Kinder von Stasi-Mitarbeitern : Mein Vater, der Spitzel

Der Sturm auf die Zentrale beendete vor 20 Jahren die Macht der Stasi. Die meisten ihrer Geheimnisse wurden öffentlich. Doch in vielen Familien einstiger Mitarbeiter wird weiter geschwiegen.

Timo Hoffmann
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Thomas Raufeisen vor einem Wachturm des früheren Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen.Foto: Timo Hoffmann

Wenn Thomas Raufeisen seine Geschichte früher anderen erzählte, wurden sie plötzlich still. „Sie waren so erschüttert, dass das Gespräch sofort tot war“, sagt er. Seine Geschichte – für Raufeisen beginnt sie am 22. Januar 1979, einem feucht-trüben Montag in einem eiskalten Winter. Der 16-Jährige kommt mittags mit dem Bus aus der Schule. Anders als sonst ist sein Vater, der als Geophysiker beim Preussag-Konzern arbeitet, schon zu Hause in der Drei-Zimmer-Wohnung in Hannover. Es habe einen Anruf gegeben, Opa gehe es sehr schlecht, sagt Armin Raufeisen. „Wir müssen unsere Sachen packen und losfahren.“

Thomas, sein 18-jähriger Bruder Michael und ihre Mutter Charlotte sind nicht überrascht. Charlottes Vater, der auf Usedom lebt, ging es schon länger nicht gut. Um 15 Uhr fahren die vier Raufeisens in ihrem weißen Audi los. Die Stimmung ist gedrückt. Charlotte und die Jungs sorgen sich um den Großvater. Es wird dunkel.

Der Übergang Helmstedt–Marienborn ist hell erleuchtet. Gegen 16 Uhr passiert der Wagen die Grenze zur DDR. Der Vater fährt auf die Transitspur Richtung West-Berlin. Dort werde die Familie übernachten, um morgens ein Visum zu besorgen, kündigt Armin Raufeisen an. Vor Magdeburg hält er an einer Raststätte und sagt, er müsse wegen des Visums telefonieren. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass Thomas etwas komisch vorkommt. Weitere Seltsamkeiten folgen: Auf einem Rastplatz bei Potsdam trifft der Vater drei Männer, die mit einem Lada gekommen sind. Sie besorgten eine Unterkunft für die Nacht und das Visum, sagt er. Die Raufeisens folgen dem Lada – bis zu einem Haus in Eichwalde, am südöstlichen Stadtrand von Berlin. Dort gehen sie schlafen.

Am nächsten Tag eröffnet Armin Raufeisen seinen Söhnen den wahren Grund der Reise. Ihm habe in Hannover die Verhaftung gedroht, weil er ein „Kundschafter des Friedens“ sei, also ein Spion der DDR: „Wir müssen jetzt erst mal in der DDR leben.“ Ein hinzugekommener Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit wird noch deutlicher: Die Familie werde Hannover erst wiedersehen, wenn es sozialistisch sei. Als Thomas begreift, was er da hört, spürt er, „wie in Sekunden mein ganzes Leben wegbricht“. Er weint. Sein Bruder rennt aus dem Haus und droht, sich vor eine Bahn zu werfen. Seine Mutter holt ihn zurück. Auch sie hat erst hinter der Grenze erfahren, dass sie nicht nach Hannover zurückkehren wird.

Lediglich Michael kommt im Dezember 1979 wieder in die Bundesrepublik. Er ist volljährig und weigert sich, einen Antrag auf Einbürgerung in die DDR zu unterschreiben. Die Eltern unterzeichnen hingegen. Der minderjährige Thomas wird dadurch automatisch Staatsbürger. Armin Raufeisen bemerkt schnell, dass auch für Thomas und Charlotte die Aussicht, in der DDR zu bleiben, unerträglich ist. Doch seine Bemühungen um eine Ausreise scheitern. Im September 1981 wird die Familie bei der Vorbereitung zur Flucht verhaftet. Thomas wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, seine Mutter zu sieben Jahren, sein Vater zu lebenslanger Haft.

Jener Staat, von dem sich der überzeugte Kommunist Armin Raufeisen Mitte der 50er Jahre beim Bergbauunternehmen Wismut als Inoffizieller Mitarbeiter hatte anwerben lassen, von dem er sich in die Bundesrepublik hatte schleusen lassen und dem er von dort mehrmals im Jahr Interna aus seiner Firma über Erdölerschließung übermittelte – jener Staat steckte ihn, seine Frau und seinen Sohn Thomas nun ins Gefängnis.

