Kranzniederlegung : Auf dem falschen Fuß erwischt

Im Wendejahr 1989 besuchte die heutige Tagesspiegel-Journalistin Nana Heymann die Botschaftsschule der DDR in Moskau. Zum 40. Jahrestag der DDR hatte sie eine besondere Aufgabe. Gemeinsam mit drei anderen Schülern sollte sie als Junge Pionierin ihr Vaterland mit einer Kranzniederlegung vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz ehren. Wochenlang wurde die Zeremonie geübt. Dann kam der große Tag. Und mit ihm die Aufregung.

Nana Heymann
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Junge Pioniere zu Besuch in Moskau. Unsere Autorin steht ganz links.Foto: privat

Moskau im September 1989, der Unterricht an der Botschaftsschule der DDR hatte nach den Sommerferien gerade wieder begonnen. Ich war zwölf Jahre alt, ging in die 7. Klasse und ertrug mein Schülerdasein mit stoischem Gleichmut. Bis eines Tages die Tür zum Klassenzimmer aufging, die stellvertretende Direktorin ihren Kopf in den Raum steckte und meinen Namen rief. Sie bat mich, mit ins Büro zu kommen, sie habe etwas mit mir zu besprechen. Ich war mir keiner Schuld bewusst, befürchtete jedoch nichts Gutes.

In ihrem Zimmer sollte ich auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz nehmen. Einen Moment schwieg sie, dann blickte sie mich erwartungsvoll an: Ich sei mit drei anderen Schülern ausgewählt worden, vor dem Leninmausoleum am Roten Platz einen Kranz niederzulegen, gemeinsam mit dem Botschafter, am 7. Oktober, zum 40. Jahrestag der DDR. Warum ausgerechnet mir diese Ehre zuteil wurde, war mir nicht klar. Ich war weder eine besonders gute noch eifrige Schülerin, eher mittelmäßig engagiert. Ob es nun gut war oder nicht, vom Sozialismus gebraucht zu werden, vermochte ich nicht abzuschätzen. Und doch war ich mir der Verantwortung bewusst, die mir mit dieser Aufgabe übertragen wurde. Ich fühlte mich in gewisser Weise sogar geschmeichelt, dem Vaterland mit einer Kranzniederlegung zum Geburtstag gratulieren zu dürfen – ich war jung.

In den darauffolgenden Wochen war die Mittagspause für mich gestorben. Im Foyer der Schule musste ich mit den drei anderen Gratulanten den Gleichschritt in Zweierreihe üben: Beginn mit rechts, Niederlegung des Kranzes, kurzes Innehalten mit gesenktem Kopf, Abgang nach links, elegante Ausrichtung zur Reihe für den anschließenden Rundgang durch das Mausoleum. „Und bevor ihr vor dem Genossen Lenin stehen bleibt, nehmt das Käppi eurer Pionieruniform ab“, sagte die stellvertretende Direktorin. Uns war klar, dass wir nicht versagen durften.

Als der 7. Oktober schließlich kam, setzte der Moskauer Himmel ein griesgrämig-graues Gesicht auf. Kurz vor unserem großen Auftritt begann es zu nieseln. Wir richteten uns gegenseitig noch einmal Käppis und Halstücher. Der Botschafter fuhr in einem schwarzen Wolga vor, wir nahmen vor ihm Aufstellung, ich stand in der hinteren Reihe, unmittelbar vor dem Botschafter. Musik setzte ein, der Tross marschierte los, und noch während des ersten Schrittes bemerkte ich, dass ich vor Aufregung mit dem falschen Fuß begonnen hatte. Mit links statt mit rechts! Direkt vor den Augen des Botschafters! Auf der Strecke zum Mausoleum hoppelte ich wie ein Hase, um doch noch in den Takt zu kommen. Vergeblich. Ich hatte es vermasselt.

Den Rest der Kranzniederlegung erlebte ich wie in Trance. Ich betrat das Mausoleum, dunkel und andächtig war es dort, Lenin lag hell angestrahlt in einem großen Glaskasten, sein Gesicht war weiß. Gebannt stand ich vor Wladimir Iljitsch Uljanow, starrte ihn an und grübelte, ob das tatsächlich seine sterblichen Überreste waren oder nicht doch eine Wachsfigur. Die fauchende Stimme einer dicken Aufpasserin riss mich aus den Gedanken: „Was für eine Respektlosigkeit, mit Kopfbedeckung vor den Genossen Lenin zu treten!“ Verstohlen setzte ich das Käppi ab.

Mit schlechter Laune fuhr ich nach Hause. Das Gefühl, alles falsch gemacht und damit dem Ansehen des Vaterlandes geschadet zu haben, verfolgte mich noch eine Weile – vor allem, weil es dieses Vaterland kurz darauf nicht mehr gab. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, ob es vielleicht auch daran lag, dass der 7. Oktober 1989 mich auf dem falschen Fuß erwischt hatte.

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