Historische Tickets : Ein besonderer Flug

Tagesspiegel-Leser Reinhardt Graetz war an diesem 9. November auf Dienstreise in Berlin. Am Nachmittag machte er sich auf den Rückflug nach Frankfurt. Zu Hause angekommen konnte er dann in den Nachrichten verfolgen, dass sich in Berlin gerade Geschichte ereignete.

Reinhardt Graetz

Ja, an diesem Tag war ich zufällig in Berlin. Übrigens auch am 13. August 1961 – an beiden Tagen freiwillig, aber aus ganz unterschiedlichen Motiven. Ich erinnere mich auch noch gut an die Zeit davor – als Berlin zwar schon geteilt war, aber noch nicht so richtig. Und, was vielleicht noch kurioser scheint: ich kann mich auch noch daran erinnern, dass uns Leute aus West-Berlin besucht haben – vor Juli 1952 – da fuhren sie einfach mit der S – Bahn raus zu uns, nach Oranienburg. Genauso wie sie es heute wieder tun, um zur LAGA zu kommen… Was in den 37 Jahren zwischendurch völlig unmöglich für sie war, oder nur für die „Gleicheren“…

Seit 1961 wohne ich am Rhein. 1989, am 9. November, besuchte ich die Firma Siemens Hausgeräte in Spandau, zusammen mit einem Kollegen. Unser Gespräch war früher fertig als angenommen. So buchten wir unseren Rückflug um. Bei Air Berlin waren noch Plätze frei, die Lufthansa verkaufte im Auftrag die Tickets. Zu dieser Zeit gab es eigentlich nur PanAm-Flüge von Berlin nach Frankfurt. Ich habe mir eine Kopie dieses Lufthansa-Tickets aufgehoben, mit dem Datum 9. November 1989 – eine Rarität wie eine seltene Briefmarke! Der Rückflug – Termin passte gerade, um zur „heute“ – Sendung abends um 19 Uhr rechtzeitig zu Hause zu sein. Ungefähr 7 min nach Beginn der Nachrichten sehe ich noch heute Herrn Schabowski auf dem Bildschirm: …ähem, soweit ich weiß, ab sofort…“

Ich spürte: das war kein Tag wie jeder andere – es lag schon dauernd in der Luft. Später am Abend rief ich meine Cousine an, die wohnte schon damals in Charlottenburg. Wir dachten laut darüber nach, wie es wohl in Berlin weitergehen würde. Wenn ich heute darüber rede, komme ich mir vor, als stünde ich in einem fiktiven Museum und erzähle den Besuchern etwas aus der späten Steinzeit – klar, die Mauer bestand ja auch aus Steinen! Nein, sie stand keine 100 Jahre, und den Sozialismus hielten weder Ochs’ noch Esel auf, bei seiner rasanten Talfahrt. Es ist eben nichts beständig in dieser unserer Welt.

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