„Dass mein Vater uns da so mit hineingerissen hat, ist unverzeihlich“, sagt Thomas Raufeisen heute. Er sitzt in einem Café in Kreuzberg und nippt an einem Bier. Der 47-Jährige ist ein unauffälliger Typ mit einem rundlichen Gesicht und angegrautem Haar. Er zeigt auf ein Papier in einer gelben Heftmappe. Sein Vater unterschrieb es 1969, als er von der Stasi zum Offizier befördert wurde. „Da steht es“, sagt Raufeisen. „Er hat sich dazu verpflichtet, seine Kinder im Sinne der DDR zu erziehen.“ In der Mappe sammelt er Dokumente seines Falls – den von Stasi-Chef Erich Mielke unterschriebenen Haftbeschluss gegen ihn, Häftlingsfotos seiner Familie, den Briefverkehr mit seinen Eltern im Gefängnis und seine Entlassungsurkunde als DDR-Staatsbürger.

Raufeisens Schicksal ist ein besonders spektakuläres und tragisches Beispiel. Doch einen Vater, der für die Stasi tätig war, haben viele. Eine Viertelmillion Menschen arbeiteten laut Unterlagenbehörde im Laufe der DDR hauptamtlich für die Staatssicherheit, 91 000 noch im Oktober 1989. Mindestens 600 000 waren laut Stasi-Statistiken in den vier Jahrzehnten des „Arbeiter- und Bauernstaats“ zusätzlich als Inoffizielle oder Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit registriert, 174 000 allein im Dezember 1988. Die meisten von ihnen waren Männer – und Väter.

Worüber sie zu Hause sprachen, war nicht ihre Privatsache. Von Inoffiziellen Mitarbeitern wurde verlangt, auch engsten Angehörigen ihre Verpflichtung zu verheimlichen. Hauptamtliche Mitarbeiter waren zumindest angewiesen, mit ihrer Familie nicht über Dienstliches zu sprechen. Nach außen erzählten sie meist, beim Ministerium des Innern oder der Volkspolizei beschäftigt zu sein. In einigen Fällen war selbst die Ehefrau über den wirklichen Arbeitgeber ebenso ahnungslos wie die Kinder – zumindest vorerst. Denn viele Kinder teilen die prägende Erfahrung jenes Moments, in dem sie vom väterlichen Doppelleben erfuhren. Manchmal traf es sie völlig unvorbereitet, etwa bei der Armee, in Oppositionsgruppen oder später beim Aktenstudium. Andere bekamen mit der Zeit mit, warum ihr Vater etwa hin und wieder in Uniform zur Arbeit ging. „Er hat zwar nie darüber gesprochen und es war immer ein Tabu“, sagt einer. „Aber irgendwann war es einfach klar.“

Ein Tabu ist es geblieben. Auch 20 Jahre nach dem Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße ist wenig darüber bekannt, welche Folgen die Taten für die Kinder der Väter haben. Das Thema existiert in der Öffentlichkeit fast nicht, weder im Internet noch in Selbsthilfegruppen, Medien, privaten Unterhaltungen oder auf dem Buchmarkt.

Der Grund dafür ist simpel: Der Großteil dieser längst erwachsenen Kinder schweigt strikt darüber. 2006 beschrieb die Schriftstellerin Jana Hensel in einem Zeitungsartikel, wie sie wochelang in ihrem Bekanntenkreis, bei Stiftungen, Vereinen, Fachleuten und Behörden herumtelefonierte und eine Chiffre-Anzeige schaltete, um Kinder früherer Stasi-Mitarbeiter zu finden. „Daraufhin bekam ich keine Antwort, wie mir auch keiner der Kontaktierten spontan weiterhelfen konnte“, resümierte sie.

Dem ist noch immer so, und einige Ursachen liegen nahe. Eine ist die Angst des Kindes vor einer Zerrüttung des Verhältnisses zu Vater und Mutter. Wer Betroffene anspricht, wird häufig mit einem knappen „Nein, meine Eltern leben doch noch“ zurückgewiesen. „Es ist ein natürliches Bedürfnis, die Eltern zu schonen“, sagt der Berliner Psychotherapeut Karl-Heinz Bomberg, der rund 15 Kinder früherer Stasi-Mitarbeiter behandelt hat. „Man will kein Nestbeschmutzer sein.“

Auch das gesellschaftliche Klima sei ungünstig dafür, sich als Kind eines Ex-Stasi-Beschäftigten zu „outen“, sagt er. „Die Angst vor Stigmatisierung ist groß.“ Hinzu kommt, dass viele Nachkommen selbst bei der Stasi arbeiteten. Weil „das Schild und Schwert der Partei“ bei seinen Mitarbeitern von einer linientreuen Erziehung der Kinder ausging, rekrutierte die Behörde ihr Personal seit den 70ern vorzugsweise aus dem Nachwuchs der eigenen Beschäftigten. Wer selbst dort arbeitete, schweigt eher über die Taten der Eltern.

