgedanken des Liberalismus widersprächen. So hatte es der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 formuliert, als er vom „Ende der Geschichte“ sprach. Heute wissen wir, dass andere Probleme und Konstellationen die Geschichtsbücher der Zukunft füllen werden.

Für mich persönlich aber war dies ein kurzer Augenblick, wo ich tatsächlich glaubte, ein solches „Ende der Geschichte“ zu erleben. Dass ich dabei war und wir damals spontan nach Berlin gefahren sind, um all dies mitzuerleben, erfüllt mich auch heute noch mit einem gewissen Stolz. Und so ist es vielleicht auch nur folgerichtig, dass ich heute in Berlin lebe, Lehrer für Latein, Philosophie und eben Geschichte im ehemaligen Westberlin (Neukölln) bin und im ehemaligen Ostberlin (Prenzlauer Berg) wohne.

Das ist mein persönliches Ende der Geschichte

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