Schließlich geht der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit meist ein großer zeitlicher Abstand voraus. „Man schiebt es erst einmal weg, weil die Seele sich wohlfühlen will“, sagt Bomberg. Oft beginnt die Bewältigung erst, wenn Betroffene durch ein Detail wieder darauf stoßen – oder Symptome wie paranoide Ängste, Misstrauen, Schuldgefühle oder Suchtprobleme auftreten.

Erst mit einem Abstand von Jahrzehnten haben einige wenige Betroffene ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Es sind meist Nachkommen von DDR-Spionen, die in Westdeutschland im Einsatz waren. 2004 veröffentlichte Pierre Boom, Sohn des bekanntesten DDR-Agenten Günter Guillaume seine Erinnerungen. In seinem bemerkenswerten Buch „Der fremde Vater“ beschreibt er eindringlich den Augenblick, als ihm 1974 mit dem Rücktritt von Willy Brandt als Bundeskanzler erstmals zweifelsfrei deutlich wurde, dass die Spionagevorwürfe gegen seinen Vater wahr waren. „Meine Gefühle in diesem Moment sind mit kaum etwas vergleichbar, was ich zuvor oder danach erfahren habe. Meine Eltern waren nun im Grunde wildfremde Menschen für mich, die etwas gänzlich anderes denken und fühlen mussten als jene, die ich in den letzten 17 Jahren zu kennen geglaubt hatte.“

Unvorbereitet traf es auch Nicole Glocke und Edina Stiller. Der Vater der einen, StasiOberleutnant Werner Stiller, hatte bei seinem Übertritt aus der DDR in die Bundesrepublik ohne seine Familie 1979 den Vater der anderen, den RWE-Mitarbeiter und westdeutschen Stasi-Spitzel Karl-Heinz Glocke, verraten. Nicole Glocke, damals neun Jahre alt, begann erst mit ihrem Umzug nach Berlin zwei Jahrzehnte später eine Aufarbeitung. Daraus resultierte ihr gemeinsames Buch mit Edina Stiller „Verratene Kinder“. „Sie haben uns verlassen und getäuscht, unsere sorglose Kindheit zerstört. Das hat unser Leben bestimmt“, fasst Glocke darin zusammen. Stiller schreibt, sie leide aufgrund der Geschehnisse unter Misstrauen gegenüber Männern und starken Verlustängsten.

Auch für Thomas Raufeisen war es ein langer Weg, bis er „wieder im Leben ankam“, wie er es beim zweiten Treffen bezeichnet. Vorbei an Besuchergruppen geht er zu Zelle 318 im früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, schließt die schwere graue Tür auf. Der Putz an den Wänden ist aufgeplatzt. Hier saß er nach seiner Festnahme monatelang, bevor er ins Stasi-Gefängnis Bautzen II gebracht wurde. Wie fühlt er sich heute hier? Er lacht. „Gut. Ich freue mich, dass ich nun den Schlüssel habe.“

Damals konnte er nur warten. Nach drei Jahren wurde er 1984 entlassen und durfte zurück nach Hannover. Im April 1989 durfte auch seine Mutter nach Niedersachsen ausreisen, wo sie noch heute lebt. Seinen Vater sah er nie wieder. Er starb 1987 im Gefängnis nach einer Gallenoperation. Doch seit jener Fahrt in die DDR war Raufeisens Verhältnis zu ihm bereits ein schwieriges gewesen. Der Sohn glaubte dem Vater nichts mehr, hatte keine Achtung mehr vor ihm, empfand ihn als fremd. Auch Vertrauen zu Mitmenschen musste Thomas Raufeisen sich erst wieder erarbeiten.

Heute ist er verheiratet, lebt in Berlin-Lichterfelde, hat zwei kleine Kinder. Ab und zu führt er Besucher durch das Gefängnis Hohenschönhausen. „Man muss davon berichten, damit die Leute die DDR nicht verharmlosen“, sagt er.

Das Erzählen fällt ihm inzwischen leichter. Zum einen geht es ihm nicht mehr so nah. Zum anderen hat er den Eindruck, die Leute seien interessierter und weniger überfordert, weil sie nun mehr über die DDR wissen. Wenn er seine Geschichte anderen heute zum ersten Mal erzählt, verstummen sie nicht mehr.

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